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Aus: Ausgabe vom 15.07.2021, Seite 15 / Medien
Rundfunkpolitik

Der neue Standard

UKW soll abgeschaltet werden – viele Haushalte sind auf eine Umstellung nicht vorbeitet
Von Kristian Stemmler
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Langlebiger als gedacht: Das gute alte UKW-Radio

»Es rauscht nie, braucht kein Internet und beendet die lästige Frequenzsuche.« So vollmundig wirbt die Website Dabplus.de der Gemeinschaftsinitiative des Vereins Digitalradio Deutschland für DAB+. Das ist der Nachfolgestandard von DAB, was wiederum für »Digital Radio Broadcasting« steht, einen seit Ende der 80er entwickelten Übertragungsstandard für den terrestrischen Empfang von Radiowellen. Dabei werden die Audiosignale nicht analog übertragen, sondern digital, was mehr Programme ermöglicht als im UKW-Band. DAB+ sei der »Radiostandard von heute«, heißt es auf der Website weiter. Doch das ist leicht geprahlt. Denn DAB+ hat sich immer noch nicht durchsetzen können – und von einer flächendeckenden Abschaltung von UKW, die bereits vor Jahren stattfinden sollte, ist kaum noch die Rede.

Zuletzt hatte das Bundesland Sachsen Anfang Juli erklärt, die für 2025 geplante Abschaltung des Radioempfangs über UKW zu verschieben. Man wolle den Betreibern eine längere Übergangsphase verschaffen, begründete der Chef der Sächsischen Staatskanzlei, Oliver Schenk (CDU), die Entscheidung. Eine UKW-Abschaltung könne viele Veranstalter »in arge Bedrängnis« bringen. Das ist genau der Grund dafür, dass die Abschaltung auf die lange Bank geschoben wird. Zwar könnten, wie der Deutschlandfunk (DLF) im Mai berichtete, neun von zehn Menschen inzwischen DAB+ zu Hause empfangen, aber nur jeder vierte Haushalt hat ein dafür geeignetes Empfangsgerät. Der DLF zitierte Nina Gerhardt vom Vorstand des Verbands Vaunet, in dem private Anbieter organisiert sind. »Sie müssen sich vorstellen, wenn die Menschen plötzlich nicht mehr über ihr UKW-Radio ihre Programme empfangen können, dann müssen sie ja loslaufen, sich ein neues Gerät besorgen« sagte sie. Das aber mache nicht jeder – eine UKW-Abschaltung könne so zu einem erheblichen »Rückgang von Reichweite« führen.

Ähnlich argumentiert auch Stephan Ory, Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Privater Rundfunk (APR). UKW dürfe »nicht ohne Not« abgeschaltet werden, sagte er am Freitag gegenüber jW. Sein Verband plädiere für einen »Wettbewerb der Vertriebswege« beim Rundfunk. Jeder Anbieter solle nach seinen wirtschaftlichen Möglichkeiten selbst entscheiden, ob er UKW nutze, terrestrisches Digitalradio oder die Verbreitung übers Internet. »Die Politik hat da nichts zu melden«, betonte der Experte. Eine Abschaltung der UKW-Sender könne das Aus etwa für alternative Sender wie Radio Dreyeckland in Freiburg bedeuten. Falls es »zum Schwur« komme und UKW abgeschaltet werde, sei mit juristischem Widerstand zu rechnen, prophezeite Ory: »Das wäre ja so, als würde man einem Zeitungsverlag das Papier wegnehmen und sagen: Ab morgen darfst du dein Blatt nicht mehr drucken.«

Den öffentlich-rechtlichen Sendern sitzt beim Thema DAB+ die KEF im Nacken, die »Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten«. Mit dem Argument, es sei nicht wirtschaftlich für die Sender, zwei Verbreitungswege für den Hörfunk parallel zu betreiben, forderte sie schon vor fünf Jahren die UKW-Abschaltung und will laut DLF den Sendern 2029 kein Geld mehr für die UKW-Übertragung bewilligen. Auch beim NDR sieht man die »Notwendigkeit einer ­perspektivischen UKW-Abschaltung«, wie Iris Bents von der Pressestelle des Senders am Mittwoch gegenüber jW erklärte. Diese müsse gut geplant sein und sei »nur als konzertierte und gleichzeitige Maßnahme von öffentlich-rechtlichen und privaten Sendern sinnvoll«. Ein Vorteil von DAB+ sei, dass der NDR dort alle seine Radioprogramme anbieten könne. Per UKW gebe es dafür nicht genügend Frequenzen.

Doris Achelwilm, bei der Fraktion von Die Linke im Bundestag für Medienpolitik zuständig, kritisierte am Dienstag gegenüber jW, dass die Umstellung auf DAB+ in den Bundesländern sehr unterschiedlich laufe, »auch weil eine einheitliche Steuerung durch die Bundesregierung verschlafen wurde«. Der Anteil DAB+-fähiger Endgeräte wachse überall stetig, »auch weil die Empfangsqualität im Schnitt erheblich besser ist und mehr Sender zur Auswahl stehen als bislang«. Die Umrüstung müsse »politisch beschleunigt werden, damit bei Abschaltung der UKW-Netze in einigen Jahren nicht Menschen aus sozialen Gründen von ihren gewohnten Medienzugängen abgeschnitten sind«.

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  • Leserbrief von Chrisz Meier aus Nordhorn (21. Juli 2021 um 13:15 Uhr)
    Wieder einmal wird ohne Not ein funktionierendes System wie UKW abgeschafft und ersetzt durch irgendwas mit digital. Das hat, wie wir gesehen haben, auch schon bei der Abschaffung der Sirenen, die zuverlässig vor Katastrophen aller Art gewarnt haben, hervorragend funktioniert … Wir brauchen weiterhin funktionierende, bewährte analoge Systeme, und sei es nur als Backup, falls das Digitale mal wieder versagt. Oder gehackt wird, was ja auch keine Seltenheit ist. Mir ist jedenfalls nicht bekannt, daß ein UKW-Sender jemals gehackt wurde. »Digital first, Bedenken second« war der bisher dümmste Spruch des 21. Jahrhunderts – selbstverständlich von der FDP.

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