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Aus: Ausgabe vom 15.07.2021, Seite 12 / Thema
Kämpfe um Anerkennung

Produzierte Ungleichheit

Debatte. Nicht bloß klagen und bitten, sondern selber machen. Die Unzulänglichkeiten des Antidiskriminierungsdiskurses und die Notwendigkeit solidarischen Handelns
Von David Pape und Karl Müller-Bahlke
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Antidiskriminierungspolitik kann mit dem ihr zugrundeliegenden Weltbild kein Bewusstsein für einen kollektiven Zusammenschluss der Unterdrückten im politischen Kampf liefern und diesen höchstens moralisch einfordern. (Protestierende gegen den G20-Gipfel in Hamburg, 2017)

Wenn in der innerlinken Diskussion um Identitätspolitik postmoderne und marxistische Positionen aufeinandertreffen, wird oft darüber gestritten, ob Identität notwendiger Bezugspunkt für linke Politik sein könne. Teilweise wird (auch von Marxistinnen und Marxisten selbst), der Marxismus in Frontstellung gegen identitätspolitische Ansätze gebracht und die Frage, welche Rolle Identitäten für marxistische Analyse und Politik spielen, übergangen bzw. auf das Klasseninteresse verwiesen. Aber das greift zu kurz, denn die Frage kann nicht sein, ob Identitäten aufgegriffen werden, sondern wie. Jede politische Auseinandersetzung mit der Welt bedeutet eine Formung und eine Veränderung der Identität der an ihr Beteiligten, das gilt für den Marxismus ebenso wie für das, was heute schlagwortartig »Identitätspolitik« genannt wird, was aber vom Marxismus besser als »Antidiskriminierungspolitik« abgegrenzt wäre.

Rücksichtnahme

Mit diesem Essay soll nicht bloß versucht werden, den Gegenstand lediglich besser zu beschreiben, sondern auch auf die Implikationen für die politische Praxis aufmerksam gemacht werden, die aus einem Verständnis von Herrschaft entspringt, die diese nur als Diskriminierung begreifen kann. Unser Meinung nach wird aktuell kollektives Handeln tendenziell verhindert und bloß die moralische Forderung nach Rücksichtnahme und Privilegienverzicht erhoben. Eine Praxis, die der Gewalt nichts entgegensetzen kann.

Bei dieser Kritik geht es keinesfalls um eine inhaltliche Verschiebung, dass man etwa wieder mehr über Klasse statt über Rassismus reden müsse, sondern um die Art, wie diese Themen aufgegriffen werden. Auch auf den Klassenkonflikt lässt sich mit Antidiskriminierungsforderungen reagieren, wie die Diskussionen um »Klassismus« zeigen. Andersherum wird auch deutlich, wie absurd diese Gegenüberstellung gerade als Angriff auf den Marxismus ist, wenn man sich klarmacht, dass es Jahrzehnte vorrangig marxistische Theoretikerinnen und Theoretiker und sich auf den Marxismus berufende sozialistische Bewegungen waren, die Themen aufgegriffen haben, die heute als »Identitätspolitik« vom Marxismus getrennt diskutiert werden. Es geht auch nicht um eine akademische Verteidigung der reinen Lehre. Vielmehr hat die Art, wie Linke Identität diskutieren, unmittelbare Auswirkungen darauf, wie sie sich organisieren, wen sie erreichen und wie sie ihre Praxis gestalten.

Die Debatte um Klassismus, wie sie in den letzten Wochen nicht nur in jW geführt wurde, hat offengelegt, dass es sich nicht einfach um Fragen der Strategie oder des Umgangs mit Diskriminierung handelt, sondern um ein grundsätzlich unterschiedenes Verständnis der Welt. Antidiskriminierung behauptet dabei eine Unmittelbarkeit von Erfahrung, gesellschaftlicher Wirklichkeit und politischer Perspektive. Eigene Identität und Erfahrung sind dabei nicht nur Ausgangspunkt der Kritik, sondern unmittelbar die Kritik selbst. Klassenbewusstsein wird dementsprechend nicht mehr als Lernprozess verstanden, in dem man seine Rolle im gesellschaftlichen Produktionsprozess erkennt, sondern nur noch als Bewusstwerdung der eigenen Identität respektive Betroffenheit. Dass diese Gleichsetzung von Erfahrung und politischer Analyse erkenntnistheoretische Schwierigkeiten mit sich bringt, wird spätestens dann klar, wenn aus ähnlichen Erfahrungen unterschiedliche Schlüsse gezogen werden. So waren in der Diskussion um Klassismus Arbeiterkinder mit gegensätzlichen Positionen an der Debatte beteiligt.

Begriffsloses Raunen

Ein solcher Umgang mit Erfahrung macht die präzisen Definitionen von Analysekategorien ebenso überflüssig wie die Schaffung eines Begriffsapparats unmöglich, mit dem eine Kritik der Diskriminierung vorgenommen werden könnte. Die Definitionsversuche, die im Jargon moderner Sozialwissenschaft gehalten sind, geraten dabei so schwammig, dass Kritik ständig abgeblockt werden kann, weil alles irgendwie mitgemeint ist. Im Buch »Klassismus: Eine Einführung« haben Heike Weinbach und Andreas Kemper sogar Sympathien dafür, Begriffe »nicht zu definieren, um keine autoritativen Bezugspunkte zu setzen«, und schreiben weiter, es gehe ihnen in erster Linie um »die Sensibilisierung für neue Sehweisen, weniger um begriffliche Schärfe und starre Definitionen«. Die geneigte Leserin, der es um Erkenntnis geht, wird beim Lesen ständig enttäuscht, da es schon im Anspruch nicht um Kritik geht, mit der versucht wird, die Ursachen von Ungleichheit und Unterdrückung in den gesellschaftlichen Bewegungsgesetzen zu ergründen (Gesetze sind per Definition eine autoritäre Setzung, und Autorität lehnt man ab). Theorie wird so zum bloßen Accessoire, mit dem man zwar ein Gefühl ausdrücken kann, dass die Dinge zusammengehören, aber nicht, wie dies vonstatten geht.

Zwar betonen Anhänger des Klassismusbegriffs wie Frieda und Caro als Vertreterinnen der Antiklassistischen Assoziation in der jW vom 23. Januar 2021, es gehe ihnen um strukturelle Fragen und nicht nur um Antidiskriminierung. Begriffe und Theorien bleiben dabei allerdings so allgemein, dass sie am Ende alles und nichts bedeuten können (Studierende beliebiger Sozialwissenschaften kennen das: Alles hängt mit allem zusammen und bedingt sich gegenseitig). Gesellschaftliche Verhältnisse werden nicht voneinander her- und abgeleitet, sondern die »Gleichrangigkeit gesellschaftlicher Ungleichheitsverhältnisse wird eher dogmatisch gesetzt als theoretisch begründet«, wie John Lütten, Christin Bernhold und Felix Eckert in der jW vom 1. Juni der Theorie des Intersektionalismus nachrufen. Dabei werden die Theorien selbst zum Objekt der Antidiskriminierung, was heißt, dass Kritik beispielsweise am Klassismusbegriff selbst unter Klassismusverdacht gerät. Das verstellt nicht nur einen klaren Blick auf den Gegenstand der Erkenntnis, sondern passt auch in die Logik der Antidiskriminierung, in der es wesentlich darum geht, die Meinung von anderen Menschen zu ändern, damit diese sich anders verhalten. Was hier stattfindet, ist die Umdrehung des Sprichworts »Willst du einen Menschen kennen, schau nicht auf seinen Mund, sondern auf seine Hände«, indem nicht die konkrete Praxis betrachtet wird, sondern vor allem das Gerede von Leuten im Mittelpunkt steht. Je nach Tiefe der Debatte wird deshalb für das falsche Verhalten der Menschen entweder Unmoral oder Unbildung der Privilegierten verantwortlich gemacht. Neben der Forderung nach Gleichstellungsbeauftragten und konsequenter Umsetzung bzw. inhaltliche Erweiterung des Antidiskriminierungsgesetzes (AGG) ist daher die Bildungsarbeit die wohl vorrangig geübte Praxis. Es wird aber konsequenterweise nicht versucht, die politischen Vorstellungen mit dem Interesse der Teilnehmenden zu vermitteln, wenn diese von der Diskriminierung nicht unmittelbar betroffen sind. Statt dessen wird über Mitfühlen, Betroffenheit und Aufzeigen von Offensichtlichem gezeigt, dass es Diskriminierung gibt. Warum diese zu ändern ist, wird nicht aus der Sache klar, sondern vor allem aus dem Weltbild der politischen Pädagoginnen und Teamer selbst.

Antidiskriminierung baut dabei auf die Erfahrungen eines Milieus, in dem die individuelle Karriere der bestimmende Faktor im Arbeitsalltag ist. Hier werden kollektive Interessen immer weniger erfahrbar, man schaut selbst, wo man bleibt, weil die anderen einem überwiegend nicht als Verbündete, sondern als Arbeitsmarktkonkurrenten gegenübertreten. Der fehlende Blick für die Rolle von möglicherweise geteilten kollektiven Interessen verhindert aber auch den Blick auf Bündnismöglichkeiten, die je nach kompatiblen, parallelen oder gegenläufigen Interessen im eigenen Umfeld und in der Gesellschaft vorhanden sind. Ohne diese Perspektive lassen sich Verbündete bzw. »Allies« (von einer Diskriminierung nicht Betroffene, die sich mit den Betroffenen solidarisieren) außerhalb der eigenen Identität höchstens moralisch zum Mitkämpfen erpressen. Übersehen wird dabei, dass man auf einem gemeinsamen Interesse aufbauen sollte.

Privilegienschau

Aber gerade die Einsicht, auf Bündnisse zu setzen, die auf gemeinsamen Interessen beruhen, fehlt. Wenn die Situation unveränderbar und die Gesellschaft als Ort diskursiver Allgemeinheit statt als konkreter Ort der politischen Ausgestaltung erscheint, bleibt als einzige Möglichkeit der Rückzug auf die individuelle Erfahrung im Kapitalismus und die Forderung, mit dieser Erfahrung gehört und eben nicht mehr diskriminiert zu werden. Diese Perspektive stellt die realen Verhältnisse aber auf den Kopf: In einer Gesellschaft, die auf Ungleichheit basiert, kommt die Diskriminierung nicht zur individuellen Position hinzu, sondern die individuelle Position ist von vornherein Produkt dieser Ungleichheit. Die Antidiskriminierungspolitik nimmt also mit der Ungleichheit der individuellen Erfahrungen immer das Resultat gesellschaftlicher Verhältnisse in den Blick, ohne über die »Produktionsbedingungen« dieser Ungleichheit reden zu wollen.

Gesellschaft wird, dem folgend, immer als Frage der gegenseitigen Privilegierung ihrer einzelnen Mitglieder gedacht. Der Begriff des »Privilegs« fasst dabei selbst ein gesellschaftliches Verhältnis – die Bevorteilung einer Gruppe vor einer anderen – als eine individuelle Eigenschaft: Man »hat« ein Privileg oder eben nicht. Das hat zwar den Vorteil einer großen Anschlussfähigkeit an die private Lebenserfahrung, transportiert aber implizit auch immer ein bestimmtes Gesellschaftsbild: Gesellschaft zeigt sich damit nur noch durch die Meinung oder Haltung einzelner, aber nicht mehr in der Frage, wie diese einzelnen aufeinander verwiesen sind. Die kapitalistische Gesellschaft wird nicht historisch konkret als Ort widerstreitender Interessen, sondern als Summe von Einzelpositionen verstanden.

Die theoretische Folge dieser Auflösung der Gesellschaft in Einzelpositionen ist das Verständnis der Gesellschaft als Diskursraum, in dem unterschiedliche Ideale miteinander um die Köpfe der einzelnen konkurrieren. Diesem Blick auf Ideale folgt die politische Perspektive, indem statt konkreter Organisierung gegen den politischen Gegner versucht wird, Ideale zu propagieren: Das Ideal des Antirassismus wird gegen Rassismus in Stellung gebracht, das Ideal des Feminismus gegen Sexismus, das Ideal der Gleichheit gegen Ungleichheit. Am Ende geht es vor allem um private und moralische Fragen: Wie viele Menschen verhalten sich nach den richtigen, wie viele nach den falschen Idealen? Besonders deutlich wird diese Perspektivenverschiebung, wenn gegen den Kapitalismus das Ideal des Antikapitalismus ins Feld geführt wird. Antikapitalismus heißt dann nicht mehr Kampf für eine andere Organisation der gesellschaftlichen Arbeitsteilung im Verbund mit einem Wandel der Eigentumsverhältnisse, sondern private Distanzierung von vermeintlich kapitalistischen Idealen: Wachstumszwang, Leistungszwang und Arbeitsfetischismus sollen aus dem eigenen Alltag möglichst verbannt, das eigene Umfeld über ihre schädliche Wirkung aufgeklärt werden. Weinbach und Kemper beklagen etwa in der Neuauflage ihres Buches, dass Klassismus nicht ins AGG aufgenommen wurde: »So sind der Nichtzugang zu Arbeit, die niedrige Entlohnung, unwürdige Arbeitsbedingungen, lange Arbeitszeiten Formen von Diskriminierung.« Diese Perspektive kann man nur einnehmen, wenn man Armut und Reichtum als Charaktereigenschaften statt als als materielles Verhältnis versteht. Der Skandal ist allerdings nicht, dass beispielsweise Unternehmerinnen und Unternehmer durch Ausbeutung ohne Rücksicht auf Leib und Leben reich werden, sondern dass die gesamte gesellschaftliche Reichtumsproduktion auf diesem Prinzip basiert.

Dieser Verlust einer materialistischen Perspektive hat unmittelbare Auswirkungen auf die denkbaren Praxisformen. Die Antidiskriminierungspolitik kann mit dem ihr zugrundeliegenden Weltbild aus einzelnen zwar sehr präzise auf die Unterschiede und Einzigartigkeiten von Unterdrückungserfahrungen hinweisen, aber kein Bewusstsein für einen kollektiven Zusammenschluss der Unterdrückten im politischen Kampf liefern und diesen höchstens moralisch einfordern. Sie ist daher vor allem eine Art und Weise der politischen Praxis, die versucht, die soziale Benachteiligung abzubauen, indem diese skandalisiert wird. Da in dieser Weltsicht die Privilegierung der einen aber theoretisch unbestimmt neben der Unterdrückung der anderen steht, gibt es kein Verhältnis, an dem man ansetzen und damit auch keinen politischen Kampf, den man führen könnte. Die einzig verbleibenden Ansatzpunkte sind einerseits der etwas zahnlose Aufruf an die »Privilegierten«, ihr Verhalten zu reflektieren und andererseits der Appell an eine diskursive Allgemeinheit, die jeweilige Unterdrückungserfahrung anzuerkennen.

Im Übel breitmachen

Ins Leere gerichtet ist die Forderung nach Gehör als Bittgang zu den Mächtigen. Damit ist sie das Gegenteil von Selbstermächtigung. Simone de Beauvoir hat das als Haltung der ewigen Anklage beschrieben: »Wer seine Übel zum Vorwurf machen will, will sie nicht loswerden, sondern sich in ihnen breitmachen.« Die Haltung der Anklage statt des politischen Kampfes bestätigt implizit die Annahme, die Gesellschaft werde schon für einen sorgen, wenn man nur laut genug appelliert. Die linksradikale Version der Forderung »Kümmert euch um mich!« ist dann bloß noch: »Kümmert euch um mich, ihr Schweine!«

Das Problem an dieser Forderung ist vor allem, dass die Enttäuschung programmiert ist. Die Gesellschaft ist keineswegs so diskursiv, allgemein und weit weg, wie sie aus einer vereinzelten Perspektive heraus erscheinen mag. Sicher kann es für Themen eine kritische Öffentlichkeit geben, vor der sich auch die Skandalisierung und das Aufdecken von Ungerechtigkeiten lohnen, aber die Appelle auf Anerkennung von Unterdrückungserfahrungen prallen auf eine Gesellschaft, die von handfesten Interessen strukturiert und deren Grausamkeit kein äußerer Skandal ist.

Klassismus ist ebenso wie andere Unterdrückungsformen mehr als sein eigener Zweck. Sie alle dienen in dieser Gesellschaft vor allem als Rechtfertigungen für existierende Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnisse. In der Tendenz wird Diskriminierung von der Antidiskriminierungskritik aber nicht als Rechtfertigung von Ungleichheit, sondern als deren Grund aufgefasst. Diskriminierung wird als falsches Mindset einzelner verstanden, was nach zu vollziehenden Bildungs- und Reflexionsprozessen überwunden wäre.

Klassenbildung zum Kampf

Der einzelne müsste sich mit seiner spezifischen Identität, will er die Logik der eigenen Unterdrückung erkennen, in die Gesellschaft hinein vermitteln, um mit den Gründen der Unterdrückung auch die Möglichkeit ihrer Abschaffung erkennen zu können. Wenn die banale Einsicht, dass Menschen verschiedene Erfahrungen machen und unterschiedliche Identitäten haben, der Endpunkt der Analyse ist, gehen einem die vielfältigen Perspektiven kollektiver Praxis und damit auf die Möglichkeit der Transformation von Identität selbst verloren. Die Vereinzelung und scheinbare Unmittelbarkeit von Erfahrung ist eine historisch-politische Tatsache, kein Naturgesetz. Seine eigene Lage als mit der von anderen vermittelt zu erkennen, ist keine rein theoretische Frage. Will man nicht nur betteln, sondern auch kämpfen, ist man praktisch darauf angewiesen. Die Formierung von Klasse wäre dabei selbst ein Prozess, in dem Identität nicht nur theoretisch behauptet, sondern praktisch transformiert wird, wie E. P. Thompson in der Einleitung seines Buchs »The Making of the English Working Class« schreibt: »Es heißt ›Making‹, denn was hier untersucht wird, ist ein aktiver Prozess, Resultat menschlichen Handelns und historischer Bedingungen. Die Arbeiterklasse trat nicht wie die Sonne zu einem vorhersehbaren Zeitpunkt in Erscheinung; sie war an ihrer eigenen Entstehung beteiligt.«

Thompson bringt das marxistische Verständnis von Identität auf den Punkt: Identität wird im Kampf gegen die Unterdrückung kollektiv selbst geschaffen. Er stellt die Frage: Wie und auf welcher gesellschaftlichen Basis lässt sich aus der unbestreitbaren Verschiedenheit der einzelnen Erfahrungen eine kollektive Identität formen? Sozialistische Praxis kennt das Moment der Betroffenheit und der Unterwerfung unter die Umstände, aber auch das Potential der Wehrhaftigkeit und der politischen Handlungsmacht der Unterdrückten. Antidiskriminierungspolitik läuft immer auf die Forderung an die jeweils Stärkeren oder Mächtigeren hinaus, sich zu kümmern, da den ohnehin schon Betroffenen diese Mehrbelastung nicht zugemutet werden könne. Sozialistische Organisationspraxis mutet einem dagegen genau das zu: nicht trotz, sondern wegen der eigenen Betroffenheit das eigene Schicksal in die Hand zu nehmen, weil die Einsicht herrscht, dass es niemand anderes für einen tun wird.

Aus dem Wissen darum, dass sozialistische Praxis nur als Kampf der Unterdrückten selbst denkbar ist, ergibt sich dabei auch die Notwendigkeit von Antidiskriminierung innerhalb der eigenen Organisation. Der Blick auf die eigene Unterdrückung als notwendiges Resultat eines gesellschaftlichen Interessenkonfliktes erlaubt und erfordert die praktische Solidarität untereinander. Eine solche Verknüpfung passiert als Genossin und Genosse mit demselben Ziel, nicht als jeweils außenstehende »Allies«. Das Gelingen der genossenschaftlichen Verbindung ist aber selbst Resultat einer erfolgreichen Praxis, zu der unbedingt auch die Reflexion eigener Privilegien und der Abbau schädlicher Verhaltensweisen gegenüber den eigenen Genossinnen und Genossen gehört. Appelle an die Reflexion von Privilegien richten sich dann aber nicht mehr an eine abstrakte diskursive Allgemeinheit, sondern an konkrete Mitkämpferinnen und Mitkämpfer. Hinzu kommt, dass der Hebel in einer sozialistischen Organisation viel stärker ist als ein bloßer moralischer Anspruch: Die Erkenntnis, einander im politischen Kampf zu brauchen, schafft eine wirkliche Notwendigkeit zur Auseinandersetzung mit den eigenen Verhaltensweisen auch für diejenigen Mitglieder der Organisation, die in der Gesellschaft von bestimmten Unterdrückungsformen nicht betroffen sind.

Eine solche Perspektive auf Antidiskriminierung macht die eigene Organisation stärker und damit zu einer Sache, an der Menschen nicht trotz, sondern wegen der Zumutungen des Kapitalismus gerne teilhaben und in die sie ihre Kraft einbringen – es macht die Organisation diverser im besten Sinne, indem verschiedene Perspektiven, Stärken und Erfahrungen in den gemeinsamen Kampf einfließen. Eine solche Organisation ist ein Ort, von dem aus die Gesellschaft kritisiert und praktisch für ein besseres Leben gekämpft werden kann. Die Grundlage dafür ist aber eine Kritik, die nicht nur falsch findet, sondern aufzeigt, wie Ausbeutung und Herrschaft Voraussetzung des gesellschaftlichen Lebens sind. Eine solche Kritik zerpflückt die imaginären Blumen an der Kette, »damit der Mensch die Kette abwerfe und die lebendige Blume breche«.

David Pape und Karl Müller-Bahlke sind im Bundesvorstand der Sozialistischen Jugend Deutschlands (SJD) – Die Falken aktiv.

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