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Aus: Ausgabe vom 24.07.2021, Seite 12 / Thema
Reißt es wieder ab

Wo der Deutsche gerne hingeht

Es hatte uns gefehlt: Das aktuelle Hohenzollernschloss wurde am Dienstag zum zweiten Mal eröffnet. Wo aber blieb der Zapfenstreich?
Von Otto Köhler
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Pickelhauben vors Schloss! Trommeln, Pfeifen und Gewehr müssen sie auch noch haben. Vorbildliche Militärs für das Humboldt-Forum (Aufnahme um 1910)

Sie durften jetzt endlich einmal die Heimat in der Schlacht von Erfstadt und Ahrweiler verteidigen – dafür Dank! Der große Rest aber sitzt weinend in den Kasernen. Seit Ende Juni tobt der garstige Streit, ob wir ­Unseresoldatinnenundsoldaten, die nahezu unbesiegt von ihrer Mission am Hindukusch in die Heimat zurückkehren, im Bendlerblock willkommen heißen mit einem feierlichen Zapfenstreich. Oder auf dem noch immer so genannten Platz der Republik vor dem Reichstag. Und wann endlich.

Eine Selbstbewusste Nation hätte ihre Heldinnen und Helden gleich dreimal mit feierlichem Zapfenstreichen versorgt. Das dritte Mal vor dem am vergangenen Dienstag zum zweiten Mal neueröffneten Hohenzollernschloss.

Denn es verkündet von hoch oben, von seinem Kuppelkreuz, den gewissenhaft renovierten Spruch, dem jeder Erdenbürger zu gehorchen hat: »Es ist kein ander Heil, es ist auch kein anderer Name den Menschen gegeben, denn der Name Jesu, zu Ehren des Vaters, dass im Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Kniee, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind.«

Dies – gesponsert vom Otto-Versand Hamburg mit einer halben Million Euro – ist auch der immerwährende Tagesbefehl für die Truppe, wann immer sie sich zur Vorwärtsverteidigung hinaus in die Welt begibt. Wie konnte das alles beginnen – in einer freien demokratischen Republik?

Verloren: Unsere Mitte

30. November 1990. 57 Tage nach dem Anschluss der DDR an die BRD. Der befehlsgebende Feuilletonist der Bundesrepublik, Joachim Fest, Mitherausgeber einer Frankfurter Allgemeinen Zeitung für Deutschland, stellt in ebenderselben fest, dass da immer noch eine Rechnung offen ist: seine Seele, unser aller Seele – geraubt, gemordet. »Die verlorene Mitte« überschrieb Fest seine Anklage. Und hielt ein rabiates »Plädoyer für den Wiederaufbau des Schlüterschen Stadtschlosses«. Ulbricht hatte es vernichtet: »Das Schloss musste fallen als Bauwerk der ›Junkerherrschaft‹ als Symbol der Knechtung und Ausbeutung oder wie immer die Formeln des sozialistischen Ressentiments noch lauteten.« Obwohl doch, das schien Fest zu glauben, »selbst die Ruine noch den Vergleich mit Michelangelos Petersdom« aushalte.

Linker Hirngespinste wegen hatte Deutschland seine Mitte verloren – das Hohenzollernschloss. Dabei hatte doch von dort Wilhelm II. erfolgreich den Ersten Weltkrieg verkündet: »Es muss denn das Schwert nun entscheiden.« Dort feierten Adolf Hitlers Soldaten in triumphierenden Aufmärschen ihre Siege. Die Mitte Berlins, Europas und morgen der ganzen Welt – Ulbricht, der Kommunismus, haben unsere Mitte vernichtet: Er sprengte die Überreste des im Krieg zerbombten Schlosses weg. Nur damit später Honecker dort einen Palast hinstellt, einen Palast der Republik, der und die schließlich von den kapitalistischen Siegern Stein für Stein abgetragen wurde, um Wilhelms Schloss im dritten Jahrtausend unserer Zeitrechnung wiedererstehen zu lassen. Vergangenheitsselig und ziemlich originalgetreu nach Westen. Und nach Osten mit einer drohenden Schießschartenmauer.

Nichts sei »unzutreffender«, schrieb Fest vor drei Jahrzehnten im Triumph der neugewonnenen Einheit aller Deutschen, als der »Vorwurf«, das Schloss sei »jahrhundertelang eine Zwingburg der Unterdrückung« gewesen. Richtig, die erste Zwingburg, die der aus Franken zugereiste Hohenzollern-Kurfürst Friedrich II. zwischen Berlin und Cölln an diesem Platz errichtete, wurde 1448 vom sprichwörtlichen »Berliner Unwillen« durch Öffnung der Schleusen der Spree hinweggespült.

Genau 400 Jahre später schon wieder Unwille. Nie habe, so Fest 1990, das Schloss gegen seine Umgebung gestanden: »Denkwürdig« sei jene Szene vom März 1848 gewesen, als der König auf der Schlossgalerie stand und »auf den Zuruf der Menge den Hut vor den toten Aufständischen zog«.

Ja, wer hatte die denn totgemacht? Sein Bruder, jener Kartätschenprinz, der 1871 in Versailles, im besiegten Frankreich, von den deutschen Fürsten zum ersten Kaiser des durch den Krieg entstandenen Deutschen Reiches ausgerufen wird: Wilhelm I. Und als 1848 der König wieder genug Militär zur Verfügung hatte, war Schluss mit der lästigen Hutzieherei und jeglicher Revolution.

Ihm hätte es gefallen

Joachim Fest, der so bald nach der »friedlichen Revolution« eine Restitution der Reaktion verlangte, war dafür der richtige Mann. Er hat 1973 in dem schon von Nazis enteigneten jüdischen Ullstein-Verlag, den Springer gerade rearisiert hatte, die entscheidende Hitler-Biographie geschrieben, die wie keine andere der deutschen Seele guttat.

Da wuschen sich vier schmutzige Hände. Zuerst hatte Fest Hitlers Architekten, Rüstungsmanager und langjährigen Freund Albert Speer mit klugen Einfällen und anständigem Stil geholfen, seine Biographie, das Leben des guten Nazis, mit angemessener, aber nicht übertriebener Reue zu schreiben: ein Bestseller in der nach Wahrheit dürstenden Bundesrepublik.

Dann dankte Speer dem Freund Fest mit der Wahrheit über Hitler bei der Abfassung seiner allmächtig dicken Biographie über ebendenselben. Marcel Reich-Ranicki, FAZ-Literaturchef unter dem FAZ-Feuilletonleiter Fest, schilderte, was und wer ihm bei der Vorstellung des Fest-Buches in der Villa des Verlegers und Fest-Freundes Wolf Jobst Siedler begegnete: »Dieser dezente Herr war ein Verbrecher, einer der schrecklichsten Kriegsverbrecher in der Geschichte Deutschlands. Er hatte den Tod unzähliger Menschen verschuldet. Noch unlängst hatte er zu den engsten Mitarbeitern Adolf Hitlers gehört. Er war vom Internationalen Militärtribunal in Nürnberg zu zwanzig Jahren Gefängnis verurteilt worden. Die Rede ist von Albert Speer (…). Auf einem Tischchen lag, wenn ich mich nicht ganz irre, auf einer Samtdecke das Buch, das hier und jetzt gefeiert wurde: ein Band von 1.200 Seiten. Auf dem schwarzen Umschlag war mit großen weißen Buchstaben der lapidare Titel gedruckt: Hitler. Was diese Ausstattung des Buches suggerieren sollte, worauf hier mit Entschiedenheit Anspruch erhoben wurde, konnte man nicht verkennen: Pathos war es und Monumentalität. Speer sah es offensichtlich mit Genugtuung. Verschmitzt lächelnd blickte er auf das feierlich aufgebahrte Buch und sagte bedächtig und mit Nachdruck: Er wäre zufrieden gewesen, ihm hätte es gefallen.«

Reich-Ranicki: »Bin ich vor Schreck erstarrt? Habe ich den Massenmörder, der hier respektvoll über seinen Führer scherzte, angeschrien und zur Ordnung gerufen? Nein, ich habe nichts getan, ich habe entsetzt geschwiegen.«

Ernst Nolte, der bedeutendste Rückschritt der deutschen Historikerzunft, wusste, was er und das deutsche Volk an Fest haben: Der lasse »keinen Zweifel daran, dass er die nationalsozialistische Machtergreifung für die deutsche Form der Revolution hält, die innerhalb der konkreten deutschen Verhältnisse möglich war«. Und damit ist es auch, wie Nolte mit dem Charme der entwaffnenden Ehrlichkeit feststellte, müßig, »die beliebte Frage nach der Schuld der Groß­industriellen zu stellen, die aus einfachen Gründen eine lächerliche Frage ist, weil das gegenteilige Verhalten, nämlich die völlige Abschneidung einer großen und als ›bürgerlich‹ geltenden Partei von allen Geldzuweisungen einfach unvorstellbar und systemwidrig wäre«. Das gesteht Nolte sehr gern in der Festschrift zu Fests 60. Geburtstag im Jahr 1986, dem Jahr der Besinnung auf deutsche Geschichte.

Denn Fest eröffnet sein Hitler-Monument: »Wie, wenn Adolf Hitler Ende 1938 einem Attentat zum Opfer gefallen wäre, damals 49 Jahre alt? Dann hätten nur wenige gezögert, in ihm einen der größten Staatsmänner der Deutschen und vielleicht den Vollender ihrer Geschichte zu sehen.«

Deutschland, aber normal

So etwas schafft Vertrauen. Ernst Nolte zögerte keinen Augenblick, als er 1988 vor den Frankfurter Römerberggesprächen gebeten wurde, den Titel seines Vortrags »Vergangenheit, die nicht vergehen will« zu ändern, weil der eines anderen Kollegen allzu ähnlich war. Nolte lief zu Fest. Der druckte den Vortrag in der FAZ mit dem empörten Hinweis, man habe Noltes ganzen Vortrag nicht zugelassen. Vor allem nicht die Stelle: »Vollbrachten die Nationalsozialisten, vollbrachte Hitler eine ›asiatische‹ Tat vielleicht nur deshalb, weil sie sich und ihresgleichen als potentielle oder wirkliche Opfer einer ›asiatischen‹ Tat betrachteten? War nicht der Archipel Gulag ursprünglicher als Auschwitz? War nicht der ›Klassenmord‹ der Bolschewiki das logische und faktische Prius des ›Rassenmords‹ der Nationalsozialisten? Rührte Auschwitz vielleicht in seinen Ursprüngen aus einer Vergangenheit her, die nicht vergehen wollte?«

Na also. Hitler war ein Waisenknabe verglichen mit Stalin. Das ist der geistigmoralische Hintergrund derer, die auf Fests Geheiß, des Schutzherrn von Nolte, das Hohenzollernschloss wiederaufbauten.

Und auch nach Westen legte Nolte später noch nach, auch die Vereinigten Staaten würden »der Sache nach in Vietnam nichts Geringeres ins Werk setzen als ihre im Grunde noch grausamere Version von Auschwitz«.

Langsam kam damals heraus, dass Nolte bereits 1980 im streng abgeschotteten Kreis der Carl-Friedrich-von-Siemens-Stiftung einen entsprechenden Vortrag hielt. Dort sagte er: Eine »Kriegserklärung«, die Chaim Weizmann im September 1939 für die Jewish Agency abgegeben habe, hätte Hitler dazu berechtigt, die deutschen Juden als Kriegsgefangene zu behandeln und zu deportieren, zu internieren in Auschwitz. Das war also alles nicht neu. Nolte konnte für sich in Anspruch nehmen, dies schon vor der Siemens-Stiftung erklärt zu haben, ohne dass sich dort irgendjemand darüber aufregte. Ein Wunder war das nicht.

Im Siemens-Kreis bestand Nolte auch schon darauf, dass »die sogenannte Judenvernichtung des Dritten Reiches eine Reaktion« gewesen sei auf die »Vernichtungsvorgänge der Russischen Revolution«. Die Judenvernichtung hätte auch eine wichtige vorbeugende Maßnahme für die Gegenwart sein können, wenn wir sie nur richtig verstanden hätten. Nolte 1980 vor der Siemens-Stiftung: »Aber die Ereignisse in Indochina sollten nun klargemacht haben, was im Bereich der Klassen-, Völker- und Gruppenvernichtung das Original und was die Kopie war.« Wer die Hitlersche Judenvernichtung nicht in diesem Zusammenhang sehen wolle, verfälsche die Geschichte.

Was ist das für ein Kreis, für eine »Stiftung«, in der solches Klittern der Geschichte möglich war – und wohl auch heute noch ist? 1943 desertierte der 22jährige Schweizer Soldat Armin Mohler in das Großdeutsche Reich und wollte dringend am Freiheitskampf der SS gegen den Bolschewismus teilnehmen. Das misslang aus welchen Gründen auch immer. Er ging zurück in die Schweiz, kassierte wie der »Führer« Festungshaft, ein Jahr, und ging nach seiner Entlassung wieder ins besiegte Reich. Er wurde – das war angemessen – Privatsekretär von Ernst Jünger und schrieb eine Dissertation über die »Konservative Revolution«, also über die Nazis, die nie welche waren oder es das nächste Mal besser machen wollen. Dann arbeitete er für Christ und Welt, ein Blatt, das gern auch von SS-Kriegsverbrechern im Gefängnis gelesen wurde. Und schrieb unter dem Namen Michael Hinterwand für die Deutsche National- und Soldatenzeitung. So wurde die Carl-Friedrich-von-Siemens-Stiftung auf ihn aufmerksam, machte ihn zu ihrem Sekretär und schnell zu ihrem Geschäftsführer.

Als ihn vor dem Ende seines so erfüllten Lebens die Schweizer Wochenzeitung fragte: »Bewundern Sie Hitler immer noch?«, antwortete er, ja, wie aus der Pistole geschossen: »Er hat immerhin eine richtige Führung geschaffen. Die Kader, die er heranzog, hatten Stil.«

Seine Kader, die er in der Siemens-Stiftung vorfand oder aufzog, auch: Carl Schmitt etwa, der Kronjurist des Dritten Reiches: »Der Wille des Führers ist Gesetz.« Das sind die Kreise, in denen sich Ernst Nolte herumtrieb, bevor ihm der geistige Schlossneugründer Joachim Fest zu seiner traurigen Weltberühmtheit verhalf. Nicht zu vergessen den Namensgeber der Stiftung: Am 10. ­Januar 1919 trat Carl Friedrich von Siemens zusammen mit wichtigen Konzernherren Deutschlands bei der Antibolschewistischen Liga (AL) an, um »Deutschland noch im letzten Augenblick vor dem Hinabgleiten in eine bolschewistisch-marxistische Diktatur des Proletariats zu bewahren«. Millionen flossen in den Antibolschewismus mit zuverlässigem Erfolg. Fünf Tage später waren Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht tot, ermordet von der Gardeschützendivision, die kräftig auch Siemens-Gelder kassiert hatte. AL-Chef Eduard Stadtler triumphierte. 22 Jahre später bekam Siemens zumindest einen Teil des in die Mordaktion investierten Geldes zurück: für Lieferungen zur Erstellung des Konzentrationslagers Auschwitz.

Wilhelm III.? Nicht schlecht

So illuster also waren Fests Kreise. Einen Fürsprecher für die Wiedererlangung der verlorenen Mitte aber, und zwar einen gewichtigen, erhielt der Hitler-Biograph von unerwarteter Seite – von einem Sozialdemokraten. Noch stand nicht das Schloss, sondern der Palast der Republik, als der neue Kanzler Gerhard Schröder Anfang 1999 der Zeit ein zuwenig beachtetes und heute vergessenes Interview gab. Er kam zur Sache. Von seinem Übergangsbüro müsse er immer auf den Palast der Republik gucken: »Der ist so monströs, dass ich da lieber ein Schloss hätte.« Die Zeit: »Die Schlossfassade oder das ganze Schloss?« Schröder entschlossen: »Eine Fassade würde mir nicht reichen. Dann würde ich mir getäuscht vorkommen.« Machtmensch Schröder, der seine Befehle als Wünsche verkleidet: »Wenn ich einen Wunsch zu äußern hätte, dann wäre ich für das Schloss. Und zwar einfach, weil es schön ist.« Die Zeit verblüfft: »Also doch Wilhelm III.?« Der Kanzler ehrlich: »So kann man es nennen. Das wäre doch nicht schlecht.«

Das ist glaubwürdig. Aber warum brauchte er dazu das Hohenzollernschloss, dessen Rekonstruktion die Volksvertreter im Bundestag 2002 gehorsam und mit beachtlicher Mehrheit beschlossen? Gerhard Schröder wollte es nicht für sich, jedenfalls nicht für sich allein. Er traue der modernen Architektur durchaus zu, dass sie auf den Schlossplatz baue, um seinen »ästhetischen Geschmack« gehe es letztlich nicht. »Aber wenn man in einer solchen historischen Situation ist und dem Volke was für die Seele gibt, kann das außerordentlich befriedend und damit auch befriedigend sein.«

Was meinte er? Historische Situation? Anfang 1999? Die sogenannte Wiedervereinigung war vor einem Jahrzehnt gelaufen. Musste er »das Volk«, das neu- oder wiedergeschaffene, jetzt befrieden? Mit einem rekonstruierten Schloss im seit der Schlacht von Lepanto 1571 – auf die Knie, ihr Osmanen! – virulent werdenden Herrschaftsstil des Barock? Damit dieses wiedervereinigte Volk »befrieden«? Und »befriedigen«? Die Zeit wollte es so genau nicht wissen und fragte nicht nach. Das immerhin fragte das Blatt: »Es wird so viel über die Notwendigkeit einer neuen Normalität geredet. Halten Sie die Deutschen für ein ›normales‹ Volk?« Schröder: »Ja, schon lange. Und ich sehe mich da mittendrin.«

Ein Schloss für den Krieg

Immerhin wollte sich die Zeit ein wenig vergewissern: »Was wäre Ihr Argument, wenn es um junge deutsche Soldaten im Kosovo geht. Sollte das gerade wegen der deutschen Geschichte geschehen oder wegen der deutschen Geschichte gerade nicht?«

Schröder, der auch bei Staatsbesuchen demonstrativ ein Foto seines Vaters in der Uniform der Naziwehrmacht samt Stahlhelm und Hakenkreuz auf dem Schreibtisch des Kanzleramtes stehen hatte, eines Vaters, der 1944 im Osten kurz nach Gerhards Geburt fiel, damit Auschwitz gehalten werden konnte, dieser Schröder sagt: »Uns steht das Argument ›Wegen der deutschen Geschichte geht das nicht‹ nicht mehr zur Verfügung.« Des Kanzlers Begründung: »Weil wir dort solche vielfältigen Verwüstungen angerichtet haben, sind wir dort besonders gefordert, Mord, vielleicht sogar Völkermord zu verhindern.« Oder selber machen?

Das machte er. 29 Tage später fielen deutsche Bomben auf Jugoslawien. Sohn Schröder setzte – »völkerrechtswidrig«, wie er später gestand – den Krieg fort, den Hitler und der Vater nicht mehr weiterführen konnten. Und schon zwei Jahre später zog der Sohn aus »unverbrüchlicher Solidarität« mit den USA in den Krieg gegen Afghanistan, aus dem heute nach zwanzig Jahren eine erfreulicherweise kleinmütige Bundeswehr zurückkehren muss.

Tempi passati? Wir stehen im bevorstehenden Herbst vor der inzwischen dritten Eröffnung des von Wilhelm III. so ersehnten Hohenzollernschlosses. Diesmal dann mit all den Trophäen aus Deutschlands Kolonialkriegen. Inzwischen ist aber für den 31. August – neun Wochen nach ihrer Flucht aus Afghanistan – nun doch die Großdemonstration der vom Hindukusch eiligst abgezogenen deutschen Soldatinnen und Soldaten vorgesehen. Dann sollen die Unbesiegten vom Bundesministerium für Verteidigung zum Bundestag im Reichstag paradieren und ihre Zapfen streichen. Und dazu noch – macht er das wirklich? – eine Dankesrede des Bundespräsidenten entgegennehmen.

Aber da könnte man doch noch wenige Wochen zuwarten und den anachronistischen Zug unserer Heldinnen und Helden – die Traumatisierten sind bis dahin ausgesondert – auf die dritte Eröffnung des Hohenzollerschlosses verschieben. Dann würden sie weitermarschieren mit klingendem Spiel, weitermarschieren vom Reichstag durchs Brandenburger Tor unter den Linden entlang bis zum ein drittes Mal eröffneten Schloss. Von dort, die Bundestagswahl ist vorbei, wird als würdige Nachfolgerin des selbsternannten Wilhelm III. (1998–2005) die, falls sie es doch noch schafft, Kaiserin Annalena I. die Truppe freudig, wie schon versprochen, zum Kampf für die Balten und Ukrainer in deren nächsten Osten schicken. Das ist die deutsche Normalität.

Otto Köhler schrieb an dieser Stelle zuletzt am 2. April 2020 über Willhelm II.: »Königstod – ja bitte«

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  • Leserbrief von Reinhard Hopp aus Berlin (26. Juli 2021 um 21:06 Uhr)
    Im Gleichschritt, marsch mit viel martialischem Tschingderassabum, das hat den devoten preußischen Spießer immer schon geradezu erotisiert und sein infantiles Untertanenhirn auf nur eine einzige ultimative Frage zusammenschrumpfen lassen: »Ha´m ´se jedient?«
  • Leserbrief von Ulrich Straeter aus Essen (26. Juli 2021 um 11:46 Uhr)
    Ein wunderbarer Artikel Otto Köhlers, der mehr Geschichte vermittelt als manches dicke Buch. Er sollte an alle Schulen verteilt werden, auf dass die Jugend begreifen könnte, wohin nach Meinung und Taten der Herrschenden der Hase laufen soll. Vor allem der martialische alte Spruch auf der Kuppel ist ungeheuerlich! Aber sagt deutlich, was die denken, die dieses Kaiserschloss wiederaufgebaut haben. Alle Menschen sollen uns untertan sein – acht Milliarden. Die werden uns etwas husten! Natürlich wird dieser Artikel nicht an Schulen verteilt werden, leider, da seien »unsere« gewählten Volksvertreter vor.

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