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Aus: Ausgabe vom 24.07.2021, Seite 11 / Feuilleton
Stefan Siegert 75

So Leute sind ein Trost

Dem landschaftlichen Intellektuellen Stefan Siegert, der am Sonntag 75 wird
Von Jürgen Roth
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Besinnen aufs Vergangene und auf das, was kommt – Stefan Siegert, Hanseat und Weltbürger

Hegel hatte keine hohe Meinung vom bloßen Meinen, aber ich meine, sagen zu dürfen, mit Stefan Siegert befreundet zu sein. Und das stimmt mich froh. Dabei ist es kurios, dass wir uns immer noch nicht von Angesicht zu Angesicht, also praktisch »tee-a-tee« (Gerhard Polt) kennen, sondern lediglich übers Telefon.

Vor ungefähr zwei Jahren erhielt ich aus wirklich heiterem Himmel eine Mail von Stefan, in der er einen kleinen Text von mir guthieß. Dergleichen erfreut jeden Autor, das ist ja klar. Unentwegt versuchen wir, Buchstaben in eine der Welt halbwegs angemessene Reihenfolge zu bringen (oder zu zwingen), und stößt das Ergebnis dieser – in gewisser Hinsicht sehr luxuriösen – Mühe auf eine schöne Resonanz, weitet es einem das Herz.

Nach und nach entstand ein unregelmäßig reger Austausch, wer wen zuerst anrief, weiß ich nicht mehr. Einigkeit ist in den raren historischen Momenten, in denen man was gegen die Scheißherrschaft unternehmen kann – und zwar physisch, anders haut’s nicht hin –, ein kostbares Gut, doch zwischen lebenden Menschen sind unter allen obwaltenden Umständen gewiss gemeinhin Widerspruch, Streit, konträre Argumente vorzuziehen.

Der Kampf des Geistes

Die Dialektik ist für Stefan kein fetischisierter Begriff, sondern das Bett des Denkens (und des Seins), in dem man mal wohlig, mal aufgewühlt liegt – fließende Bewegung der Sache in sich selbst oder Kampf des Geistes mit der Irrationalität des scheinbar ewigen Kapitalverhältnisses.

In einem seiner grandiosen physiognomischen Essays respektive Radiofeatures über klassische Musik würdigt Stefan an dem Dirigenten und Musikwissenschaftler Peter Gülke, dass er an die Dinge »von Anfang an dialektisch herangeht«. Und jetzt muss ich ein bisschen was zitieren, denn im Gestus dieser sachte vorangehenden, tastenden Sätze steht mir mein Freund Stefan Siegert vor Ohren, dessen Werk- und Aufführungsanalysen kapital nicht allein deshalb sind, weil sie den notwendigen Umfang haben, sondern weil sie, durchaus mit der Materialästhetik Adornos assoziiert, darüber hinaus kapillar verfahren (sofern das Wort »verfahren« stimmt). Eindringend in die Mikroschichtungen und -verläufe der Komposition, wird ihr gesellschaftlicher Wahrheitsgehalt erahnbar. Erahnbar, mehr nicht. Wer Eindeutigkeit sucht, soll Datensätze anbeten.

Was ich zitieren wollte: »Nicht immer leicht, ihm (Peter Gülke, jW) zu folgen, allein der Versuch lohnt. Schon die Verwendung des Begriffs ›revolutionär‹ bei Beethoven wirft Fragen auf. ›Natürlich gibt es Aspekte, wo das Revolutionäre bei Beethoven der Fall ist‹, Gülke hat es in einem Aufsatz über die 5. Symphonie fast Takt für Takt und bis in Beethovens Skizzenbücher hinein nachgewiesen. ›Der inflationäre Missbrauch des Begriffs hängt mit der Annahme zusammen, das Modernere müsse immer auch das Bessere sein – und das ist völliger Quatsch.‹ Er zitiert Leopold von Ranke. Jede Epoche, stellte der fest – und Gülke ergänzt: vielleicht eben auch musikalische Werke – sei ›unmittelbar zu Gott‹. Für Gülke meint das: ›Es hat seine eigene Konsistenz unabhängig von seiner Stellung innerhalb einer Entwicklungslinie.‹«

Über die auf Digitaltechnik errichtete »Drecksdiktatur« (Kay Sokolowsky) China haben wir uns derart gestritten, dass andere den Kontakt verklappt hätten. Ein andermal sagte Stefan, der DKPist: »Für die Revolution brauchen wir euch Anarchisten. Wenn wir gewonnen haben, werdet ihr weggeräumt.« Zehn Minuten später klingelte erneut das Handy. Stefan entschuldigte sich, das habe er so natürlich nicht gemeint. »Hör auf, das weiß ich doch«, sagte ich. Wir lachten.

Stefan kann Goethe zum Großteil auswendig und verehrt das »ewigkeitliche« (Siegert) Erbe jener bürgerlichen Kultur, in der das Versprechen der Emanzipation des Menschen und der Natur vom Terror des Tauschwerts aufbewahrt ist. Auf seine Website hat er die berühmte Rindfleischstelle aus »Leonce und Lena« gestellt, und er lässt Hegel – den Hegel, der ausnahmsweise mal nicht betrunken war – zu Wort kommen. In der Kunst, so Hegel, haben wir »es zu tun mit der Präsenz und Versöhnung des Absoluten im Sinnlichen und Erscheinenden« (den Rest lasse ich weg, der ist wieder ein Schmarren, da war Hegel schon wieder knülle).

Jetzt kein Laut

Ich könnte den Anekdotenerzähler Stefan Siegert preisen (Horst Janssen habe zum Frühstück eine halbe Flasche Wodka mit Buttermilch verspeist, steckte er mir), den Kulinariker, den Braunkehlchenfeldforscher, den Kulturindustriepolemiker (wie zerdeppert er die Deppen von der FAZ oder die von der Telekom, die Beethovens inexistente »unvollendete« Zehnte mittels eines »Algorithmus« fertigstellen wollten!). Nie ist Platz für das, was von Belang ist.

Ich möchte indes dem Telefonfreund, in dem ich einen Romantiker im Geiste Herbert Marcuses oder Ernst Blochs (oder Wilhelm von Humboldts oder Schuberts) vermute, durch zwei mir besonders liebe Textstellen von ihm die Reverenz erweisen. Die eine handelt vom Thema Heimat: »Es gibt eloquent geldstrotzende Lobbynetzwerke, die für die Zerstörung unserer Heimat und damit für die Zerstörung der sich aus vielen Heimaten vieler verschiedener Völker und Menschen zusammenfügenden Welt sorgen.«

Und in der anderen ist alles ausgedrückt. Dort spricht der Aristoteliker Stefan Siegert von Breughel und Kinofilmen und der »Seele«, und er schreibt: »Gestern hatte ich einen Moment im Winter, der neu für mich war. Ich saß im Freien auf einem Stuhl. Um mich Schnee. Vor mir in frostbleicher Luft: dunkles Eichengeäst, schneegehöht vorm dunstigen Grau der Weite eines sich seit Mittag hinziehenden Abends. Morgens hatten irgendwo ein paar verstreute Meisen gezirpt, in der Luft eine Krähe, die sich mit einer ­Möwe kabbelte. Jetzt kein Laut. Dorthin, wo wir auf dem Land wohnen, dringen ohnehin nicht viele Geräusche. Aber jetzt legte sich der Winter in die Stille und machte sie noch weicher und tiefer. Ich sah mich um. Nichts rührte sich. Nicht nur Stille – – Stillstand.«

Die zwei Gedankenstriche. Von Benn kennt man sie, von Henscheid. »Es ist wie Atmen. (…) Im Winter atmet das, was wir Natur nennen, aus. (…) Gelassenheit. Versammlung und ruhend unbewusste Anspannung.«

Wer schreibt, kann sich leider mit in die Fülle der Leere weisenden Gedankenstrichen nicht begnügen – ein dialektisch organisierter Schädel erst recht nicht. Daher setzt Siegert dem Kopfthema ein zweites entgegen (die Sonatenhauptsatzform verlangt es ja): »Nun war ich gestern in der Stadt. Das hastige Getöse, die Geschwindigkeit, die Gleichgültigkeit der Menschen, von der ich nicht einmal weiß, ob sie echt oder nur ein Schutz ist gegen Getöse, Hast und Geschwindigkeit. All das erschien mir wie die Allegorie aufs Wesen des Systems, in dem wir leben. Für dieses System bedeutet Stillstand Bankrott, Herzinfarkt, das absolute Ende. Aber wir brauchen den Stillstand einer unbeirrbaren Natur, den Ruhepunkt, das Ausruhen und Besinnen aufs Vergangene und auf das, was kommt, es gehört zu unserem Kreislauf, wenn unser Leben ein gutes sein soll. Und, ja, Mensch!, das wäre sie doch, die Gesellschaft, von der wir träumen: Nachdem die Produktionsverhältnisse entsprechend geregelt sind, wird diese Gesellschaft mit ihren Produktivkräften eines Tages, im Einklang mit der Natur innerhalb und außerhalb des Menschen, so gut klarkommen, dass wir uns Stillstand pro­blemlos leisten können.«

Musste dir merken

Im Wort »Stadt« steckt das von Gerhard Polt in seinen beethovenartig anarchischen und zugleich ebenso anbetungswürdig geformten großen Monologen stets an den richtigen Platz gesetzte Wort »stad«. Stad statt Stadt. Stefans sentimentalische Prosa legt das frei. Er ist ein landschaftlicher Intellektueller. So Leute sind ein Trost.

Ich kenne Stefan übrigens seit 1992. Ich kaufte Eckhard Henscheids gerade bei Haffmans erschienenen neuen Band mit Feuilletons, »Die Wolken ziehn dahin«, und die Tiepolo aus der zeitlichen Ferne grüßende, seraphisch ausgeführte Zeichnung auf dem Cover stammte, entnahm ich sogleich dem Impressum, von Stefan Siegert. Stefan Siegert, musste dir merken, war mein erster Gedanke.

Während ich diesen Geburtstagskranz in Mittelfranken zu flechten versuche, sind die Wolkenforma- und -konstellationen über mir völlig vergleichbar mit jenen auf den wenigen Photos von der erdatmosphärischen Schleswig-Holsteinigkeit über dem Schmalensee, die Stefan auf seiner Website zeigt. Ich werde dich dort oben besuchen, Stefan, wenn ich darf, und dann bist du vielleicht Lenin, und ich bin Landauer – oder umgekehrt.

Von Herzen alles erdenkliche Gute.

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