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Aus: Ausgabe vom 21.07.2021, Seite 5 / Inland
Proctoring

Spähangriff auf Studis

Überwachung von Hochschülern bei Onlineprüfungen: Fehlender Datenschutz beklagt
Von Ralf Wurzbacher
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Klausuraufsicht: Kontrolle durch die Laptopkamera

Schöne neue digitale Lernwelt: Wer in Coronazeiten eine Prüfung am heimischen Computer ablegt, weil die Hochschule keine Studierenden mehr einlässt, läuft Gefahr, Opfer umfassender Überwachungsmaßnahmen zu werden. Nach Auffassung des Datenschutzbeauftragten von Baden-Württemberg wird bei Examen mit Fernaufsicht an mehreren Landeshochschulen gegen Recht und Gesetz verstoßen. Dauerhafte Kontrolle »durch technische Tools, die zu stark ins Private gehen, ist nicht akzeptabel«, beklagte Stefan Brink Ende der Vorwoche in einer Stellungnahme. Entsprechende Praktiken wären weder nach der Datenschutz-Grundverordnung noch nach dem Landeshochschulgesetz zulässig. Besorgt hatte sich davor auch schon die Gesellschaft für Freiheitsrechte (GFF) geäußert: Sogenannte Proctoring-Lösungen könnten »diskriminieren, die IT-Sicherheit und die Privatsphäre gefährden«.

Mit Proctoring-Werkzeugen wollen die Hochschulen verhindern, dass Prüflinge sich mit unlauteren Mitteln Vorteile verschaffen, indem sie beispielsweise Suchmaschinen verwenden oder Textpassagen von anderen Personen in die Klausur hineinkopieren. In Baden-Württemberg mussten sich Studierende in offenbar großer Zahl eine entsprechende Software auf ihren Rechner spielen, um an einer Onlineprüfung teilnehmen zu dürfen. Den obersten Datenschützer des Landes erreichten etliche Hinweise und Beschwerden, wonach dabei »teilweise erheblich in die räumliche und technische Privatsphäre« der Betroffenen eingegriffen wurde. Tatsächlich späht etwa ein Programm des US-Anbieters Proctorio den PC oder Laptop nach möglichen Hilfsmitteln aus. Verlangt wurde ferner, dass Studierende Kamera und Mikrofon während der Tests laufen lassen und ihren Platz nicht verlassen. »Man wollte an der Mimik erkennen, ob jemand betrügt«, befand Brink gegenüber Tagesschau.de. »Das halten wir für Hokuspokus.«

In einer Handreichung an die Hochschulen stellt seine Behörde klar, wo die Grenzen des Erlaubten verlaufen. Danach ist die Videoaufsicht zwar zulässig. Nicht gestattet sind jedoch Aufzeichnungen und Screenshots von Prüfungen, ebenso wie die Aufforderung, zu Kontrollzwecken einen Kameraschwenk durchs Zimmer zu machen. Auch Textentwürfe der Teilnehmer bleiben geschützt, damit deren »Denkprozess« unüberwacht bleibe. Auf dem Index stehen außerdem Tools wie das »Aufmerksamkeitstracking und Tracking von Augen-, Kopf- und Körperbewegungen«. Nicht regelkonform sind ferner sämtliche Verfahren, bei denen biometrische Daten verarbeitet werden. Auch könne es nicht angehen, dass Prüflinge zu Einwilligungen in eigentlich unzulässige Maßnahmen genötigt werden.

Während Brink auf den Dialog mit den Hochschulen setzt und »bei der Suche nach passgenauen, datenschutzkonformen Lösungen« helfen will, fährt die Gesellschaft für Freiheitsrechte größere Geschütze auf. Der Verein will Betroffene dabei unterstützen, sich rechtlich gegen die Vorgänge zu wehren und so »Grundsatzurteile gegen maßlose Überwachung« erwirken. Ihre Argumente hat die GFF in einem am 14. Juli vorgestellten Gutachten gebündelt, das zu dem Schluss kommt: »Bereits die weniger eingriffsintensiven Proctoring-Add-ons können wesentliche Anforderungen an die IT-Sicherheit und den Datenschutz nicht erfüllen.« Anders als Brink scheut die GFF auch nicht davor zurück, die Übeltäter beim Namen zu nennen. Kenntnisse zu Rechtsverstößen hat sie über die Technische Universität Darmstadt, die TU München, die Uni Erfurt, die Berliner Humboldt-Universität sowie diverse Fernhochschulen. Gegen die Fernuni Hagen läuft bereits eine Klage.

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