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Aus: Ausgabe vom 30.07.2021, Seite 15 / Feminismus
60 Jahre »Antibabypille«

Selbstbestimmung mit Nebenwirkungen

Vor 60 Jahren kam »Antibabypille« auf den Markt. Befreiung, aber auch Abschiebung von Verantwortung für Verhütung auf Frauen
Von Claudia Wrobel
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So weit war Oregon in den USA schon 1948: Aufklärung für Studenten

Übelkeit und Schwindel, Kopfschmerzen, Gemütsschwankungen, depressive Verstimmungen, sexuelle Lustlosigkeit, Spannungsgefühl in den Brüsten sowie ein erhöhtes Risiko für Thrombosen, Herzinfarkt, Schlaganfall und bestimmte Krebserkrankungen – die Liste der möglichen Nebenwirkungen hormoneller Empfängnisverhütung für Frauen ist lang und abschreckend. In den laufenden Debatten wird daher zu Recht als scheinheilig und misogyn beschrieben, dass die Forschung an hormoneller Empfängnisverhütung für Männer wegen vergleichbarer Nebenwirkungen nicht weiter vorangetrieben wird. Gerade bei jungen Menschen hat in den vergangenen Jahren so auch ein Umdenken stattgefunden. Nach Angaben der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung nutzte im Jahr 2019 nur noch gut die Hälfte der Frauen zwischen 18 und 29 Jahren die Pille. Sieben Jahre zuvor waren es fast zwei Drittel in der Altersgruppe. Bei Betrachtung aller sexuell aktiven Frauen geht die Nutzung von 53 Prozent auf 47 Prozent zurück. Im selben Zeitraum stieg die Nutzung von Kondomen um neun Prozentpunkte auf 46 Prozent.

Diese Entwicklung ist begrüßenswert, da es bedeutet, dass Verhütung und Familienplanung nicht mehr als reine Frauensache angesehen werden. Doch die Kritik an der Pille aus heutiger Sicht wird ihrem gesellschaftlichen Stellenwert nicht gerecht. Denn natürlich war sie bei ihrer Einführung ein wichtiger Schritt für die Selbstbestimmung der Frau.

Als die hormonelle Verhütung als »Antibabypille« im Juni 1961 in der Bundesrepublik auf den Markt kam, durfte letztere vorerst nur an verheiratete Frauen auf Rezept ausgegeben werden. Offiziell ein Mittel gegen Menstruationsbeschwerden, wurde die empfängnisverhütende Wirkung zu Beginn als Nebenwirkung beschrieben. Das hatte vor allem moralische Gründe, da Konservative und allen voran die Vertreter der katholischen Kirche Sturm liefen gegen Verhütungsmethoden im allgemeinen und die hormonelle Verhütung im speziellen. 1964 wandten sich sogar Chefärzte von Frauenkliniken an das Bundesgesundheitsministerium, um die Pille verbieten zu lassen, da sie »staatlich geförderte Hemmungslosigkeit und die sexuelle Suchtbildung auf breiter Ebene« verhindern wollten. In dem Jahr nahmen nur 1,7 Prozent der erwachsenen Frauen die Pille überhaupt ein. Die Konservativen erkannten aber da bereits das Potential dieses Medikaments.

Doch die Frauen in der BRD protestierten für den freien Zugang zur Pille. Sicherlich führte sie dann auch dazu, dass ab Anfang der 1970er Jahre mehr junge Frauen einen Schulabschluss machen, studieren und einen Beruf erlernen konnten. Die Pille passte zum Zeitgeist der »68er«, die Gleichberechtigung forderten, auch wenn die Praxis davon oft weit entfernt war.

Und so wurde auch in den feministischen Kreisen damals bereits Kritik laut. Zum einen wegen der gesundheitlichen Aspekte, da die Nebenwirkungen und Risiken der frühen Pillen die der heute gängigen sogar noch weit übertrafen, da sie hochdosiert waren. Zum anderen konnte beständige Empfängnisverhütung, die positiv konnotiert sexuelle Selbstbestimmung der Frau bedeutet, in einem Umfeld ohne Gleichberechtigung auch ständige sexuelle Verfügbarkeit einschließen. In feministischen Diskussionen wurde statt dessen immer öfter ein Recht auf Schwangerschaftsabbrüche gefordert, das immer noch nicht umgesetzt ist, da solche Eingriffe immer noch illegal, wenn auch unter bestimmten Voraussetzungen straffrei sind.

Der Einbruch der Geburtenrate in der BRD in den 1970ern wird oft als »Pillenknick« bezeichnet, allerdings lässt sich das nicht so monokausal erklären. Denn in der DDR, in der die Pille 1965 eingeführt wurde und ab 1972 kostenfrei erhältlich war, lässt sich ein solcher Effekt nicht beobachten. Im Gegensatz zur BRD wurde dort aber auch die Kinderbetreuung bereits zu diesem Zeitpunkt ausgebaut. Im Dezember 1965 wurde auch das neue Familiengesetzbuch der DDR beschlossen, das im April 1966 in Kraft trat. Zur Einführung der Pille wurden also die Debatten um Gleichberechtigung und die Rolle der Frau in der Gesellschaft auf allen Ebenen geführt. In diesem Sinne diskutierte auch die Frauenkommission des Politbüros des Zentralkomitees der SED, der führenden Partei, die Pille als eine Möglichkeit, die Ziele zugunsten von mehr Selbstbestimmung der Frau, die im Familiengesetzbuch festgehalten wurden, gesellschaftlich zu verankern.

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