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Aus: Ausgabe vom 31.07.2021, Seite 4 / Inland
Sexuelle Gewalt in der BRD

Selbstbewusster im Dunkelfeld

Studie zu sexualisierter Gewalt bei Jugendlichen vorgestellt. Fallzahlen steigen
Von Annuschka Eckhardt
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Sexualisierte Gewalt an Jugendlichen kommt nur selten zur Anzeige

Das Selbstverständnis von Jugendlichen in bezug auf Geschlecht und Sexualität scheint sich zu ändern. Viele Jugendliche gingen selbstbewusster mit ihren vielfältigen Geschlechteridentitäten um und seien sensibilisierter, sexualisierte Gewalt zu erkennen. Das besagt eine am Freitag vorgestellte Studie des sexualwissenschaftlichen Bereichs der Hochschule Merseburg im Auftrag des Ministeriums für Inneres und Sport des Landes Sachsen-Anhalt. Für die »Partner 5«-Jugendstudie wurden bundesweit 861 Jugendliche im Alter zwischen 16 und 18 Jahren befragt. Ziel war es, einen tieferen Einblick in das Dunkelfeld zu Grenzverletzungen und sexualisierter Gewalt zu erhalten.

Die Studie, die 1973 in der DDR zum ersten Mal durchgeführt wurde, hält bei ihrer fünften Erhebung einige Erneuerungen bereit. Erstmals wurden darin Jugendliche mit diverser Geschlechteridentität aufgeführt, die sich nicht mit den binären Geschlechterrollen »männlich« oder »weiblich« identifizieren, sondern Geschlecht anders definieren. Auch Formulierungen in den Fragestellungen wurden im Gegensatz zur vorherigen Erhebung 2013 verändert. Statt die Jugendlichen zu fragen, ob sie Opfer einer Vergewaltigung geworden seien, wurde dieses Mal gefragt, ob sie zum Sex oder sexuellen Handlungen gezwungen worden seien.

Anders als die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) des Bundeskriminalamtes gibt die Studie der Hochschule Merseburg auch einen Einblick in die Erfahrungswelt junger Menschen, die sexuelle Grenzverletzungen und sexualisierte Gewalt erleben mussten. Laut der Kriminalstatistik wurden im vergangenen Jahr 16.686 Kinder nach 15.701 im Jahr 2019 und 14.410 im Jahr 2018 Opfer sexuellen Missbrauchs im Sinne des Strafgesetzbuches. Während die PKS nur die Straftaten zählt, die polizeilich angezeigt wurden, beleuchtet die Studie das sogenannte Dunkelfeld. Deren Ergebnissen zufolge gelangt jeder fünfte Fall von sexualisierter Gewalt gegen Kinder inzwischen zur Anzeige. Das bedeutet, dass das Dunkelfeld fünfmal so groß ist.

Fast alle weiblichen (94 Prozent) und diversgeschlechtlichen (97 Prozent) sowie die Hälfte der männlichen Jugendlichen, die im Rahmen der Studie befragt wurden, haben bereits Formen sexueller Belästigung erlebt. Von selbst erfahrener Vergewaltigung berichten 14 Prozent der jungen Frauen, 21 Prozent der diversen und 3 Prozent der männlichen Jugendlichen. Diversgeschlechtliche Jugendliche seien in allen Bereichen häufiger betroffen und hätten auch eine größere Skepsis, Anklage zu erheben, da »die Polizei häufig noch stereotype Geschlechterbilder im Kopf« habe, wie Heinz-Jürgen Voß, der Leiter der Studie, am Freitag gegenüber junge Welt sagte.

Irina Stolt, Geschäftsführerin von Wildwasser e. V., einer Arbeitsgemeinschaft gegen sexualisierte Gewalt an Mädchen, kritisierte am Freitag im Gespräch mit jW den Umgang von Polizei und Justiz mit traumatisierten Jugendlichen. In Strafrechts- und auch in Familiengerichtsverfahren würden die jugendlichen Opferperspektiven zuwenig berücksichtigt. »Viele Betroffene müssen ein sogenanntes Glaubhaftigkeitsgutachten durchstehen, was besonders belastend und schambehaftet ist.« So lasse sich die geringe Bereitschaft, sexualisierte Gewalt zur Anklage zu bringen, erklären.

Als mögliche Gründe für die stärkere Sensibilisierung der Jugendlichen bei den Themen Geschlechteridentität und sexualisierte Gewalt vermutet Voß Kampagnen wie die unter dem Schlagwort »Me too« oder die öffentlichen Debatten um gendersensible Sprache.

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