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Aus: Ausgabe vom 09.07.2021, Seite 15 / Feminismus
Demonstration in Tbilissi

Pridemarsch abgesagt

Angriffe Rechter auf LGBTIQ-Personen in Tbilissi. Ganze Region gefährlich
Von Reinhard Lauterbach
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Rechte mobilisierten am Montag gegen die Durchführung der Prideparade in der georgischen Hauptstadt Tbilissi

Trotz aller offiziellen Bekenntnisse zu Europäischer Union und »westlicher Wertegemeinschaft« bleibt Georgien ein schwieriges Pflaster für Schwule, Lesben und andere nicht heteronormativ Lebende. Nach pogromartigen Ausschreitungen von seiten georgischer Rechter sagten die Veranstalter einen für Montag geplanten Pridemarsch in der Hauptstadt Tbilissi ab. Mehrere tausend Rechte hatten sich zuvor, angestachelt von der Georgisch-Orthodoxen Kirche, im Zentrum der Hauptstadt versammelt. Einige Dutzend Randalierer stürmten das Büro der Veranstalter und verwüsteten es, rissen Regenbogentransparente ab und bedrohten potentielle Teilnehmer sowie Reporter, die von der Kundgebung berichten wollten.

Die georgische Organisation für unabhängige Medien meldete bis Dienstag allein 48 durch die Ausschreitungen verletzte Journalisten. Selbst ein polnischer Tourist, der mit der Demonstration nichts zu tun hatte, wurde niedergestochen und musste ins Krankenhaus eingeliefert werden. Die Rechten hatten ihn für einen Schwulen gehalten, weil er einen Ohrring trug. Die Veranstalter beschuldigten sowohl die orthodoxe Kirche als auch die Regierung und nicht näher definierte »prorussische Kräfte«, die rechten Randalierer mobilisiert zu haben.

Bereits 2019 war es in Tbilissi zu homofeindlichen Übergriffen gekommen, als Rechte versuchten, eine Filmvorführung zu verhindern, bei der es um homosexuelle Beziehungen ging. Eine Besucherin war damals blutig geschlagen worden. Allgemein gilt in der Kaukasusregion: Homofeindlichkeit ist weit verbreitet, egal, ob die dominierende Religion das Christentum oder der Islam ist.

Notorisch ist die Entführung und Folterung tschetschenischer Homosexueller durch die dortige Polizei. Der Chef der tschetschenischen Republik, Ramsan Kadyrow, bestreitet die Vorwürfe zwar mit dem »Hinweis«, Schwule und Lesben gebe es in Tschetschenien nicht, weshalb auch keine misshandelt worden sein könnten. Aussagen junger tschetschenischer Schwuler, die sich etwa nach Moskau haben durchschlagen können, sprechen eine andere Sprache. Sie berichten von einem permanenten Klima der Repression. Die Polizei überwache die Community, verhafte Menschen mit dem Ziel, Lösegeld zu erpressen. Verschärft werde die Situation von LGBTIQ-Menschen auch dadurch, dass sie nur in sehr eingeschränktem Maße mit der Solidarität ihrer Familien rechnen könnten. Viele Eltern teilten die allgemeinen Vorurteile gegen Schwule und Lesben und zögen es vor, sich von Kindern loszusagen, die sich geoutet hätten.

Homosexualität ist in Russland nicht verboten. Präsident Wladimir Putin hat mehrmals erklärt, es gehe den Staat nichts an, wer wen liebe. In der Praxis aber werden »nichttraditionelle sexuelle Identitäten« ungern gesehen. Entsprechende »Propaganda« insbesondere gegenüber Jugendlichen ist ausdrücklich untersagt.

Nach der Absage des Pridemarsches demonstrierten in Tbilissi am Dienstag abend mehrere tausend Menschen vor dem Parlamentsgebäude. Auch dabei kam es wieder zu Angriffsversuchen Rechter, die diesmal jedoch von Einsatzkräften zurückgeschlagen wurden.

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