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Aus: Ausgabe vom 20.07.2021, Seite 15 / Betrieb & Gewerkschaft
Arbeitsniederlegung

Landesweiter Streik

Immer mehr Arbeiteraktionen in der iranischen Gas- und Erdölindustrie. Unterstützungsfront im gesamten Land
Von Hedieh Mosaddegh
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Konflikt: Zahlreiche Beschäftigte fördern und verarbeiten nichts mehr, ziehen in den Arbeitsausstand

Die Streikfront ist breit: Seit dem 19. Juni legen über 60.000 Leih- und Werkvertragsarbeiter in der iranischen Erdölindustrie in bisher mehr als 100 Erdölraffinerieen, Kraftwerken, Unternehmen der Petrochemie und den damit verbundenen Bereichen ihre Arbeit nieder. Insgesamt sind 19 Städte betroffen. Die Streiks weiten sich immer weiter aus, und neue Arbeitergruppen aus verschiedenen Bereichen der Gas- und Ölindustrie schließen sich an. Laut Aktivisten wurden bisher etwa 700 Streikende mit befristeten Anstellungen entlassen. Die Beschäftigten kämpfen für einheitliche Arbeitsverträge sowie die sofortige Umwandlung der inoffiziellen und befristeten in reguläre, unbefristete Verträge. Darüber hinaus setzen sie sich für Sicherheit an ihrem Arbeitsplatz, entsprechende Urlaubsregelungen für schwer arbeitende Berufsgruppen (20 Arbeitstage und zehn Tage Urlaub) und für eine Lohnerhöhung ein, die an die Inflationsrate angepasst ist.

Manche Beschäftigte in den südlichen Gebieten des Landes arbeiten während Zwölfstundenschichten bei Temperaturen von 50 bis 60 Grad Celsius, oft weit weg von ihren Familien und mit nur sechs oder weniger Urlaubstagen, wie aus einem Bericht der BBC am 30. Juni hervorgeht. Mittlerweile arbeiten in der Gas- und Ölindustrie neben den Festangestellten etwa 34.000 Beschäftigte mit einem befristeten Arbeitsvertrag und 120.000 Beschäftigte bei privaten Subunternehmen, so berichtete die Agentur ISNA, Iranian Students News Agency, am 23. Juni.

Unabhängige Gewerkschaft

Gleichzeitig demonstrieren und streiken die unbefristet Angestellten auch dagegen, dass ihre Löhne noch nicht an die Inflationsrate angepasst wurden. Die Regierung versucht sie zwar mit einem sogenannnten Verbesserungsversprechen zu beruhigen, damit die Streikenden sich aufgrund ihrer unterschiedlichen Interessen spalten. Jedoch sind beide Gruppen dieses Mal besser als sonst koordiniert. Da die Werkverträge jedoch in den Händen der privaten Subunternehmen liegen, wälzt das iranische Erdölministerium die Verantwortung diesbezüglich ab. Wegen der verschiedenen Arbeitsverträge verdienen die kurzzeitig Beschäftigten für dieselbe Tätigkeit etwa ein Drittel oder ein Viertel weniger als die unbefristet Beschäftigten.

Asaluyeh zum Beispiel ist ein wichtiges Gebiet am Persischen Golf im Bereich der Gasraffinerie mit zahlreichen Petrochemieunternehmen. Ein Werkvertragsarbeiter beschrieb in einem Interview mit dem Portal Akhbar-e Rooz am 2. Juli, dass dort 8.000 bis 10.000 Beschäftigte mit Werkverträgen arbeiten und in mehreren Camps untergebracht sind. In seinem Camp seien beispielsweise von 400 Beschäftigten 200 Fachleute, 150 sogenannte Semiexperten und 50 ungelernte Arbeitskräfte. Diese Konstellation sei in den weiteren Camps ähnlich. Mittlerweile streikten alle aus seinem und die Mehrheit aus den anderen Camps. Obwohl am Anfang die ungelernten Arbeitskräfte aufgrund fehlender finanzieller Rücklagen und Angst vor Entlassung nicht streiken konnten, seien mittlerweile viele von ihnen trotz der finanziellen Not dabei, weil die Arbeits- und Lebenssituation für sie untragbar geworden sei. Die Streiks sollen zunächst bis zum 23. Juli dauern, teilte der Arbeiter mit.

In den vergangenen Tagen hatten sich einige Personen aus der zukünftigen Regierung von Ebrahim Raisi, unter anderem Said Dschalili, mit den streikenden Beschäftigten zu Gesprächen getroffen. Ihnen wurde die Gründung eines »islamischen Rats« als Option der Konfliktlösung angeboten. Das wurde von den Beschäftigten vehement abgelehnt: »Wir erklären von nun an, dass die Bildung des islamischen Rates und jeder Art von Organisation unter dem Namen einer unabhängigen Arbeiterorganisation im Kabinett der Regierung eine Aktion gegen uns Beschäftigte ist (…). Die Bilanz der islamischen Räte und ähnlicher Organisationen ist den Arbeiterinnen und Arbeitern klar. Sie waren schon immer und werden auch weiterhin Organisationen sein, um die Arbeiter und Arbeiterinnen zu kontrollieren und der Arbeitgeberseite zu dienen«, berichtete am 5. Juli die persische Ausgabe der britischen Zeitung Independent. Die Streikenden fordern die Zulassung einer unabhängigen Gewerkschaft, ohne dass diese von der Unternehmerseite angegriffen werden kann.

Schlüsserolle für Lkw-Fahrer

Unter anderem kündigte die Gewerkschaft der Lkw- und Fahrerorganisationen des Landes bereits ihre Unterstützung am 1. Juli an, dass, sollte die Regierung die Forderungen der Streikenden nicht erfüllen, sie auch landesweit aus Solidarität mitstreiken wird, berichtete Alarabiya Farsi am 1. Juli. Die Lkw-Fahrer, die eine Schlüsselrolle im Brennstofftransport haben, hatten schon vor drei Jahren ihre Forderung, nämlich eine »Erhöhung von Frachtgebühren«, nach einem etwa viermonatigen landesweiten Streik erreicht. Diese Gewerkschaft ruft die gut situierten Beschäftigten auf, sich mit ihren Mitarbeitenden zusammenzuschließen: »Wir teilen ein gemeinsames Leid«.

Mittlerweile führen über 105.000 Kurzzeitbeschäftigte die Kampagne für eine vollständige Entmachtung der privaten Auftragnehmer und Zwischenunternehmen an, hieß es am 10. Juli laut der Ira­nian Labour News Agency. Neben der Unterstützung von den unterschiedlichen Berufsgruppen unterschrieben über 100 politische, gesellschaftliche und akademische Aktivistinnen und Aktivisten eine Petition und solidarisierten sich so mit diesen Streiks.

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