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Aus: Ausgabe vom 24.07.2021, Seite 15 / Geschichte
Spanischer Krieg

Contra Franco

Die Abwehrkämpfe auf der Kanareninsel La Palma im Juli 1936 konnten den Sieg der Putschisten nicht verhindern
Von Christine Wittrock
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Die Volksfront auf La Palma weigerte sich, die Staatsgewalt an die Faschisten zu übergeben, und leistete Widerstand

Im Februar 2011 wurden auf dem Friedhof von Fuencaliente, einem kleinen Ort an der Südspitze der Kanareninsel La Palma, sieben Urnen zu Grabe getragen. Sie waren geschmückt mit den Farben der spanischen Republik: rot, gelb, purpur. In den Urnen befanden sich die Überreste von erschossenen Franco-Gegnern. Seit langem sprach man von den »Dreizehn von Fuencaliente«, die im Januar 1937 im Wald oberhalb der Ortschaft hingerichtet worden waren. Verwandte der Opfer hatten selbst zu Hacke und Schaufel gegriffen und konnten schließlich sieben Skelette bergen.

Bereits kurz nach dem Tod des faschistischen Diktators Francisco Franco im Jahre 1975 hatte eine Bewegung eingesetzt, die nach den Massengräbern der Opfer des Regimes suchte. Das fast 40 Jahre lange öffentliche Schweigen darüber wurde gebrochen.

Rückständigkeit

Um die Vorgänge um den Kampf und die Niederlage der antifaschistischen Volksfront zu verstehen, ist ein Blick tiefer hinein in die spanische Geschichte vonnöten: Spanien war in den 1920er Jahren noch Monarchie. Der Bourbone Alfonso XIII. regierte in engem Verbund mit dem Katholizismus ein unterentwickeltes Land, seit Jahrhunderten verhaftet in halbfeudalen Strukturen, geplagt von Hungerkatastrophen und in massenhaftem Analphabetismus verharrend.

Noch rückständiger als das Festland waren abgelegene Inseln wie La Palma, wo seit Jahrhunderten einige wenige vermögende Familien die Politik diktierten. Die sozialen Verhältnisse waren katastrophal. Die meist kinderreichen Landarbeiterfamilien hausten in Elendsquartieren, zum Teil in den Höhlen von El Time. Noch 1928 brach im Westen La Palmas die Pest aus. Ausgangspunkt der Epidemie waren die von Ratten bewohnten verrotteten Lagergebäude »El Secadero« eines Großgrundbesitzers. Die Bevölkerung wusste um den Herd der Seuche. Die Leute von El Paso, Los Llanos und Tazacorte sannen auf Abhilfe und legten schließlich in einer Selbstschutzaktion Feuer an den verseuchten Gebäudekomplex. Das Gelände wurde Jahre später, zu Zeiten der Republik, für einen Schulneubau enteignet.

Aufklärerische, emanzipatorische Ideen drangen nach und nach auch in die abgelegeneren Regionen. Arbeiter begannen sich zu organisieren, das Volk muckte auf und schüttelte 1931 die Monarchie ab. Alfonso XIII. ging ins Exil. Fünf Jahre später, bei den Nationalwahlen im Februar 1936, siegte der Frente Popular, die Volksfront aus Sozialisten, Kommunisten und Bürgerlich-Liberalen. Das Programm des Frente Popular sah eine Bodenreform vor. Der Großgrundbesitz sollte an arme Bauern und Landarbeiter (Campesinos) verteilt, die Armee gesäubert, die Güter der Kirche sollten enteignet werden. Eine der ersten Amtshandlungen der neuen Regierung war die Entfernung von politisch unzuverlässigen Offizieren aus hohen Positionen. Auch der spätere Putschist Franco wurde als Generalstabschef abgesetzt und an den Rand des Landes, fern vom Machtzentrum Madrid, auf die Kanaren versetzt. Wie sich wenige Monate später zeigte, reichte das zur Sicherung der Republik nicht aus.

Kampf gegen den Putsch

Ein Höhepunkt linker Machtdemons­tration war der 1. Mai 1936. Auf der Avenida von Tazacorte – damals hatte das Städtchen etwa 3.000 Einwohner – marschierten mehr Menschen unter roten Fahnen, als dort überhaupt wohnten. An verschiedenen Orten der Insel gab es Maidemonstrationen, an denen junge Arbeiter teilnahmen, gut organisiert, diszipliniert, einheitlich in rote Hemden gekleidet, unter den Fahnen mit Hammer und Sichel marschierend und die Revolution und den Kommunismus propagierend.

Das etablierte Bürgertum bekam Angst, war alarmiert. Und wie so oft in ähnlichen historischen Situationen erprobt, wenn sich die herrschende Klasse durch Linke, Gewerkschaften und Demokratiebewegungen bedroht fühlt, griff sie zum Faschismus. Im Juli 1936 putschten die reaktionären spanischen Generale im Bündnis mit Großgrundbesitzern, Klerus und Monarchisten gegen die demokratisch gewählte Regierung.

Allerdings nahm das Volk den Sturz seiner Republik nicht hin und leistete erbitterten Widerstand. Auf La Palma ist dieser Kampf unter der Bezeichnung »Semana Roja«, »Rote Woche«, in die Geschichte eingegangen.

Nachdem am 18. Juli erste Nachrichten vom faschistischen Putsch die Insel La Palma erreichten, organisierte der Frente Popular die Verteidigung des Erkämpften: Er reaktivierte die Volksmilizen, setzte die dort stationierten Einheiten der Guardia Civil sicherheitshalber im Gefängnis von Santa Cruz fest und rief zum Generalstreik auf. Am 22. Juli erreichte das Kriegsschiff »Galatea« La Palma, fuhr jedoch unverrichteter Dinge nach Teneriffa weiter. Am nächsten Tag schickte der Oberbefehlshaber von Gran Canaria zwei Telegramme an die republikanischen Behörden der Insel, mit dem Befehl, die Staatsgewalt an die Putschisten abzutreten. Er fand kein Gehör bei der mobilisierten Volksfront.

Am 25. Juli wurde das Kanonenboot »Canalejas« vor Santa Cruz de la Palma gesichtet. Es beschoss die Insel und legte darauf im Hafen der Hauptstadt an. Francos Interventionstruppen besetzten die Stadt und übernahmen die Befehlsgewalt. Die linken Kräfte mussten sich in die Berge zurückziehen. Es begann die Jagd auf alle, die den Putschisten verdächtig waren. Lokale Politiker der Republik, soweit man ihrer habhaft werden konnte, wurden erschossen, darunter auch der sozialistische Bürgermeister von Los Llanos, Francisco Rodríguez Betancor. Es kam zu zahlreichen Verhaftungen und Folterungen.

Etwa 400 Opfer forderte der Spanische Bürgerkrieg auf La Palma. Viele Palmeros wurden verschleppt, viele verschwanden einfach. Gute Vorarbeit für die Verfolgung der Linken auf La Palma hatte die katholische Kirche geleistet: Schon 1934 hatte ein Priester in der Hauptstadt Santa Cruz eine Gruppe der faschistischen Falange gegründet, deren große Stunde während des Putsches schlug.

Mindestens acht Antifaschisten aus La Palma landeten in deutschen Konzentrationslagern – so Nacianceno Mata und sein Bruder Orencio, die von Francos Militär eingezogen worden waren, jedoch desertierten, auf dem spanischen Festland auf republikanischer Seite kämpften und 1939 schließlich über die Pyrenäen nach Frankreich flohen. Als Hitlers Wehrmacht das Land besetzte, wurden die in Frankreich internierten »Rotspanier« ausgeliefert und in KZ interniert. Nur Nacianceno überlebte fast viereinhalb Jahre in Mauthausen; sein Bruder starb 1941 in Gusen.

Franco konnte mit Hitlers und Mussolinis Hilfe die Spanische Republik zerschlagen und im Sinne der alten Mächte das Land annähernd 40 Jahre lang unter seiner Knute halten. Auf seinen Tod 1975 folgte keine Abrechnung mit den Faschisten. Gemäß der spanischen Verfassung ist die Verfolgung alter, franquistischer Verbrechen verboten. Das war die Bedingung der nutznießenden Oberschichten, sich auf einen friedlichen Übergang zur bürgerlichen Demokratie einzulassen. Die Gerechtigkeit blieb auf der Strecke.

Der Historiker Salvador González Vázquez beschreibt die Situation auf La Palma nach dem Wahlsieg der Volksfront im Februar 1936 (übersetzt aus: Salvador González Vázquez: »Historia de Tazacorte«, La Laguna Tenerife 2000, S. 298 f.):

Don Manuel Morales, ein ortsansässiger Arzt, beobachtete von Tazacorte aus den Triumph der Linken und vermerkte in seinem Tagebuch: »Die Wahlen haben der Revolution einen vollständigen, selbst von den Siegern unerwarteten Triumph beschert (…). (Es ist) die wahre Revolution (…), vollständiger und dauerhafter Einzug eines neuen Volkes in die Führungsebene einer in der spanischen Geschichte nie zuvor dagewesenen Regierung. Sowohl die klassische monarchische Rechte als auch die republikanische Rechte (…) haben gemeinsam abgedankt. Ich glaube nicht, dass sie sich jemals wieder erholen werden, es sei denn, es kommt zu einer Diktatur, die aber kaum mehr durchzusetzen ist (…).«

Die feindlichen Aktivitäten der Rechten gegen die linke Regierung nahmen in Spanien und auf La Palma zu. Der kommunistische Vorsitzende von Tazacorte, Leoncio Pérez Lorenzo, sagte, dass der Faschismus nicht allein durch das Verbot seiner Organisationen und die Inhaftierung einiger seiner führenden Mitglieder ausgerottet werden könne. Es müssten ihm vor allem seine materielle Grundlage, die einflussreichen Ämter und das Geld genommen werden. Daher bestand für den Arbeiterführer aus Tazacorte die einzige Möglichkeit, die von ihm vorhergesehene endgültige Konfrontation zu vermeiden, darin, dass die Regierung der Volksfront ihr Programm erfüllte und die Ländereien der Großgrundbesitzer an die armen Bauern übergab, (…) die Kirche ihrer Güter enteignete, die Armee säuberte, die bewaffneten Organe der Reaktion auflöste und den Faschismus so in all seinen Formen erstickte.

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