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Aus: Ausgabe vom 17.07.2021, Seite 8 / Ansichten

Unter Geschwistern

Merkels Abschiedsbesuch in den USA
Von Reinhard Lauterbach
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Keine Biene, sondern Bundeskanzlerin Merkel am 15. Juli an der Johns-Hopkins-Universität in Washington

Wer noch den Realsozialismus erlebt hat, erinnert sich sicher an eine in der DDR beliebte Scherzfrage: Sind die Russen unsere Brüder oder unsere Freunde? Antwort: Unsere Brüder. Denn Freunde kann man sich aussuchen.

In dem Sinne sind die USA gegenüber der Bundesrepublik genauso der große Bruder, nicht nur, weil sie sich herausnehmen, der kleinen Schwester Angela Merkel das Handy zu hacken, auch wenn das »unter Freunden gar nicht geht«, wie die Kanzlerin seinerzeit maulte. Eben. Unter Freunden, die man sich aussuchen kann. Und das kann die BRD nicht, es sei denn um den Preis, nicht mehr die zu sein, die sie seit gut 70 Jahren ist: ein Kind der USA und ihrer weltpolitischen Interessen. Donald Trump hat das auf die unangenehme Tour deutlich gemacht, Joseph Biden wiederholt es auf die nette.

So wurde Angela Merkel vom neuen Präsidenten als erste westeuropäische Regierungschefin ins Weiße Haus eingeladen. Und so saß sie dann da wie die Biene Maja im schwarz-gelben Ehrendoktorkittel der Covidfälle zählenden Johns-Hopkins-Universität und beschwor »gemeinsame Werte«. Immerhin einen richtigen Gedanken sprach sie aus: Dass es Daten und Fakten brauche, um die richtigen Schlüsse zu ziehen. Schon bei früherer Gelegenheit hatte sie betont, dass Aufklärung auf der Annahme eines Unterschiedes zwischen Wahrheit und Unwahrheit beruhe. Dank an Angela Merkel für diese Erinnerung ausdrücklich auch von dieser Stelle.

Sicher wollten beide Seiten ein Signal setzen: die USA, dass sie angesichts der Verlagerung der imperialistischen Hauptfront in den Pazifik auf Ruhe und Verlässlichkeit an der europäischen – neuerdings – Nebenfront setzen. Und das politische Berlin, dass es doch gar nicht wider den Stachel löcken will, solange es im Schatten der USA seinen eigenen Geschäften nachgehen darf.

Wie das praktisch aussieht, wird man in den nächsten Wochen sehen, wenn das Kleingedruckte zu Nord Stream 2 bekannt wird. Beide Seiten sind sich darin einig, dass Russland aus dem Betrieb der Leitung allenfalls – durch EU-Vorgaben eingeschränkte – finanzielle Vorteile ziehen darf, keinesfalls aber die politischen, die die Gegner der Leitung Wladimir Putin ständig als Ziel unterstellen. In erster Linie, die Ukraine vom Gastransit und den damit verbundenen Einkünften abzuschneiden. Was einstweilen durchsickert, läuft darauf hinaus, Russland zu nötigen, bei Strafe der Abschaltung der – rechtskräftig genehmigten – Leitung weiter und wirtschaftlich unnötigerweise Gas durch das marode Leitungsnetz der Ukraine zu schicken und so einen Staat mitzufinanzieren, der sich als militärischer Vorposten gegen Russland aufplustert.

Freilich: Das ist leichter proklamiert als verwirklicht. Wenn sich die deutsche Wirtschaft erst einmal an das günstige Gas aus Nord Stream 2 gewöhnt hat, wird sie nur ungern darauf verzichten wollen. Sachzwänge wirken auf beiden Seiten.

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  • Leserbrief von Peter Richartz aus Solingen (22. Juli 2021 um 11:25 Uhr)
    Wenn unsere zukünftige Altbundeskanzlerin einen senilen Präsidenten in Washington mit ihrem letzten Augenaufschlag bedenkt, den der alte Herr noch selbstständig interpretieren kann, wird es unangenehm für die deutschen Bürger: In der Regel sind Freundlichkeiten unserer Regierungen in Richtung USA einhergegangen mit satten Verlusten für unsere Volkskasse oder an Soldatenleben in illegalen Kriegen, die den überfallenen Ländern Tod und Zerstörung brachten. Heute geht es um die Aufrechterhaltung der Ukraine als westlichen Stachels im Fleisch Russlands, des bösen Feindes der USA und natürlich der Deutschen, hochstilisiert in zahllosen tumben Kommentaren verbohrter Hassprediger. Putins Geduld mit solch geballter Kriegsrhetorik ist phänomenal. Er sollte den Friedensnobelpreis erhalten.

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