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Aus: Ausgabe vom 21.07.2021, Seite 15 / Antifa
Neonazinetzwerk

Lautes Schweigen

Antifaschisten veröffentlichen detailliertes Dossier über militantes »Hammerskin«-Netzwerk
Von Markus Bernhardt
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4.200 Liter Bier sichergestellt: Neonazis und Polizei auf Rechtsrockfestival in der Lausitz (21.6.2019)

Die Reaktion von Politik und Sicherheitsbehörden nach von Neonazis begangenen Morden und Anschlägen folgt stets dem gleichen Muster: Es wird eine vollumfängliche Aufklärung der Taten versprochen und angekündigt, zukünftig genauer hinschauen zu wollen, was sich am rechten Rand zusammenbraut, um dann – nun aber tatsächlich – entschlossen den Kampf gegen militante Faschisten aufzunehmen. In der Realität bleibt von den sich wiederholenden Ankündigungen jedoch meist nichts übrig, und alles läuft weiter wie bisher. So auch im Fall der »Hammerskins«. Während die Existenz dieses international agierenden und als äußert gefährlich geltenden Neonazinetzwerks von Behördenseite höchstens einmal am Rande erwähnt wird, hat die antifaschistische Recherchegruppe »Exif« vor einigen Tagen ein sehr detailliertes und umfangreiches Dossier zu besagter Gruppierung veröffentlicht, das auf langjährigen Recherchen beruht. Demnach verfügen die »Hammerskins« in Deutschland über 13 Regionalgruppen, sogenannte Chapter, etwa 150 Mitglieder und ein großes Unterstützerumfeld.

Es handele es sich bei ihnen um einen internationalen Zusammenhang mit »festen Mitgliedschaften«, inklusive einer »klaren und hierarchischen Organisationsstruktur sowie einer hohen Strahlkraft und Vernetzung in die Neonaziszene« und zugleich um »eine der ältesten und beständigsten Neonaziorganisationen in Deutschland«. Diese verstünden sich als eine »Bruderschaft« und »Elite« der Szene und »Teil einer international eingeschworenen Gemeinschaft«, die sich »Hammerskin Nation« (HSN) nenne und von Europa über die USA bis nach Neuseeland reiche. Laut »Exif« verfügten die »Hammerskins« zudem über einheitliche Symbole, eigene Statuten, einen loyalen und festen Unterstützerkreis und ein rassistisches, antisemitisches, nazistisches Weltbild. Gewalt und Terror seien Grundlage ihrer Ideologie.

Im Gegensatz zu anderen faschistischen Zusammenschlüssen organisieren sich die »Hammerskins« konspirativ und meiden die Öffentlichkeit. Unter öffentlicher Beobachtung zu stehen bedeute für die Mitglieder des faschistischen Geheimbundes »eine mögliche Einschränkung ihrer Handlungsspielräume« bei der Vorbereitung auf den »Tag X«, aber auch bei Geschäften mit rechter Musik.

2012 erschoss ein »Hammerskin« sechs Menschen in den USA und verletzte weitere schwer. Erst 2020 starb einer der Betroffenen an den Folgeschäden des Anschlags. Der Attentäter unterhielt »Exif« zufolge »enge Kontakte nach Deutschland«. »Die Ideologie der Hammerskins ist die der weißen Vorherrschaft und Überlegenheit. Es ist die des Kampfes für die weiße Rasse, wie sie selber sagen. Es ist eine extrem rassistische Ideologie, um einen vermeintlichen Rassenkrieg zur Bewahrung der Dominanz der Weißen in der Welt«, sagte Matthias Quent, Soziologe an der Hochschule Magdeburg-Stendal, in einem am 8. Juli ausgestrahlten Beitrag des ARD-Magazins »Monitor«.

Direkte Folgen für die gut vernetzten Gewalttäter haben solche Berichte oder die umfangreiche »Exif«-Veröffentlichung vorläufig jedoch nicht. Vielmehr ist das Gegenteil der Fall: »Staatliche Institutionen, die sich auf die Fahne schreiben, das ›Frühwarnsystem der Demokratie‹ zu sein, verharmlosen seit 30 Jahren diese Struktur. Auch, um etliche ihrer V-Leute – von denen bereits eine Handvoll aufgeflogen sind – zu schützen«, so der Vorwurf von »Exif«. Schaue man auf das Verhältnis der Geheimdienste zu den »Hammerskins«, dann werde klar, »dass weder der Wille besteht, die Öffentlichkeit wahrheitsgemäß zu informieren noch das Handeln der Gruppe zu unterbinden«. Die Organisation sei »ein klassisches Beispiel für die Nutzlosigkeit und die Gefährlichkeit der Geheimdienste«. Es zeige sich, wie sehr deren »Arbeitsweise und die dahinterstehende Staatsräson die Gesellschaft gefährden«, so das Fazit der antifaschistischen Recherchegruppe.

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