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Aus: Ausgabe vom 16.07.2021, Seite 6 / Ausland
Folgen des Klimawandels

Land unter auf der Krim

Jalta: Heftigste Regenfälle seit 56 Jahren lösen Schlammlawinen aus. Folge des globalen Klimawandels
Von Franziska Lindner, Jalta
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Fassungslose Blicke: Fluten überschwemmen Busse mit Unmengen an Geröll (Jalta, 22.6.2021)

Die auf der Halbinsel Krim gelegene, historisch bedeutende Stadt Jalta am Schwarzen Meer durchlebt gerade schwierige Zeiten. Im Stadtzentrum oder an der Uferpromenade tummeln sich weniger Touristinnen und Touristen als üblich. Der städtische Badestrand ist gesperrt, die rote Fahne weht am Gestade. Braune Fluten ergießen sich aus dem Gebirgsfluss Wodopadnaja in das entgegen seinem Namen so blaue Meer.

Die Bezeichnung als Schwarzes Meer wurzelt im Türkischen. Ab dem 13. Jahrhundert eroberten verschiedene türkische Stämme das Gebiet Anatoliens, unter denen sich im 14. Jahrhundert schließlich die Osmanen durchsetzten. Sie übernahmen den Namen der Venezianer und Genueser, und so wurde das »Mare Maggiore«, zu deutsch »Großes Meer«, zum »Kara Deniz«, wobei »kara« zur damaligen Zeit neben »groß« ebenso »finster, dunkel, schwarz« bedeuten konnte. Mit der sprachgeschichtlichen Entwicklung verschwand die Bedeutung »groß«, und so übernahmen spätere Anrainer die Übersetzung »Schwarzes Meer«.

Laut einer anderen Erklärung ist der Name durch die Himmelsrichtung bestimmt. Im osmanischen Türkisch wurden die Himmelsrichtungen durch Farben benannt − Rot für den Süden, Schwarz für den Norden, Blau für den Osten und Weiß für den Westen. Daraus ergaben sich die Namen der an das Osmanische Reich angrenzenden und nahe gelegenen Meere: Rotes Meer, Schwarzes Meer und Weißes Meer, wie die uns bekannte Ägäis noch in einigen Sprachen heißt.

Vor dem Kurort Jalta jedoch ist das Wasser des Schwarzen Meeres derzeit etliche Meter aufs Meer hinaus braun gefärbt. Vor wenigen Wochen haben schwere Unwetter die sonst so sonnenverwöhnte Stadt überzogen. Nach beispiellosen Regengüssen haben gewaltige Wassermassen aus dem Gebirge eine Schlammlawine ausgelöst, die viel Geröll, Gezweig und Abfall mit sich riss. Schadstoffe, die eine Zeitlang die Gefahr infektiöser Krankheiten bargen, gelangten in die See und vereitelten die Wasserfreuden der Kleinen wie der Großen.

Weit dramatischer sind das menschliche Leid und die materiellen Schäden, die die Schlammwelle brachte. Ein Mensch starb, 18 Personen wurden verletzt, über 100 Häuser, viele Läden, Dutzende Autos, Wege und Fußgängerbrücken wurden zerstört. Wegen Verunreinigungen musste die Wasserversorgung im gesamten Stadtgebiet eingestellt werden, über längere Zeit fiel der Strom aus. Zur Unterstützung der Katastrophenhilfe wurde russisches Militär eingesetzt, arbeitsfreie Tage wurden angekündigt und Trinkwasserstationen für die Bevölkerung eingerichtet.

»Es war furchtbar, zunächst konnten wir für das Geschehene gar keine Worte finden, wir waren einfach nur geschockt«, erzählt eine Frau nahe der Innenstadt der Autorin. Gemeinsam mit ihrem Mann versucht sie, eine halb zerstörte Garage, die das Fundament ihres Hauses bildet, von den Hinterlassenschaften des Murgangs zu befreien. »Alles war mit Schlamm, Steinbrocken, mitgerissenen Büschen und auch Abfall überzogen. Wie man sieht, halten die Aufbauarbeiten noch an. Nicht alle Wege sind begehbar, Brücken sind zerstört, ganze Geschäfte müssen leergepumpt werden«, fährt sie fort.

Die immensen Regengüsse, die ab Mitte Juni für mehrere Wochen immer wieder über der Krim niedergingen, haben nicht nur in Jalta große Verwüstungen angerichtet. Auch die Stadt Kertsch an der Krimbrücke hatte schwere Überschwemmungen zu erleiden. Die geschätzten Schäden der Unwetter beziffern sich auf einen Gesamtwert von rund zehn Milliarden Rubel, etwa 114 Millionen Euro.

Gegenüber der Parlamentszeitung der russischen Duma erklärt der Klimatologe und außerordentliche Professor an der Agrotechnologischen Akademie der Föderalen Universität der Krim, Wladimir Rjabow, dass derartige Regenfälle in Jalta zuletzt im Jahr 1965, also vor 56 Jahren, aufgetreten seien. Das Phänomen sei eine Manifestation des globalen Klimawandels. Die Temperaturanstiege des Bodens und der Luft verursachten eine Instabilität der Atmosphäre, wodurch häufigere und heftigere Extremwetterlagen begünstigt würden.

Zusätzlich habe der Abbau von meteorologischen Stationen von 59 in Sowjetzeiten auf heute 22 die Klimaanalyse und Wettervorhersage erschwert. Den flachen Teil der Krim im Norden der Halbinsel kennzeichne ein trockenes Steppenklima, das in den Bergen im Süden ähnele dem mittelrussischen Klima, und an der Küste sei es subtropisch. Mit diesen verschiedenen Klimazonen auf einer Fläche kleiner als der Brandenburgs bedürfe es möglichst vieler Beobachtungspunkte.

Ein kleines Trostpflaster haftet der Geschichte an: Der Starkregen füllte viele Wasserreservoirs so weit, dass die Reserven noch für kommendes Jahr genügen werden. Zuvor war die Krim stark ausgetrocknet, im Norden gingen große Teile der landwirtschaftlichen Produktion verloren. Im Jahr 2014 hatte die Ukraine die Wasserversorgung über den Nord-Krim-Kanal, der sich aus dem Dnjepr speiste und zu etwa 85 Prozent den Wasserbedarf der Halbinsel deckte, gestoppt. Am Strand »Delfin«, der weiter westlich vom Stadtstrand in Jalta liegt, ist das Baden nun wieder erlaubt, und zur Freude aller kehrt die Normalität doch recht schnell zurück.

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