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Aus: Ausgabe vom 19.07.2021, Seite 10 / Feuilleton

Eine kleine Welt, in der die große Probe hält

Von Erwin Riess
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Auch Ludwig van Beethoven suchte einst gern das Donauufer auf

Der Dozent und Herr Groll trafen sich zu einer Tour d’Horizon bei Grolls Stammheurigen am nördlichen Donauufer. Es war jenes Gebiet, das auch der am gegenüberliegenden Donauufer lebende Ludwig von Beethoven einst gern aufsuchte. Gemeinsam mit dem tirolischen Kapuzinerpater und Feldkaplan Joachim Haspinger, der 1809 der Einpeitscher des Tiroler Aufstandes gegen die Bayern und Franzosen war und sich dann in den Osten absetzte, erörterten auch diese beiden Zeitgenossen beim Wein die Weltlage, wobei Haspinger, der judenfeindliche Tiroler Taliban, die reaktionäre Seite besetzte. Der weltoffene Beethoven hielt dagegen, und nicht selten flogen die Weinkrüge, worauf die beiden sich trennten, was sie aber nicht daran hinderte, den Disput Tage später fortzusetzen.

Groll und der Dozent waren sich des großen Schattens ihrer beiden Vorläufer bewusst, als sie am Fuß des Bisambergs die Weltprobleme durchgingen. Sie vermerkten die endgültige militärische Niederlage der Amerikaner in Afghanistan, Merkels Rückzug von den Politikgeschäften und den ­Vollzug der grünen Kanzlerwende: Minus zehn Umfrageprozente binnen eines Monats, das konnte sich sehen lassen. Dass die Grünen noch nicht vollständig Teil des Establishments seien, zeige sich darin, dass Verfehlungen von der Art Baerbocks bei Abgeordneten der CDU/CSU, FDP und SPD nicht einmal erwähnt würden. Eine große Portion männlicher Chauvinismus runde die Sache ab. Weiters wurde die EU-Politik gegenüber Polen und Ungarn gestreift und mit dem Attest: zu spät, zu harmlos, zu feig und folglich wirkungslos abgeschlossen. Mit der Entwicklung des Erdölpreises und der zweifelhaften Umweltbilanz von strombetriebenen Autos wurden auch Fragen der Wirtschaft erörtert. Bevor sie ihren Fokus von der Welt auf Österreich richteten, bestand Herr Groll darauf, ein Glas Wein zu Ehren der Unwetteropfer und der Hilfskräfte an Rhein, Mosel und Ahr zu trinken. Da das Gedenken an die Opfer der Katastrophe mit einem Glas nicht abgetan werden konnte, dauerte es, bis die beiden, die nicht mehr ganz nüchtern waren, sich Sebastian Kurz, der ebenso wie Angela Merkel in den USA weilte, zuwandten. Der Kanzler habe, so der Dozent, in New York nichts Geringeres als einen vollständigen Kurswechsel in der Coronapolitik verkündet. Erstens sei die Pandemie – Delta-Mutante hin und nachlassende Impfzahlen her – im Grunde vorbei, woraus zweitens, zwingend zu folgern sei, dass die staatlich verordnete Vorsorgepolitik beendet werden könne. Statt dessen sei ab nun jede Person in Österreich ausschließlich selbst für ihre Gesundheitsperformance verantwortlich.

»Das ist nichts anderes als die Ausdehnung eines radikalen neoliberalen Wirtschafts- und Gesellschaftskurses auf die Pandemie«, schloss der Dozent.

»Erst seit drei Wochen ist genug Impfstoff im Lande, eine erforderliche Immunitätsrate wurde durch Impfungen nicht einmal für fünfzig Prozent der Bevölkerung erreicht, und schon schmeißt der Slim-Fit-Kanzler den Pandemiekrempel, mit dem man nicht mehr politisch punkten kann, seinen Landsleuten vor die Füße«, erwiderte Groll. »Jeder ist seines Glückes Schmied, ruft er jenen zu, die aus vielerlei Gründen noch nicht in der Lage waren, sich impfen zu lassen. In den großen Städten verzeichnen die Stadtviertel, die den höchsten Anteil migrantisch geprägter Menschen aufweisen, besonders niedrige Impfraten. Und das nicht, weil die Leute zu dumm oder zu wenig einsichtig sind, sondern weil ihre Sprachkompetenz zu gering ist. Die Behörden waren gerade in der Information jener Bevölkerungsgruppen, die vom normalen Kommunikationsfluss ohnehin abgeschnitten sind, säumig. Ob dies bewusst geschah oder Ausfluss einer systemischen Diskriminierung dieser Gruppen ist, darüber sollen dereinst die Pandemiehistoriker urteilen.«

»Die geheime, nirgendwo verfassungsgemäß verankerte Zweitregierung Österreichs, die ›Landeshauptleutekonferenz‹, deren Vorsitz derzeit vom Tiroler Landeshauptmann Platter geleitet wird, hat den Coronakurs des Kanzlers bereits übernommen«, ergänzte der Dozent. »Trotz steigender Infektionszahlen und dem Fiasko im Vorjahr müsse man alle Bereiche öffnen, sagt Platter im Auftrag von Hotellerie und Seilbahnwirtschaft.«

»Ohne die Österreich bekanntlich stillsteht«, schloss Herr Groll und bestellte ein Viertel Schankwein Rot.

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