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Aus: Ausgabe vom 30.07.2021, Seite 8 / Ansichten

Training ist alles

NATO, Türkei und Afghanistan
Von Arnold Schölzel
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Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan mit US-Präsident Joseph Biden beim NATO-Gipfel in Brüssel (14.06.2021)

Bevor US-Präsident Joseph Biden am Dienstag einen »echten Krieg mit einer Großmacht« ankündigte, hatte er dafür gesorgt, dass die 30jährige Ära »unechter« Kriege des Westens nicht sang- und klanglos zu Ende geht. Schließlich kommt Mordlust beim Morden, und insbesondere das wertvolle Mitglied der westlichen Wertegemeinschaft Türkei unter Recep Tayyip Erdogan hat noch allerhand vor. Und es geht voran: Seit Mittwoch trainiert die NATO Angehörige der afghanischen Spezialkräfte in der Türkei. Das soll zur Regel werden.

Laut Erdogan hat ihn Biden am Rande des NATO-Gipfels im Juni außerdem darum gebeten, die Sicherung des Kabuler Flughafens mit türkischen Soldaten zu übernehmen. Ein NATO-Abzug ist ein bisschen wie Dableiben. Die deutsche Kriegsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer freute sich daher: »Ich bin dankbar, dass die Türkei bereit ist, eine wesentliche Rolle zu übernehmen.«

Das lässt sich übersetzen: Als NATO-Mitglied ist sie zum Angriff verpflichtet. Um den ließ sich der regierende Muslimbruder und Terrorpate in Ankara nie lange bitten. Sein Militär führt als Hauptauftragnehmer für den Regime-Change in Syrien seit zehn Jahren Krieg, unterstützt die Kopfabschneider des IS und ähnliche Banden, die allein durch russisches Eingreifen gestoppt wurden. Wer als Journalist über türkische Waffenlieferungen an Dschihadisten berichtet, landet im Gefängnis. Erdogans Familie war zudem am Ölhandel, mit dem sich der IS finanzierte, beteiligt. Die Türkei okkupiert syrisches Territorium und bombardiert den Nordirak, kämpft in Libyen mit ums Erdöl, hilft dem Autokraten Aserbaidschans gegen Armenien und besetzt Nordzypern mit 35.000 Soldaten. Der UN-Sicherheitsrat rügte am vergangenen Freitag ihr völkerrechtswidriges Vorgehen dort – na und? Die Antwort der NATO sind Militärlehrgänge bei Leuten, die vor ein Kriegsverbrechertribunal gehören. Die Türkei unterhält Basen in mehr als zwölf Ländern, darunter Somalia, Kosovo und Katar. Da fallen 1.000 Soldaten in Kabul kaum ins Gewicht. Zumal dann Ruhe an der NATO-Heimatfront herrscht: Die USA schweigen vom Kauf russischer Luftabwehrraketen und liefern wohl wieder F-35-Kampfflugzeuge. Mit der NATO im Rücken wird Größenwahn einer Regionalmacht zu Praxis und Gewohnheit – siehe auch Bundesrepublik.

Außerdem hilft Erdogan bei der Abwehr von Folgen der regelbasierten Kriege des Westens: Der Flüchtlingsstrom aus Afghanistan Richtung Türkei hat stark zugenommen. Also lässt Ankara nun u. a. eine 144 Kilometer lange Betonwand an der Grenze zum Iran errichten. Die Wertegemeinschaft, die nie die Absicht hatte, eine Mauer zu bauen, wird darüber ebenso froh sein wie über die mit EU-Mitteln gebaute mehr als 800 Kilometer lange ­Sperre an der syrischen Grenze. Das ist ein paar zusätzliche Milliarden EU-Euro wert. Denn: Erdogan lässt die »unechten« Kriege nicht einschlafen, um beim »echten« trainiert dabei zu sein.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Heinrich H. aus Stadum (29. Juli 2021 um 21:43 Uhr)
    Die Serie unechter Kriege, besser beim richtigen Namen genannt: »Low impact war by joystick and bomb murder«, ist eigentlich ein einziger Krieg. Darin geht es darum, die Vorherrschaft der drei einzigen westlichen Werte, Dollar, Dollar, Dollar, zu sichern. Die Frage ist halt, wie lange die jeweils übriggebliebenen Betroffenen die Ursachen und Strippenzieher der Destabilisierung nicht erkennen. Und überhaupt Völkerrecht: Das ist Vergangenheit, vielleicht nicht für die meisten Menschen und Staaten dieser Welt, aber für den Staat mit den meisten Militärbasen dieser Welt. Regelbasiertheit ist die neue Devise, sagt der Möchtegernhegemon. Was die Regeln sind, sagt er in der Regel nicht. Die sucht er sich anlassbedingt aus, nach dem Motto: »Spielst du mit?« – »Nö, ich mach' die Regeln«. Man schaue sich diese oder jene Einstufung einer »Terrororganistion« im Zeitverlauf an, z. B. uigurischer Organisationen (aber nicht nur).

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