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Aus: Ausgabe vom 15.07.2021, Seite 11 / Feuilleton
Film

Niemand will etwas Böses

Lee Isaac Chungs familienfreundlicher Film »Minari« über koreanischer Einwanderer in den USA der 80er
Von Kai Köhler
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Hoffnungsfroher Blick auf den amerikanischen Traum: Steven Yeun als Jacob

Dort soll sie nun wohnen? Erschrocken schaut Monica Yi auf die Bude, die ihr Mann Jacob als neues Heim für die Familie ausgesucht hat. Das Paar hat – wir sind in den 1980er Jahren – in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft das damals noch arme Südkorea verlassen. In Kalifornien fristeten die beiden ihr Leben damit, das Geschlecht von Küken zu untersuchen (die weiblichen in eine eierlegende Zukunft, die männlichen in den Schredder). So siedeln sie ein weiteres Mal um, in eine entlegene Gegend von Arkansas, wo Jacob seinen amerikanischen Traum zu verwirklichen hofft: Ein erfolgreicher Farmer will er werden.

Doch das Wasser ist so knapp wie das Geld. Der kleine Sohn ist – eine Stunde Fahrzeit zum nächsten Krankenhaus – herzkrank. Es gibt noch eine etwas ältere Tochter (die aber eher der Vollständigkeit halber in den Film geraten zu sein scheint) und bald auch Monicas Mutter, die Jacob aus Korea kommen lässt, um seine vereinsamte und deshalb zum Streit aufgelegte Frau zu beruhigen.

Die Familie ist in diesem Film die Welt. Außenbeziehungen werden kaum gezeigt. Um Rassismus geht es gar nicht. Die Yis werden freundlich aufgenommen. Eine oder zwei Szenen ausgenommen, sieht man sie auch nicht als Fremde, die neugierig beäugt werden. Im Gegenteil: Eher begutachten die Einwanderer die Sitten der weißen »Ureinwohner«. Das geht nicht ohne Missverständnisse ab, etwa wenn die eingeflogene Großmutter im Fernsehen Wrestlingkämpfe anschaut und – eher interessiert als empört – für die nähere Zukunft Tote erwartet.

Die kulturelle Konfliktlinie verläuft nicht zwischen Alteingesessenen und Zugewanderten, sondern innerhalb der noch halb koreanischen Familie. Die Eltern sprechen miteinander und meist mit den Kindern noch Koreanisch, die Kinder untereinander schon Englisch. Die Mutter folgt im Streit mit ihrem Mann ganz koreanischen Mustern, der Mann hingegen scheint der US-Ideologie vom individuell erarbeiteten Aufstieg anzuhängen. Doch unterwirft auch er sich der koreanischen Tradition. Als ältester Sohn muss er seine Eltern unterstützen, was einen großen Teil des gemeinsam mit seiner Frau erarbeiteten Einkommens auffrisst. Quer zu jedem Muster steht schließlich die Großmutter, die in ihrer Unfähigkeit, zu kochen oder zu backen, zunächst den Enkel enttäuscht, aber durch unkonventionelle Lebensfreude doch noch sein Herz gewinnt.

Ein solcher Film steht oder fällt mit seiner Besetzung. Lee Isaac Chung tat gut daran, wichtige Rollen mit Schauspielerinnen aus Korea zu besetzen. Han Ye Ri vermittelt als Monica alle Schattierungen zwischen Zorn auf ihren sturen Mann, pragmatischen Versuchen der Problemlösung und kleinen Zeichen der Zuneigung. Yoon Yeo Jeong prägt als Großmutter den Film. Zunächst mit einer anarchischen Frische gegenüber den eingerasteten Automatismen der Familie, dann – nach einem Schlaganfall – durch die Darstellung von Hilflosigkeit, zuletzt von Verzweiflung nach einer Katastrophe, die sie auslöst. Yoon erhielt zu Recht für diese Rolle einen Oscar als beste Nebendarstellerin.

Überhaupt galt »Minari« in vielen Kategorien als oscarwürdig. Nominierungen gab es unter anderem auch für die beste Regie und als bester Film. Das mag angesichts der eher kleinen Produktion mit einem Budget von nur zwei Millionen US-Dollar (etwa 1,7 Millionen Euro) überraschen. Ist ein angesichts seiner Vergangenheit schuldbewusst auf Diversität versessenes Hollywood nun auf Wiedergutmachung aus? »Minari« wäre zu diesem Zeitpunkt der ideale Film, und zwar nicht nur, weil Chung die bisher wenig beachteten Einwanderer aus Ostasien in den Blick rückt (antichinesischer Rassismus trifft alle, die aussehen, als könnten sie aus China kommen). »Minari« passt ebenfalls zu der linken Kritik, dass antirassistische Identitätspolitik Trump und seinen Nachfolgern die Wähler in die Arme treibe. Die strenggläubigen Christen von Arkansas, vermutlich überzeugte Republikaner, haben bei Chung zwar ihre Eigenarten, doch die sind irgendwie auch sympathisch.

»Minari« ist vielleicht sogar ein allzu menschenfreundlicher Film. Niemand will etwas Böses, und es gibt keinen Konflikt, der nicht letztlich mit gutem Willen aufzulösen wäre. Zugegeben, Familie ist anstrengend, bedeutet Streit und Leid, man möchte davonlaufen. Aber zuletzt gehört man dennoch zusammen und bewältigt die Probleme gemeinsam. Die Großmutter mag am Ende erschrocken sein über die Katastrophe, die sie wider Willen verursacht hat. Aber die von ihr angepflanzten Kräuter gedeihen (daher der Titel des Films: »Minari« sind koreanische Kräuter, die sprichwörtlich so zäh sind wie Unkraut). Für die Einlösung des Versprechens steht dann der vom hiesigen Verleih hinzugefügte Untertitel: »Wo wir Wurzeln schlagen«.

Gerade wegen der schauspielerischen Leistungen wünscht man den Figuren alles Gute. Und wer möchte keine Heimat? Dazu passt, wie konsequent Chung Gesellschaft auf Familie reduziert, das Streben nach Glück aufs Individuum und die Kleingruppe verlagert. Es interessiert nicht mehr, welche Art von Gesellschaft wir bräuchten. Die Oscar-Nominierungen waren also folgerichtig.

»Minari«, Regie: Lee Isaac Chung, USA 2020, 115 Min., Kinostart: heute

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