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Aus: Ausgabe vom 23.07.2021, Seite 10 / Feuilleton
Kunst

Ein Faustschlag ins Gesicht

Die Ausstellung »Documenta. Politik und Kunst« blickt auf die Geschichte der Kasseler Kunstschau zwischen 1955 und 1997 zurück
Von Matthias Reichelt
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Werner Haftmann und Arnold Bode bei der Eröffnungsfeier der Documenta 3, 1964

Raphael Gross, seit 2017 Direktor des Deutschen Historischen Museums (DHM), gab den Impuls für eine Ausstellung zur Geschichte der Documenta. Nun ist ein Rückblick auf die weltweit einflussreichste Kunstschau auf zwei Etagen des Pei-Baus zu sehen. Ein Kuratorenteam hat die ­Documenta nach kulturpolitischen und historischen Aspekten untersucht. Parameter wie »Gender« und »Race« riefen beispielsweise die feministische New Yorker Künstlerinnengruppe Guerilla Girls – »The Conscience of the Art World« (das Gewissen des Kunstbetriebs) – mit der berechtigten Frage auf den Plan: »Warum ist die Documenta 1987 zu 95 Prozent weiß und zu 83 Prozent männlich?«

Ein anderes Kapitel behandelt die erste Beteiligung von DDR-Künstlern 1977 auf der Documenta 6 (D 6), die u. a. Werke von Fritz Cremer, Wolfgang Mattheuer, Willi Sitte und Werner Tübke präsentierte. Es war Tübke, der als erster deutscher Künstler in seinem Gemälde »Die Lebenserinnerungen des Dr. jur. Schulz III« (1965) Auschwitz zum Thema machte, während die US-amerikanische Künstlerin Beryl Korot für ihre vierteilige Videoinstallation »Dachau 1974« Besucher in der Gedenkstätte KZ Dachau dokumentiert hatte.

Die Werke des oppositionellen und von der DDR-Staatssicherheit unter Beobachtung stehenden Malers, Graphikers und Jazzmusikers A. R. Penck (Ralf Winkler) gelangten nicht direkt aus der DDR, sondern über seinen Westgaleristen Michael Werner auf die D 6.

Ein zentraler Teil der Ausstellung im DHM widmet sich der ersten Documenta 1955 in dem noch deutlich vom Krieg gezeichneten Kassel. Das ausschließlich männliche Leitungspersonal bestand damals fast zur Hälfte (zehn von 21) aus ehemaligen Mitgliedern von NSDAP, SA oder SS. Während Arnold Bode, der Initiator und heftige Streiter für die anfänglich als »Europäische Kunstausstellung des 20. Jahrhunderts« geplante Ausstellung, im Faschismus ­Berufsverbot hatte und seine Kunst als »entartet« eingestuft worden war, war der »Spiritus Rector« Werner Haftmann seit 1937 NSDAP-Mitglied. Auch wenn dies seit längerem bekannt ist, präsentieren Ausstellung sowie der empfehlenswerte Katalog unter dem Kapitel »Werner-Haftmann-Modell« neues Material. Ein Artikel im Giornale dell’Emilia befasste sich am 17. August 1946 u. a. mit dem als Kriegsverbrecher gesuchten Leutnant Haftmann, der eine Einheit »Bandenaufklärung« zur Jagd auf Partisanen in Italien geleitet hatte und an grausamen Folterungen und Erschießungen beteiligt gewesen war. Haftmann persönlich bekannt war der exilierte jüdisch-deutsche Maler Rudolf Levy, der 1943 in Florenz verhaftet wurde, im Januar 1944 nach Auschwitz deportiert werden sollte und wahrscheinlich noch während des Transports ermordet wurde. Levy hatte in Florenz in einer Pension im Palazzo Guadagni gewohnt, in dem auch das »Kunsthistorische Institut« untergebracht war, dem Haftmann vor dem Krieg als Assistent angehört hatte und das er auch während des Krieges aufsuchte. 1946 erkundigte er sich in einem Brief: »Lebt Levy noch in Florenz?« Levys Name tauchte auf einer Vorschlagsliste für die Documenta 1955 auf, wurde jedoch wieder gestrichen.

1954 formulierte Haftmann: »Die moderne Kunst wurde als jüdische Erfindung und Zersetzung des nordischen Geistes erklärt, obwohl nicht ein einziger der deutschen modernen Maler Jude war.« Das konnte er nur, indem er z. B. Ludwig Meidner, Lotte Laserstein und Rudolf Levy ausblendete. Nun zeigt das DHM mehrere Bilder von Levy, darunter sein Selbstbildnis, das auch formalästhetisch ohne Probleme in der Documenta hätte präsentiert werden können. Sowohl die Eröffnungsrede wie auch der Katalogbeitrag von Werner Haftmann zur ersten Schau enthielten eine gleichlautende Passage. Haftmann ruft darin die »schmerzhafte Erinnerung« an die »jüngst vergangene Zeit« auf, in der »Deutschland aus der vereinten Anstrengung des europäischen Geistes heraustrat, sich isolierte und in einem sehr seltsam anmutenden Anfall von Bilderstürmerei die bereits erreichten Ergebnisse dieser Anstrengung auf allen Gebieten des Geistes verwarf«. Mit dieser Abstraktion überging Haftmann die großen Verbrechen. Er verschwieg die KZ und Vernichtungslager, den Massenmord an den Juden ebensowie den Vernichtungskrieg mit vielen Millionen Toten. Über die als »entartet« ausgegrenzten und in die innere Emigration gezwungenen Künstler schrieb er: »Dabei war es nicht so, dass die Verfemung der modernen Kunst den Künstlern selbst geschadet hätte. (…) Der Künstler ging in den Untergrund, malte in Waschküchen, modellierte in verfallenen Fabrikhallen und nährte sich wie die Lilien auf dem Felde.« Das ist – es kann nur drastisch ausgedrückt werden – ein Faustschlag ins Gesicht aller Künstlerinnen und Künstler, vor allem der ermordeten, ob Robert Levy, Otto Freundlich, Charlotte Salomon oder andere. Haftmanns Befund dürfte freilich auf Emil Nolde zutreffen, dessen Bilder bei den Nazis als »entartet« galten, der sich aber als glühender Nazi, durch und durch antisemitisch gesinnt, bereits 1933 mit einem »Entjudungsplan« beim »Führer« anzudienen versuchte. Genau jenem Nolde erfand Haftmann die Legende vom widerständigen und in die innere Emigration gezwungenen Künstler.

Die ersten Documenta-Ausstellungen waren im Kalten Krieg klar antikommunistisch ausgerichtet und sollten die Freiheit der Kunst im Westen gegen den Sozialistischen Realismus in Stellung bringen. Besonders die D 2 1959 war davon geprägt. Viele Werke des Abstrakten Expressionismus und Minimalismus US-amerikanischer Provenienz waren zu sehen, ausgeliehen aus dem im engen Kontakt mit der CIA stehenden Museum of Modern Art. Bei der D 3 dominierte dann die Pop Art, die zu einem beachtlichen Teil die kapitalistische Warenwelt zelebrierte.

»Documenta. Politik und Kunst« – Pei-Bau des Deutschen Historischen Museums, bis zum 9. Januar 2022

www.dhm.de

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  • Leserbrief von helmut gewalt aus Kassel (23. Juli 2021 um 09:57 Uhr)
    Die Austellung umgeht aber auch städtische Verwaltungsinteressen Kassels (Documenta-Gesellschaft aus Stadt Kassel, Hessen/Land und Kulturstiftung des Bundes), die inzwischen auch an Josef Beuys aufgekommene Kritik – HJ, freiwilliger Wehrmachtseintritt, sich mit ehemaligen NS-Involvierten zu umgeben und Teilnahme an zumindest einem Treffen ehemaliger NS-Jagdflieger, Mystifikation der eigenen Biographie, z. B. bei den Angaben zu seiner Rettung durch »Krimtataren« nach seinem Abschuss (...), sein sich Berufen auf Rudolf Steiner, abgesehen von seinem bei aller möglichen Läuterung penetranten, auch physikalischen Irrationalismus (...).

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