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Aus: Ausgabe vom 12.07.2021, Seite 2 / Feuilleton
Nachruf

Unermüdlich für den Frieden

Schoah-Überlebende, Kämpferin gegen Krieg und Faschismus – Esther Bejarano ist tot. Ein persönlicher Nachruf
Von Helga Obens
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Esther Bejarano (geboren am 15.12.1924 in Saarlouis; gestorben am 10. Juli 2021 in Hamburg) auf der Internationalen Rosa-Luxemburg-Konferenz 2016 in Berlin

Liebe Esther, du bist nicht mehr da. Heute kommt kein Anruf von dir, keine stundenlangen Beratungen, kein Pläneschmieden, keine Berichte aus aller Welt, kein Lachen. Für jede einzelne Stunde danke ich dir. Und es waren viele Stunden. Am Freitag konnte ich mich noch spätabends von dir verabschieden. Aber die Blumen, die ich für meinen Krankenhausbesuch schon gekauft hatte, jetzt liegen sie am Platz der Bücherverbrennung in Hamburg. Wir haben uns gestern dort mit einigen Freunden, Genossen und Weggefährten getroffen, um an dich zu erinnern. Dort war dein letzter öffentlicher Auftritt in Hamburg: Am 15. Mai hast du dort Heinrich Heine gelesen und mit uns an die Bücherverbrennung durch die Nazis am 15. Mai 1933 erinnert: »… dass diese Erde groß genug ist; (…) dass diese Erde uns alle anständig ernähren kann, wenn wir alle arbeiten und nicht einer auf Kosten des anderen leben will; und dass wir nicht nötig haben, die größere und ärmere Klasse an den Himmel zu verweisen. Die (…) Zeit ist gekommen, wo die Völker nicht mehr nach den Köpfen gezählt werden, sondern nach den Herzen.«

Wir sind uns in den späten 1970er Jahren begegnet. Du auf der Bühne, du hast gesungen, warst damals schon »Künstlerin für den Frieden«. 1985 bat ich dich, »unseren« Platz der Bücherverbrennung einzuweihen – fortan warst du in jedem Jahr dabei. 1986 hast du zusammen mit Peter Gingold, Elsa Werner, Hans Frankenthal und anderen NS-Überlebenden das Auschwitz-Komitee in der BRD e. V. gegründet. Unermüdlich, so viele andere waren gestorben, mit denen wir jahrelang Seite an Seite gearbeitet, gekämpft und gelacht hatten: Hans Frankenthal starb 1999, Peter Gingold ging im Jahr 2006 von uns, Elsa Werner verstarb 2012 und unsere gute Freundin und Genossin Steffi Wittenberg starb 2015. Ich vermisse euch alle!

Seit dem Jahr 2000 arbeitete ich bei dir im Auschwitz-Komitee in der BRD e. V. mit. Meine Kinder waren dort zuvor in der Jugendgruppe aktiv, waren mit dir auf einer Bildungsreise in das ehemalige Konzentrationslager gefahren. Waren 1995 mit dir beim »Treffen der Generationen«, 50 Jahre nach der Befreiung. Du warst Familie für uns. Seit 2008 warst du mit der Kölner HipHop-Band Microphone Mafia unterwegs und hast immer versucht, Musik als Mittel zu nutzen, die Menschen zu bewegen, ihnen die Geschichte nahezubringen. Wir haben nie gezählt, wie viele Schulen du besucht hast, wie viele Konzerte du gabst. Die Kraft, die dich antrieb, war dein Gedanke an all jene, die von den Nazis ermordet wurden. Du hättest niemals damit aufgehört. 1999 starb dein geliebter Nissim, den du in Israel geheiratet hast. 1951 hast du Edna geboren, ein Jahr später folgte Joram. Wie hast du das damals nur geschafft?

1960 kehrtest du nach Deutschland zurück. Nissim wollte kein Soldat mehr sein, deine Gesundheit war angeschlagen, eure Situation schwierig – und trotzdem musstest du später oft diese Entscheidung erklären. Du kamst nach Hamburg, weil es nicht Saarlouis war oder ein Ort, der dich an die Zeit vor der Schoah erinnerte und andere Überlebende dir dazu geraten hatten. Das Saarland hätte dich zu sehr an deine Eltern, Rudolf und Margarete Loewy (geborene Heymann) erinnert, die 1941 in Kowno erschossen wurden. Deine Schwester Ruth – das erfuhrst du erst 2006 – war ein Jahr, bevor du selbst in Auschwitz-Birkenau interniert warst, im Dezember 1942 dort ermordet worden. Allein dein Bruder Gerhard (Gerdi) und deine Schwester Tosca überlebten. Auf der von dir selbst angefertigten Fotocollage deiner Familie in deiner Hamburger Wohnung altertet nur ihr drei. Am 20. April 1943 wurdest du nach Auschwitz deportiert und kamst nur durch dank deines Überlebenswillens, deiner Musikalität und solidarischer Mitgefangener. Im November 1943 wurdest du in das KZ-Ravensbrück verlegt und konntest zu guter Letzt mit einigen Freundinnen und Freunden von dem Todesmarsch fliehen, auf den die Nazis euch zwangen. Deine Befreiung im mecklenburgischen Lübz hast du immer als deine »zweite Geburt« bezeichnet. Die ungeheure Kraft, die in deinem kleinen Körper wohnte, wie du Klartext reden konntest, Allianzen schmiedetest, immer wieder die unterschiedlichsten Menschen für den Kampf gegen Faschismus, gegen Rassismus, gegen Antisemitismus gewinnen konntest – Esther eben … Umgeben von Freundinnen und Freunden – auch an den letzten schweren Tagen.

Jeden Tag haben wir lange miteinander telefoniert, 2008 waren wir gemeinsam in Israel, du hast deine Freundin Miriam Edel im Kibbuz besucht, Freunde getroffen, die mit dir »auf« Hachschara waren, und auch Eli, mit dem du gemeinsam in einem Waggon ins KZ Auschwitz-Birkenau deportiert wurdest. Du warst eine kleine Frau, aber niemand hat dich übersehen, wenn du einen Raum betreten hast.

Noch an deinem 95. Geburtstag hast du Tango getanzt und gesungen. Mit 96 Jahren hast du noch einen Streit mit der Hansestadt Hamburg vom Zaun gebrochen, du wolltest nicht, dass eine Degussa-Tochter – die direkt von der Zwangsarbeit der KZ-Häftlinge profitiert hat – in dasselbe Gebäude wie eine Gedenkstätte einzieht, die an die Deportationen vom »Hannoverschen Bahnhof« erinnert.

Meine Gedanken sind bei deiner Familie, bei Joram und Edna, ihren Kindern und Enkeln. Ich kann es einfach nicht fassen, dass du nicht mehr da bist. Aber du weißt: Wir haben von dir, von euch gelernt. Wir führen euren Kampf weiter. Versprochen. Deine Helga

Esther Bejarano, Konstantin Wecker und Shekib Mosadeq singen das Partisanenlied »Bella Ciao« auf der im Juni 2019 vom Kulturmagazin Melodie und Rhythmus veranstalteten Künstler­konferenz: https://kurzelinks.de/esther-bellaciao

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  • Leserbrief von Roland Winkler aus Aue (15. Juli 2021 um 11:37 Uhr)
    Noch in ihren letzten Lebensjahren hat Esther Bejarano ihre ganze Kraft für ein antifaschistisches Deutschland eingesetzt. Mit ihrer Band und in zahllosen Gesprächen und Auftritten hat sie immer zu erklären, zu überzeugen verstanden, was Faschismus war und ist, wie sie ihn erleben musste und welche Ursachen und Wurzeln diese Herrschaftsform des Imperialismus hat. Der Jugend zugewandt, hat sie auf unseren Pressefesten, mit junge Welt und in der VVN-BDA vor den neu erstehenden Gefahren gewarnt und ihre Stimme erhoben. In einem ihrer wohl wichtigsten Sätze, den sie an uns alle gerichtet hat, sagte sie: »Ihr seid nicht schuld daran, was geschah, Ihr macht euch schuldig,wenn ihr nichts darüber wissen wollt.« Nicht erst seit heute, gerade in der Zeit, wo ihr Tod uns traurig macht und viele in Chemnitz schon den Auftritt von Esther Bejarano mit ihrer Band zum Jahrestag der faschistischen Umtriebe in dieser Stadt erwartet haben, da drücken diese wenigen Worte so viel aus. Wenn wir um diese Frau, Antifaschistin, Kommunistin trauern, dann stellen ihr Leben, Erbe und Vermächtnis es in grellstes Licht, entlarven die Politik in diesem Lande, die Hüllen der Heuchelei fallen, die Masken derer, die heute Verfassungsfeinde dort ausmachen, wo Esther gestanden und gekämpft hat. Es gilt um so mehr und nachdrücklicher, was Esther gemeint hat. Gleichgültigkeit, nichts wissen, unpolitisch sein wollen, den rechten Rattenfängern folgen, schweigen, nicht Farbe bekennen, damit wird dem Faschismus der Weg geebnet. Den Regierenden, Politikern aller Parteien, Parlamentariern ist laut und deutlich zu sagen, wie und wo sie sich längst schuldig machen. Formale Wortbekenntnisse genügen nicht mehr. Die politische Tat gegen allen braunen Sumpf braucht es. Die Trockenlegung im Staat selbst, in seinen Machtorganen, Justiz, Armee bis Verfassungsschutz. Wer von Klassenfrage nichts mehr wissen will, wem Solidarität der Klasse und Linken nichts mehr bedeutet, der trägt jetzt und heute Schuld an dem, was an Naziumtrieben zur Realität geworden ist.
  • Leserbrief von Bernhard Trautvetter (12. Juli 2021 um 10:32 Uhr)
    Für Esther 10.07.2021

    Sie öffnet die Herzen der Seelen von Mensch
    Ihre Kraft verleiht Weggefährten Mut
    Der auch noch alle Tränen umarmt
     
    Wenn es um die Würde geht,
    Um Solidarität,
    Weil der Mensch ein Mensch ist,
    Für eine gerechte Welt,
    Die Zärtlichkeit der Völker
    Gemeinsamkeit der Schwestern und Brüder
     
    Wenn sie geht,
    Bleibt die Unruhe zurück.
    Solange es Menschen gibt,
    Ist Menschlichkeit die bessere Idee
    Wir wissen, sie war, sie ist uns nah, und sie wird es sein

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