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Aus: Ausgabe vom 23.07.2021, Seite 5 / Inland
Soziales Elend

Unterlassene Hilfeleistung

Armut: Jedes fünfte Kind hierzulande betroffen, besonders stark in Hessen. Linke fordert Grundsicherung
Von Bernd Müller
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Zählt zu den Krisenverlierern in diesem Land: Der junge Nachwuchs (Wiesbaden, 16.9.2020)

Es ist ein akutes Problem in Deutschland: Kinderarmut. Besonders dramatisch hat sich die Lage in Hessen entwickelt, berichteten am Mittwoch mehrere Internetmagazine übereinstimmend. Dabei beriefen sie sich auf eine aktuelle Studie des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes.

In Hessen seien mehr Kinder arm als im bundesweiten Durchschnitt, berichtete der Paritätische, und die Armutsquote unter Minderjährigen steige schneller als in anderen Bundesländern. Mehr als jedes fünfte Kind (21,9 Prozent) lebt demnach in Armut, deutschlandweit sind es 20,5 Prozent. In keinem anderen westdeutschen Bundesland sei die Kinderarmut schneller gestiegen als in Hessen, heißt es in dem Bericht weiter. Seit 2010 erhöhte sich die Armutsquote um 6,6 Prozent; der durchschnittliche Anstieg in der gesamten Bundesrepublik lag in diesem Zeitraum bei 2,3 Prozent.

Es könnte noch schlimmer kommen, denn in den Daten ist die Zeit der Coronakrise noch nicht berücksichtigt. Aber sicher sei dem Paritätischen zufolge dies: »Die Pandemie belastet einkommensarme Familien besonders stark.« Die Entwicklung in Hessen sei alarmierend und müsse ein Weckruf für die Landesregierung sein, sagte Yasmin Alinaghi, Landesgeschäftsführerin des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Hessen. »Sie muss ergründen, warum die Kinderarmut bei uns mehr steigt als in allen unseren sechs Nachbarbundesländern, und sofort entschlossen gegensteuern«.

Daniel Schröder, Regionalleiter der »Arche« Rhein-Main, sagte am Mittwoch gegenüber dem Magazin Journal Frankfurt, in Frankfurt am Main und Umgebung sei Kinderarmut stark verbreitet, weil die Gegend »hochpreisig« sei. Das schlage sich unter anderem auf die Lebensmittelpreise nieder. Kinder und Jugendliche, die in den Einrichtungen des Verbandes mit Essen versorgt würden, »hätten sonst zu Hause nichts«, sagte Schröder.

Den Kindern fehlt es aber nicht nur an Essen, sondern auch oft an Schulmaterial. Kleine Dinge wie Füller oder Farbmalkästen würden zur Herausforderung, so Schröder. Klassenfahrten seien häufig ein finanzielles Problem. Zu den Geldsorgen geselle sich auch oft Scham: Schüler nähmen mitunter lieber eine schlechte Note im Sportunterricht in Kauf, als zuzugeben, dass sich die Eltern keine neuen Sportschuhe leisten könnten.

Im Normalfall gibt es für solche Fälle das Bildungs- und Teilhabepaket, über das zumindest ein Teil des Schulbedarfs gedeckt werden kann. Zuschüsse für Klassenfahrten, Mitgliedschaften in Vereinen oder Nachhilfe kommen in Hessen aber nur bei jedem zehnten Kind an, heißt es beim Paritätischen. Auch in diesem Punkt liegt das Bundesland weit unter dem bundesweiten Schnitt: Deutschlandweit erreichten die Gelder zumindest jedes siebente Kind.

Auch die neoliberale Bertelsmann-Stiftung hatte in der vergangenen Woche Zahlen zur Armut von Kindern veröffentlicht. Demnach sind es vor allem die Kinder von alleinerziehenden Eltern, die betroffen sind, immerhin knapp 43 Prozent. Das, obwohl die Mütter und Väter in den meisten Fällen erwerbstätig sind. Kinder, die mit beiden Elternteilen zusammenleben, sind dagegen nur zu neun Prozent von Armut betroffen.

»Es ist eine Schande, dass Armut im reichen Deutschland immer noch ein solches Ausmaß hat«, sagte Elke Hannack, stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB). Für Geringverdiener und Alleinerziehende müsse es eine »arbeitnehmerorientierte Kindergrundsicherung« geben. Die Kovorsitzende der Partei Die Linke, Susanne Hennig-Wellsow, erklärte: »Die größte Hilfe für alleinerziehende Eltern ist, wenn der Armutsdruck von den Kindern genommen wird«. In einem reichen Land sei Kinderarmut unterlassene Hilfeleistung. Sie fordert eine Kindergrundsicherung, die je nach Alter zwischen 328 und 630 Euro liegen soll.

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