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Aus: Ausgabe vom 19.07.2021, Seite 16 / Sport
Sportgeschichte

Im inneren Wesen kollektivistisch

Heute vor 90 Jahren wurde in Wien die größte Arbeiterolympiade eröffnet
Von Gabriel Kuhn
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Ein anderes Selbstverständnis: Nicht Nationen ringen gegeneinander, sondern Sportgenossen aller Länder miteinander

In vier Tagen beginnen die 32. Olympischen Sommerspiele in Tokio. Sie hätten ursprünglich schon im vorigen Sommer stattfinden sollen, doch die Coronapandemie machte das bekanntlich unmöglich. Auch jetzt ist kaum jemand über die Austragung glücklich. Zuschauer gibt es keine. Doch die kommerziellen Interessen setzten sich durch. Neu ist das nicht. Schon vor hundert Jahren kritisierte die Arbeitersportbewegung das Internationale Olympische Komitee dafür, bürgerliche Werte wie Konkurrenz und Gewinnmaximierung auf den Sport zu übertragen.

Die Arbeitersportbewegung organisierte deshalb ihre eigenen Olympischen Spiele. Die erste Arbeiterolympiade fand 1925 in Frankfurt statt. Dafür wurde das Waldstadion errichtet, das heute Deutsche-Bank-Arena heißt. Im Festbuch der Spiele wurde festgehalten: »Bei uns ringen nicht Nationen gegeneinander, sondern Sportgenossen aller Länder miteinander. Wir haben alle denselben Feind: den Kapitalismus, der den Nationalismus erzeugt hat und an seinen Brüsten nährt. Nicht Nationen werden bei uns siegbekränzt, nicht ihre Fahnen wehen uns voran, sondern Brüder und Schwestern vereinen sich unter den Fahnen des Sozialismus.«

Zur größten Arbeiterolympiade kam es sechs Jahre später in Wien. Sie wurde heute vor 90 Jahren eröffnet. Wieder wurde ein neues Stadion errichtet, das Praterstadion. Mittlerweile in Ernst-Happel-Stadion umbenannt, ist es noch immer das Nationalstadion Österreichs. Genau 77.166 Arbeitersportler nahmen an den Spielen teil. Die meisten nicht an Wettbewerben, sondern an Massenübungen von Turnern, Leichtathleten und Schwimmern. Die Übungen im Wehrsport waren der faschistischen Gefahr geschuldet. In Österreich gab es enge Verbindungen zwischen dem Arbeitersport und den Arbeitermilizen des Republikanischen Schutzbunds.

Teilnehmer an den einwöchigen Spielen in Wien kamen mit dem Rad aus Palästina und zu Fuß aus Lettland. Sie wurden in Massenschlafsälen und Zeltlagern untergebracht. Jüngere Teilnehmer kamen bei Arbeiterfamilien in Gemeindebauten unter. Die in den Wettbewerben gezeigten Leistungen brauchten sich nicht zu verstecken. Es wurden 18 internationale Rekorde aufgestellt. Insgesamt zogen die Veranstaltungen 200.000 Zuschauer an. In einem Buch zur Geschichte der österreichischen Arbeitersportbewegung beschrieben die Historiker Paul Nittnaus und Michael Zink den Zuschauerauflauf wie folgt: »Der Parkplatz vor dem Stadion war mit Fahrrädern überfüllt, da und dort sah man Motorräder, aber keine schwarzen Limousinen, denn damals fuhren die Politiker und Funktionärsspitzen mit sieben Sonderzügen der Straßenbahn ins Stadion!«

In einer anlässlich der Olympiade in Massenauflage verbreiteten Broschüre mit dem Titel »Unter roten Fahnen! Vom Rekord- zum Massensport« charakterisierte der Austromarxist Julius Deutsch, Präsident der Sozialistischen Arbeiter-Sport-Internationale (SASI), den »bürgerlichen Sport« folgendermaßen: »In seiner Reinkultur zeigt er sich bei den großen, prunkvollen Veranstaltungen, die die Sensationslust veranstaltet. Da werden Wochen vorher die Reklametrommeln gerührt, bis Zehntausende Menschen am Tage des Ereignisses zusammenströmen. Die sehen dann voll fieberhafter und mit allem Raffinement künstlich aufgestachelter Leidenschaft zu, wie einige Rekordjäger sich um einen hohen Preis raufen.« Der »proletarische Sport« hingegen sei, so Deutsch, »in seinem inneren Wesen kollektivistisch« und diene der »Ertüchtigung der Massen«.

Die ersten Arbeitersportverbände waren in Deutschland nach der Aufhebung der Sozialistengesetze 1890 gegründet worden. Anstelle von Wettrennen wurden Wanderungen organisiert, statt Schwimmwettkämpfen gab es Lehrgänge im Rettungsschwimmen, und geselliges Radfahren stand höher im Kurs als Zweikämpfe im Tennis oder Fechten. »Festspiele« ersetzten »Turniere«. Anstelle von »Nationalmannschaften« traten »Bundesauswahlen« an.

Eine Vorreiterrolle nahm der 1893 gegründete Arbeiter-Turnerbund ein. Von besonderer Bedeutung war auch der 1896 gegründete Arbeiter-Radfahrer-Bund »Solidarität«. Seine Infrastruktur sollte sich nach der Machtübertragung an die Nazis und dem Verbot der Arbeitersportvereine im Widerstand gegen das faschistische Regime als nützlich erweisen. Ehemalige »Solidarität«-Mitglieder verrichteten wichtige Botendienste. Der Stuttgarter Arbeitersportler Wilhelm Braun schrieb in seinen Erinnerungen: »Nicht die SPD, sondern wir Arbeitersportler von damals haben die illegale Arbeit durchgeführt, und nach uns kam nichts mehr zustande.«

Die Konflikte zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten hatten in den 1920er Jahren zu einer Spaltung in der Arbeitersportbewegung geführt. Neben der SASI wurde 1921 mit der Roten Sportinternationale (RSI) eine ­kommunistische Arbeitersportorganisation geschaffen, die internationale Spartakiaden organisierte, darunter auch eine in Berlin 1931. Sie fand wenige Wochen vor der Arbeiterolympiade in Wien statt. Die meisten Mitglieder der RSI kamen aus der Sowjetunion. Der deutsche RSI-Ableger war die Kampfgemeinschaft für Rote Sporteinheit, kurz »Rotsport«. Auch RSI-Sportler engagierten sich im Widerstand gegen die Nazis. Der Rotsport-Vorsitzende Ernst Grube kam 1945 im Konzentrationslager Bergen-Belsen um.

Erst im Zuge der Volksfrontpolitik der 1930er Jahre traten Athleten von SASI und RSI gemeinsam bei einer Arbeiterolympiade an, 1937 in Antwerpen. Die Spiele von Antwerpen konnten jedoch nicht an jene von Frankfurt und Wien anschließen. Zu sehr war die Arbeitersportbewegung durch den Faschismus bereits geschwächt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg sollten die Nachfolgeorganisationen der Arbeitersportverbände nicht mehr die Bedeutung ihrer Vorgänger erreichen. Sie änderten auch ihr Profil. Von Klassenkampf war keine Rede mehr. 1986 trat die Nachfolgeorganisation der SASI, die Internationale Konföderation von Arbeiter- und Amateursportlern, gar dem Internationalen Olympischen Komitee bei.

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