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Aus: Ausgabe vom 13.07.2021, Seite 15 / Betrieb & Gewerkschaft
Jubiläum

Machtquellen der Arbeiterschaft

Gewerkschaft, Politik, Wissenschaft. Festschrift zum 60. Geburtstag des IG-Metall-Vorstandmitglieds Hans-Jürgen Urban
Von Daniel Behruzi
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Hans-Jürgen Urban, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall, 2016

Es ist eher ungewöhnlich, dass für Vorstandsmitglieder von DGB-Gewerkschaften zum 60. Geburtstag eine Festschrift publiziert wird. Vollends außergewöhnlich ist es, wenn diese – wie im Fall von Hans-Jürgen Urban – 418 Seiten stark ist und Aufsätze einer Vielzahl namhafter Soziologen und Gewerkschafter versammelt. »Mosaiklinke Zukunftspfade« ist der im Verlag Westfälisches Dampfboot erschienene Band überschrieben – eine Anspielung auf Urbans Bild der »Mosaik-Linken«, das »die Anerkennung der Eigenständigkeit der verschiedenen Bewegungen und Strömungen mit der strategischen Orientierung ihres Zusammenwirkens verbindet, um gegenhegemoniale Kraft und Macht zu entfalten«, wobei »den klassenorientierten Kräften in der Einheitsgewerkschaft eine besonders wichtige Rolle« zufällt. Früher hätte man dazu wohl Einheitsfront gesagt.

Auch der Untertitel ist vielsagend: »Gewerkschaft – Politik – Wissenschaft«. Er macht klar, dass Hans-Jürgen Urban nicht »nur« ein aktiver Gewerkschafter ist, sondern dass er die gewerkschaftliche auch als politische Tätigkeit versteht. Und: Bei alledem ist der Metaller zugleich Soziologe, der den gewerkschaftsnahen, sozialwissenschaftlichen Debatten immer wieder entscheidende Anstöße gibt. So zum Beispiel in bezug auf den »Machtressourcenansatz«, der fragt, auf welche Machtquellen sich die Arbeiterschaft stützen und wie sie diese stärken kann. Das Konzept ist in den vergangenen Jahren zu einem der wichtigsten Instrumente industriesoziologischer Forschung geworden.

Dennoch zieht der Jenaer Soziologe Klaus Dörre im Buch ein kritisches Zwischenfazit des von ihm und Urban popularisierten Ansatzes. »Vor dem Hintergrund der ökonomisch-ökologischen Zangenkrise genügt es nicht, Machtressourcen ausschließlich auf Lohn- und Erwerbsarbeit zu beziehen.« Der industrielle Klassenkonflikt werde mehr und mehr zum »sozialökologischen Transformationskonflikt«, so Dörre weiter. Das bedeute: »Gewerkschaften, die primär auf der Kapital-Arbeit-Achse agieren, können interessenpolitisch nicht mehr erfolgreich sein, ohne den ökologischen Gesellschaftskonflikt in ihre Überlegungen einzubeziehen.« Als positives Beispiel benennt der Soziologe die jüngste Tarifauseinandersetzung im öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV), die von Verdi »bewusst als klimapolitische Aktion angelegt war und einen gut ausgestatteten ÖPNV als Teil einer Nachhaltigkeitswende im Verkehr präsentierte«.

Auch Dörre weiß allerdings, dass dieser Fall bislang die seltene Ausnahme, nicht die Regel darstellt. Er merkt an: »Für die Industriegewerkschaften ist es schon ein Fortschritt, dass sie nicht mehr für eine Korrektur europäischer Emissionsziele nach unten eintreten.« Und auch auf der anderen Seite, in weiten Teilen der Klimaschutzbewegung, müssen die soziale Frage und Gemeinsamkeiten mit den Gewerkschaften erst noch entdeckt werden.

Ob man aufgrund dieser Analyse, wie von Dörre vorgeschlagen, die Machtressourcen zu »Quellen metabolischer Macht« erklären muss, »die aus der Stellung bewusster Interessengruppen in der Reproduktion von Naturverhältnissen« hervorgehen, sei dahingestellt. Sicher ist, dass sich Hans-Jürgen Urban auch an dieser Debatte mit einem eigenen Blick beteiligen wird.

Brigitte Aulenbacher/Frank Deppe/Klaus Dörre/ Christoph Ehlscheid/Klaus Pickshaus (Hrsg.): Mosaiklinke Zukunftspfade. Gewerkschaft – Politik – Wissenschaft, Verlag Westfälisches Dampfboot, Münster, 2021, 418 Seiten, 40 Euro, ISBN: 978-3-89691-064-6

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