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Aus: Ausgabe vom 22.07.2021, Seite 1 / Titel
Rechter Terror

Utøya war kein Einzelfall

Zehn Jahre Breivik-Morde, fünf Jahre OEZ-Attentat in München: »Einsame Wölfe« und rechte Staatsterroristen sind größte Gefahr in westlicher Welt
Von Sebastian Carlens
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Mit der Fähre »Thorbjørn« war Anders Breivik, als Polizist verkleidet, am 22. Juli 2011 nach Utøya übergesetzt. Er ermordete 69 Menschen auf der Insel

Am Dienstag ist in Norwegen ein faschistisches Netzwerk ausgehoben worden; drei Männer wurden festgenommen, außerdem erhebliche Mengen an Waffen und Munition beschlagnahmt. Laut Bericht des Rundfunksenders NRK gehen die Ermittler davon aus, dass die Verhafteten Beziehungen ins »rechtsextreme Milieu« haben und Anschläge planten. Verblüffend an der Meldung ist der zeitliche Zusammenhang, denn am Donnerstag vor zehn Jahren tötete Anders Breivik in Oslo und auf der Insel Utøya 77 Menschen. Weiterhin überraschend: Eine Verbindung zum Jahrestag dieser Anschläge wurde in den norwegischen Medien nicht hergestellt.

Die Tat Breiviks war nicht das erste Massaker, das Rechtsterroristen in den vergangenen Jahrzehnten verübt haben. Gleichwohl schockierten Brutalität und perfide Planung die Weltöffentlichkeit: Mit einer Bombe in der Hauptstadt Oslo hatte Breivik die Bevölkerung (und auch die Polizei) in Panik versetzt, um später – als Polizist verkleidet – nach Utøya vorzudringen. Dort hielten sich rund 500 junge Leute samt Betreuern auf, die Insel dient der Jugendorganisation der sozialdemokratischen Arbeiterpartei (AUF) als Sommercamp. Breivik hatte die Kinder und Jugendlichen ausgewählt, um – seinem Weltbild entsprechend – den »kulturmarxistischen Nachwuchs« aus dem Weg zu räumen. Er verbüßt mittlerweile eine 21jährige Haftstrafe – mehr sieht das norwegische Recht nicht vor. Aus dem Gefängnis heraus schikaniert er die Überlebenden des Utøya-Massakers mit selbstdarstellerischen Briefen. Eine gründliche politische Aufarbeitung der Tat hat nie stattgefunden. Dies beklagen Angehörige und Überlebende bis heute.

Der Typus des »einsamen Wolfs«, der nicht in vernetzten Strukturen agiert, sondern bis zur Tat unauffällig bleibt, ist fest im neonazistischen Weltbild verankert. Auch in der BRD ist es – wie am 22. Juli 2016, dem fünften Jahrestag der Breivik-Morde – zu vergleichbaren Taten gekommen. Der Rassist David Sonboly hatte im Münchner Olympia-Einkaufszentrum (OEZ) neun Menschen ermordet – er war auf der Jagd nach Muslimen. Sonboly war nach der Tat als Wahnsinniger hingestellt worden; es hat Jahre gedauert, bis seine Tat als rechter Anschlag eingestuft wurde. Auch dies eine Parallele zu Breivik, der zunächst in der Psychiatrie verschwinden sollte.

Beim »Nationalsozialistischen Untergrund« (NSU), der bis 2011 für mehr als zehn Jahre lang ungestört morden konnte, wurde ebenfalls die Bezeichnung von »einsamen Wölfen« strapaziert – hier zu Unrecht. Denn »einsam« waren die bekannten drei NSU-Mitglieder nie, dafür waren ständig genügend »Vertrauensleute« der deutschen Geheimdienste um sie herum – bis zu 50 Personen. Den NSU hätte es ohne den Verfassungsschutz in dieser Form nicht gegeben, er war so gesehen eine Filiale des Dienstes. Die NSU-Morde waren Staatsterror.

Von rechts, von Faschisten in Behörden und Geheimdiensten, aber auch von »Selbstradikalisierern« wie Breivik und Sonboly, geht die größte Gefahr in den westlichen Gesellschaften aus – noch vor islamistischem Terror oder der medial und politisch aufgebauschten »Gefahr von links«. Mindestens 213 Todesopfer rechter Gewalt hat die Amadeu-Antonio-Stiftung seit 1990 in der BRD gezählt. Diese Taten, inklusive des Wahns, der hinter ihnen steht, sind systemimmanent, aus der kapitalistischen Logik der Ungleichwertigkeit des Menschen geboren. Und sie sind nur gemeinsam mit der Gesellschaftsordnung, die dies hervorbringt, zu überwinden.

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