Kauf im Kiez! Zum jW-Kioskfinder >
Gegründet 1947 Montag, 18. Oktober 2021, Nr. 242
Die junge Welt wird von 2589 GenossInnen herausgegeben
Kauf im Kiez! Zum jW-Kioskfinder > Kauf im Kiez! Zum jW-Kioskfinder >
Kauf im Kiez! Zum jW-Kioskfinder >
Aus: Ausgabe vom 30.07.2021, Seite 2 / Inland
Schwache Gewerkschaften

Reallohnverlust droht

Studie: Tarifentgelte bleiben in BRD hinter Inflationsanstieg
imago0078514150h.jpg
War auch schon mal praller gefüllt

Es ist ein desaströses Zeugnis für Gewerkschaften: Erstmals seit einem Jahrzehnt wird der Anstieg der Tariflöhne 2021 voraussichtlich nicht ausreichen, um die allgemeine Preissteigerung auszugleichen. Ursache dafür sind vor allem die Auswirkungen der Coronakrise, wie das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung am Donnerstag in einer Zwischenbilanz der Tarifrunde berichtete.

Nach den im ersten Halbjahr und in den Vorjahren für 2021 abgeschlossenen Tarifverträgen werden die Tariflöhne in diesem Jahr laut WSI um 1,6 Prozent steigen. Angesichts der zuletzt deutlich gestiegenen Inflationsrate werde die reale Tariflohnentwicklung mit einem Minus von 0,2 Prozent leicht negativ ausfallen. In den zurückliegenden 20 Jahren habe es das nur dreimal gegeben: 2006, 2007 und 2011.

In den Jahren 2018 und 2019 waren die Tariflöhne mit Zuwächsen von 3,0 und 2,9 Prozent noch relativ stabil gestiegen. Doch seit dem Frühjahr 2020 stünden die Tarifauseinandersetzungen »ganz im Zeichen der Coronakrise«, sagte der Leiter des WSI-Tarifarchivs, Thorsten Schulten. Schon im Jahr 2020 stiegen die Tariflöhne nur um geringe zwei Prozent, und der Abwärtstrend habe sich 2021 weiter fortgesetzt, so dass in diesem Jahr nur noch ein Plus von 1,6 Prozent in Sicht sei.

Dabei wurde der Abwärtstrend noch durch die bereits in den vergangenen Jahren für 2021 abgeschlossenen Tarifverträge abgemildert. Bei den im ersten Halbjahr 2021 neu vereinbarten Tarifverträgen lagen die Lohnsteigerungen sogar nur bei durchschnittlich 1,1 Prozent.

Tarifexperte Schulten setzt darauf, dass bei den noch laufenden bzw. bevorstehenden Tarifverhandlungen etwa im Einzel- und Versandhandel, im Groß- und Außenhandel oder im öffentlichen Dienst der Länder etwas Luft nach oben ist, was die Abschlüsse beim Entgelt angeht. Schließlich seien dies Branchen, in denen die Pandemie den Beschäftigten ganz besondere Leistungen abverlangt habe. »Es ist deshalb gut möglich, dass am Ende des Jahres die heute vorgelegte Zwischenbilanz für 2021 noch leicht nach oben korrigiert werden kann«, meinte er. Am Fakt dürfte das nichts ändern: Belegschaften werden am Jahresende statt eines Entgeltplus einen deutlichen Reallohnverlust verbuchen müssen. (dpa/jW)

Teste die beste linke, überregionale Tageszeitung. Jetzt an deinem Kiosk!

Die Tageszeitung junge Welt beschreibt in ihrer Berichterstattung die Ausbeutungs- und Machtverhältnisse klar und deutlich. Für alle, die sie verstehen wollen, lohnt sich der Gang zum Kiosk und ein Blick in die  junge Welt!

  • Leserbrief von Roland Winkler aus Aue ( 2. August 2021 um 13:01 Uhr)
    Reallohnverlust heißt Krisenlasten auf Lohnabhängige abwälzen, aus der Krise gestärkt hervorgehen, wie es Regierende gern betonen, wobei sie nur nie sagen, wen sie meinen, auf wessen Kosten. Geld- und Währungssystem benutzt der Staat der Monopole zur Ausweitung der Macht- und Ausbeutungsinteressen der Monopole. Die Geldentwertung hat sich seit Marx verändert, imperialistisch perfektioniert. Nicht zu geringe Wirtschaftskraft erklärt die Inflation der reichsten Länder. Steuern, Abgaben, Abschreibungen, Staatsausgaben für Rüstung und Krieg, Subventionen der Reichsten, alles wird u. a. auf Preise abgewälzt mit realer Geldentwertung für die arbeitende Klasse. Dazu kommt die Privatisierung öffentlicher Güter und sozialer Pflichten des Staates, die dem Profit untergeordnet werden. Reallohnverlust ist nichts Neues. Die Frage ist, was Gewerkschaften dem entgegenzusetzen vermögen oder überhaupt noch wollen. Wie weit können Gewerkschaften ihre Entsolidarisierung und Spaltung der Klasse noch glaubhaft verkaufen und ihr Bündnis mit dem Kapital leben? Wohin wir schauen, der Staat entledigt sich überall seiner elementaren Pflichten. Zugleich erweist sich das Mantra vom »privat vor Staat« als reinstes Bereicherungsinstrument der Reichsten. Jene, die bis zur Krise noch glaubten, gehobener Privatklasse anzugehören, erfahren jetzt die ganze Verlogenheit bis zur Realität ihrer Existenz. Der Schrei nach dem Staat von wem ist bezeichnend. Bitten und betteln oder solidarisch als Klasse kämpfen wird die Frage für die Gewerkschaften sein. Werden sie eine zeitgemäße Antwort geben oder weiter versinken?

Ähnliche:

Die Buchlesewoche der Tageszeitung junge Welt vom 20. bis 23. Oktober. Alle Infos hier!