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Aus: Ausgabe vom 22.07.2021, Seite 11 / Feuilleton
Film

Die versoffene Bildungsanstalt

Grenzen der Grenzverletzung: Thomas Vinterbergs »Der Rausch«
Von Manfred Hermes
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Saufen inspiriert selbst den Sportunterricht: Die Schulmannschaft ist jedenfalls begeistert

Oft reicht in Filmen der Bruchteil einer Sekunde aus, um sich ein Bild von den künstlerischen Prämissen und ästhetischen Ansprüchen zu machen. Die ersten Momente von Thomas Vinterbergs »Der Rausch« nehmen einen ungewöhnlich stark für den Film ein. Sie zeigen ein lautes Jugendritual in greller Sonne, das kotzend und im Totalzusammenbruch ein Ende findet. Dann bricht die kreischende Hektik in eine stumme Titelsequenz mit tiefschwarzem Hintergrund ab. Es folgt der Kater der Lebensmitte.

Vier Gymnasiallehrer, schon ewig befreundet, leben komfortabel, finden sich aber fade und niedergedrückt. Der Arbeit gehen sie nur halbherzig nach, zermürbt von ständigem Druck der Schulleitung und Eltern. Auch die eigenen Familien gehören zum feindlichen Lager, sie töten jeden Spaß durch Pflicht. Auf die Ehefrauen blickt der Film mit der ganzen Härte eines geradezu Nabokovschen Abscheus.

Ein runder Geburtstag wird im Restaurant mit ambitionierter Karte, teuren Weinen und Bränden gefeiert. Der Rausch stellt magische Momente zwischen den vier Männern her, man plappert klug. Dass die Dänen seit 40 Jahren als die glücklichsten Menschen der Erde indexiert sind, muss eine grobe Verfälschung sein. Diese Dänen hier beklagen vermasselte Höhenflüge und das Ende aller Hoffnungen.

Man kommt auf die Thesen des Norwegers Finn Skårderud zu sprechen, denen zufolge der Mensch mit einer Alkoholinsuffizienz geboren sei. Man müsse den Pegel nur dauerhaft auf 0,05 Prozent anheben, schon würde das Leben entspannter, man selbstsicherer, kreativer und mutiger. Man würde nur noch bedeutende Werke schaffen, ja, das Leben selbst zu einer Kunstform werden. Waren denn nicht auch Hemingway oder Churchill große Trinker, Adolf Hitler hingegen Abstinenzler? Mads Mikkelsens Mimik spielt dann schon mal exemplarisch die dopaminerge Wirkung des Alkohols vor, bis hin zu den vom Glück herausgepressten Tränen.

Wie auch immer, der Abend löst Veränderungen aus. Denn die vier beschließen, sich auf das Experiment einzulassen. Neben der 0,5-Promille-Grenze soll nur noch die Regel gelten, sich strikt auf die Arbeitszeit zu beschränken, nach 20 Uhr und an den Wochenenden aber nicht zu trinken.

Die ersten Effekte sind vielversprechend. Vieles klappt besser, auf einmal wirkt selbst der Schulunterricht inspirierend. Schülerinnen und Schüler sind jedenfalls begeistert. Schnell kommt es aber auch zu vermeintlich unerwarteten, letztlich aber doch absehbaren Problemen: Die alkoholische Transzendenz schwächt sich ab, der Genuss des poetisierten Erhabenen schlägt in Grobianismen um, auch die Maßgaben der Versuchsanordnung fransen aus. Bald finden sie alle, dass das schematisierte Pegeltrinken individualisiert werden, sprich deutlich mehr getrunken werden muss. Das vermehrt ungute Ausfälle, auch im Lehrerzimmer.

Die Komik einer versoffenen Bildungsanstalt geht am Kinopublikum bestimmt nicht verloren, zumal jeder Zuschauer mit eigenen Erinnerungen nachhelfen kann. Allerdings ist diese Komik auch mit einer Melancholie versetzt, die sich aus Referenzen auf die Erfolge des Dogma-95-Konzeptualismus der 1990er speist, zu dessen Mittelfeld Vinterfeld gehörte. Hier wird er in der willkürlichen Versuchsanordnung (der Sauf­planung) noch einmal realisiert, wenn auch gebrochen.

Dieser Bruch zeigt sich auf verschiedenen Ebenen, in gewissen Imbalancen und Verwirrungen der Absichten, in Albernheit und Sorge, Zynismus und Sentimentalität. Eine Nichtpsychologisierung, die psychologisiert – sogar das Gruppenbild selbst –, lässt eine Vielfalt der Interaktionen und Eigenschaften nicht zu, da alles auf Mikkelsen als Zentrum und Hauptdarsteller ausgerichtet bleibt. Vor allem prallt aber jedes Vergnügen an der Grenzverletzung immer schon gegen einen moralisierenden Rahmen.

Das Experiment selbst hatte ohnehin keinen offenen Ausgang, auch wenn erst gegen Ende deutlich wird, dass hier alles auf einen vorab festgelegten Ausgang hinauslief. Es wurde nur beschleunigt, was aufgehalten oder zurückgewiesen werden sollte: das Coming-of-old-Age. Einer aus der Viererbande überlebt den Eingriff in die Gehirnchemie nicht. Er konnte seine Illusionen nicht aufgeben und tötet sich lieber selbst. Für die anderen ergibt das einen kathartischen Moment, dem der Abiturstoff Kierkegaard noch mit einem moritatenhaften Fazit nachhilft: Ohne die demütige Anerkennung der eigenen Hinfälligkeit ist man zur Liebe nicht fähig.

Auch in einem weiteren Punkt zeigt dieser Film keine Ambivalenz: »Der Rausch« ist ein Männerfilm durch und durch. Vinterberg macht praktisch keine Zugeständnisse an neuere Repräsentationsgepflogenheiten. Statt »Stärke« und »Empowerment« wird Frauen hier nur zugeschrieben, mit subtiler ­Aggressivität das Realitätsprinzip hochzuhalten. So kommt es dann auch, dass ein alter Hund berührender wirkt als irgendein Seufzer der an ihren Gatten leidenden weiblichen Figuren. Da ist es um so kurioser, dass diese unapologetische Perspektivierung der erfrischendste Teil des Films ist – neben einer übrigens großen cinematographischen Selbstgewissheit.

»Der Rausch«, Regie: Thomas ­Vinterberg, Dänemark (u. a.) 2020, 117 Min., Kinostart: heute

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