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Aus: Ausgabe vom 14.07.2021, Seite 10 / Feuilleton
Literatur

Ein Roman für Maaßen

»Tagesschau«-Sprecher Constantin Schreiber hat einen Bestseller geschrieben, der den Exverfassungsschutzchef entzücken muss
Von Monika Köhler
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Weshalb die Meinung offen sagen, wenn man auch einen schlechten Roman schreiben kann?

Guten Abend, meine Damen und Herren, ich begrüße Sie zur »Tagesschau«. Am Mikrofon Constantin Schreiber: »›Den Kapitalismus überwinden, das ist eine Maxime aus unserem Wahlprogramm‹, erklärte die Kanzlerkandidatin Sabah Hussein heute auf dem Unternehmertag in Düsseldorf. Konkret heiße das, erläuterte Hussein, von der Richtschnur auszugehen: ›Was braucht man wirklich? Braucht man ein Auto? Braucht man ein Einzelzimmer im Krankenhaus? Braucht man die erste Klasse im Zug? Die Frage soll uns helfen, uns auf das zu besinnen, was wirklich notwendig ist.‹«

Das ist aus dem Roman »Die Kandidatin« von »Tagesschau«-Moderator Constantin Schreiber.

Und dies stammt vom Bundestagskandidaten Hans-Georg Maaßen (CDU), dem vorletzten Chef des Schutzes unserer Verfassung:

»Wenn man sieht, dass es da auch Verbindungen gibt zwischen der ›Tagesschau‹ oder zwischen Personen, die für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk und ›Tagesschau‹ arbeiten, und der linken und linksextremen Szene – dann wäre das wirklich auch eine Untersuchung wert, dass auch die Biographie von einigen Redakteuren mal auf den Prüfstand gestellt wird, ob diese Leute die charakterliche Eigenschaft haben, … die ›Tagesschau‹ durch Redaktion zu begleiten.«

Maaßen fordert also Gesinnungsüberprüfung bei NDR-Journalisten und »Tagesschau«-Mitarbeitern, wie kam der Exverfassungsschutzpräsident auf diese Idee? Er muss »Die Kandidatin« des »Tagesschau«-Moderators Constantin Schreiber (NDR) gelesen haben. Dort hat die kommende Kanzlerin die »Peinliche Analyse« eingeführt. Die soll künftige Unimitarbeiter überprüfen. Alle digitalen Daten der Bewerber werden auf die »politische Ausrichtung« hin analysiert, um »Faschisten« von der Universität fernzuhalten. Es sei – so der Verlag Hoffmann und Campe – ein »kühner Roman von politischer Sprengkraft und visionärer Relevanz« dieses Bestsellerautors der NDR-»Tagesschau«. Ein zur Hollywood-Verfilmung geeignetes Buch über die in allen deutschen Verfassungsschutzämtern geltende Totalitarismustheorie.

Denn in Schreibers Deutschland um 2050 ist die »Mitte« verlorengegangen. Es gibt nur noch die beiden Enden des verfassungsschutztheoretischen Hufeisens. Im Restosten eine »national-sozialistisch« orientierte Rechte mit Zentrum in Neugotenhafen, und im Westen eine Linke unter dem Oberbefehl der Flüchtlingstochter Sabah Hussein, deren Eltern aus Syrien in den Libanon und 2015 in unser Land kamen und die nun als Kanzlerkandidatin antritt.

Jeder muss in diesem »umgevolkten« Deutschland einen Eintrag im Personalausweis führen, ob »sie oder er weiß, schwarz, Muslima, homo- oder transsexuell ist, ob sie einen Hijab trägt oder ob sie oder er auf andere Weise divers ist«. Das sieht das »Gesetz zur Vielfaltsförderung« vor (ein Pendant zu den Nürnberger »Rassengesetzen« und gleichzeitig das Gegenteil). Mit bedauerlichen Fällen von Missbrauch: Fälle wurden bekannt, in denen sich Menschen falsch registriert hatten, um sich Vorteile zu sichern: »Ein Mann hat sich als transsexuell ausgegeben, ist dies nach Aussage seiner Freunde aber gar nicht. Mehrere haben behauptet, schwarz zu sein, waren aber erkennbar weißer Hautfarbe.« Der Gipfel der erstrebten Diversität ist zweifellos der Skandal um Stefan Fritz, den Schreiber im Roman enthüllt: »Der Schauspieler, der für eine Rolle abgelehnt wurde, weil er weiß ist, und sich darauf den Fuß abgesägt hat. Danach verlangte er, berücksichtigt zu werden, weil er behindert sei.«

Ähnlich die Sprachregelungen: Die junge Kandidatin trägt Hijab. Wer versehentlich »Kopftuch« sagt wie ihr Gegenkandidat, hat schon verloren. Das »K-Wort« ist ein Vergehen. Dazu kommt die »Weißensteuer« samt Verlust des Wahlrechts ab 70.

Doch kurz vor der Wahl wird die Kanzlerkandidatin Hussein bei einem Attentat verletzt. Sie liegt im Koma. Ein Protestzug schiebt sich auf der Straße Unter den Linden bis zum Stadtschloss an der Spree. Dort ist eine Bühne aufgebaut: »Regenbogenfahnen, Flaggen mit türkischem Halbmond. Die Ansagerin: ›Wir alle sind vereint. Gegen Nazis, gegen rechts.‹«

Die Ansagerin kündigt eine »echte Powerfrau« an. »Sie hat eine echte Message für euch! Ich sage nur: Allahu Akbar: Hier ist – Yasemin Brutal!«

Die greift zum Mikrophon und singt unter »frenetische(m) Jubel«:

»Du Kartoffel, du weiße,

Willst mich anmachen?

Du bist scheiße, ah,

Ich lass mich nicht ankacken

Von Rassisten und Nazis,

Damit das klar ist, ah,

Ich scheiße auf Hegel und Schiller …«

Der Mann von der »Tagesschau« hat maaßengerechte Lyrik und Prosa verfasst, sein unaufhaltsamer Aufstieg in der Hierarchie des ARD-Flaggschiffs wird deren Ruf auch bei den Schützern unserer Verfassung retten.

Constantin Schreiber: Die Kandidatin. Verlag Hoffman & Campe, ­Hamburg 2021, 208 Seiten, 22 Euro

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Ralf S. aus Gießen (13. Juli 2021 um 20:52 Uhr)
    Frau Köhler vergisst zudem das Offensichtliche: Sahra Wagenknecht müssten viele Kernaussagen des Buches auch gefallen, nicht nur Herrn Maaßen. Ich möchte gar nicht wissen, wie viele Menschen sowohl Schreibers als auch Wagenknechts Buch mit Begeisterung gelesen haben, weil es Bücher eines (noch) als seriös geltenden »Tagesschau«-Sprechers und einer linken Politikerin sind, man sich also abgesichert wähnt, bei Zustimmung nicht als Rassist oder Rechter/Rechtsextremist gebrandmarkt zu werden. Wie viele Menschen davon für Die Linke stimmen, kann ich mir hingegen gut vorstellen, nämlich so gut wie keine, so eine 180-Grad-Wendung ins sozialpatriotisch-reaktionäre kann die Partei gar nicht hinlegen, damit sie für derart Reaktionäre wählbar wird. Wir dürfen uns ja aber über den öffentlichkeitswirksamen Parteiaustritt von Frau Wagenknecht nach der Wahl freuen. Und nicht zuletzt: 208 Seiten ist das Buch lang? Schön übersichtlich also und nicht zu dick, damit der deutsche Durschnittsmichl (oder sollte ich sagen die deutsche Durchschnittskartoffel?), der nicht gern und nicht viel liest, nicht abgeschreckt wird. Das sagt doch auch schon alles …
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Ralf S. aus Gießen (13. Juli 2021 um 20:50 Uhr)
    Ach du Schei*e! Dass das Buch so ein gequirlter AfD-Mist ist, wusste ich gar nicht, ich dachte, das wäre ein wenig subtiler. Auf die Idee, die Angst vor Islamismus (oder eigentlich schlicht Islam im allgemeinen), was ja mit Intoleranz und Engstirnigkeit verbunden wird, mit der Angst vor »überbordender« »politischer Korrektheit« und »ins Extreme getriebener« »Minderheitenförderung« zu verquirlen, was wiederum Gegenteil von Intoleranz und Engstirnigkeit ist, das ist ja geradezu genial! Türkische Halbmondfahnen neben Regenbogenfahnen! Der Alptraum aller normalen Deutschen! Das Hufeisen neu interpretiert, als die zwei Enden – auf der einen Seite erzkonservative Muslime, auf der anderen Seite ultraliberale sexuelle Minderheiten und andere »Randgruppen« –, die sich zusammentun, um den ganz normalen, in der guten bürgerlichen Mitte an seinem Gasgrill hockenden, vernünftigen, Sandalen mit Tennissocken tragenden (implizit weißen) Deutschen zu unterdrücken! Das ist geradezu genial, damit man auch wirklich alle Ausprägungen des autoritären und reaktionären Publikums bedient, mit seinen zahlreichen Ängsten. Nicht zu vergessen der antikommunistische bzw. antisozialistische Einschlag, denn besagte fiktive Kandidatin ist offenbar nicht nur keine Volksdeutsche, sie ist auch noch Sozialistin! Bzw. Antikapitalistin, um auch dieses antisozialistische Ressentiment der Zielgruppe explizit zu bedienen. Da hat einer wirklich an alles gedacht.

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