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Aus: Ausgabe vom 27.07.2021, Seite 1 / Titel
Krieg in Afghanistan

USA bomben weiter

Afghanistan: Opferzahlen so hoch wie nie seit Beginn der Aufzeichnungen 2009. Auch nach begonnenem Truppenabzug fliegt Washington Angriffe
Von Jakob Reimann
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Afghanisches Militär versucht, den Vormarsch der Taliban zurückzuschlagen (Laghman, 12.7.2021)

In den ersten sechs Monaten dieses Jahres wurden in Afghanistan 1.659 Zivilisten getötet und 3.524 weitere verletzt, was einem Anstieg um 47 Prozent im Vergleich zum ersten Halbjahr 2020 entspricht. Dies geht aus einem Bericht der UN-Mission in Afghanistan (UNAMA) hervor, den diese am Montag in Kabul vorstellte. Für die Monate Mai und Juni dokumentierte UNAMA mit 2.392 derart viele Opfer wie noch nie zuvor seit Beginn der Aufzeichnungen 2009. Fast die Hälfte aller zivilen Verletzten oder Getöteten seien Frauen und Kinder. Regierungstruppen seien für ein Viertel aller Opfer verantwortlich, die Taliban für 40 Prozent.

In einer großangelegten Offensive haben die Islamisten in den vergangenen Monaten weite Teile des Landes erobert. Mittlerweile kontrollieren sie rund die Hälfte der 421 afghanischen Bezirke. Im Februar 2020 hatten die USA mit den Taliban ein Friedensabkommen unterzeichnet, das den vollständigen Rückzug aller US- und NATO-Truppen umfasste. US-Präsident Joseph Biden verkündete schließlich, alle US-Truppen würden bis 31. August dieses Jahres das Land verlassen. Ungeachtet des im Mai begonnenen Abzugs flogen die USA auch im Juli Luftangriffe im Land, zumeist per Kampfdrohne, wie der staatliche US-Sender Voice of America am Donnerstag berichtete. Afghanistan ist das Kernland des US-Drohnenkriegs im Nahen und Mittleren Osten. Laut der britischen Journalistenvereinigung »Bureau of Investigative Journalism« habe es allein zwischen Januar 2015 und März 2020 in Afghanistan mindestens 13.000 US-Drohnenangriffe gegeben, bei denen bis zu 10.000 Menschen getötet wurden.

Auf einer Pressekonferenz in Kabul bestätigte am Sonntag auch der für Afghanistan zuständige Kommandeur des US-Zentralkommandos (Centcom), Kenneth McKenzie, die USA hätten »in den letzten Tagen die Luftangriffe« auf Afghanistan verstärkt und kündigte seine Bereitschaft an, diese »in den kommenden Wochen fortzusetzen«, zitiert Reuters den US-General. »Der Sieg der Taliban ist nicht unvermeidlich«, trotzte McKenzie einer nachrichtendienstlichen Einschätzung, über die Mitte Juni das Wall Street Journal berichtete. Demnach werde die afghanische Regierung nach dem Abzug der US-Truppen binnen sechs Monaten gestürzt.

Unterdessen schiebt die Bundesregierung weiter ab. Zuletzt wurden Anfang Juli von Hannover aus 27 Menschen nach Afghanistan ausgeflogen. Seit Dezember 2016 war dies die 40. Sammelabschiebung in das Kriegsland. Artikel 33 der Genfer Flüchtlingskonvention, die am Mittwoch vor 70 Jahren in Kraft trat, verbietet jedoch Abschiebungen, solange das Leben der Abgeschobenen in Gefahr sei. Ein Bericht der Afghanistan-Expertin Friederike Stahlmann vom Juni bestätigt, dass nahezu alle Abgeschobenen Opfer von Gewalt werden. So soll ein im Februar aus Hamburg abgeschobener Afghane im Juni in Baghlan ermordet worden sein.

In seinem Mitte Juli fertiggestellten Asyllagebericht erklärt das Auswärtige Amt zwar, »vor allem Soldaten, Menschenrechtsaktivisten, Journalisten und berufstätige Frauen in Afghanistan« seien »stärker gefährdet als zuvor«, wie dpa am Freitag berichtete. Auch gebe es für Menschen, »die öffentlich für ein liberales Afghanistan« eintreten, »im Prinzip landesweit keinen sicheren Ort mehr«, doch will die Regierung kategorisch keine »generelle Gefährdung von Rückkehrern« erkennen. Eine Anfrage der jW an das Bundesinnenministerium, ob weitere Abschiebungen geplant seien, blieb bis Redaktionsschluss unbeantwortet.

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  • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (27. Juli 2021 um 11:14 Uhr)
    Bomben sind zum Bomben da, außerdem sind sie ein Bombengeschäft für die US-Waffenindustrie. Der Bombenüberschuss in den US-Militärlagern wird seit Mitte des 20. Jahrhunderts von der US-Armee bei Gelegenheit verbraucht. Im Korea- und Vietnamkrieg, 1986 in Libyen (»Operation El Dorado Canyon«), später im Irak und in Syrien und bis heute auch in Afghanistan bombardiert die US-Armee nach Gutsherrenart, jedoch gegen internationales Recht. Und die Wertegemeinschaft West schweigt. Außer in der jW ist von der Bombardierung Afghanistans nirgendwo zu lesen. Gut, dass es Euch noch gibt!

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