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Aus: Ausgabe vom 09.07.2021, Seite 11 / Feuilleton
Architekturbiennale Venedig

Architektur, die sich alles zutraut

… der Politik aber nichts mehr: Die 17. Internationale Architekturbiennale Venedig stellt die Frage aller Fragen – und gibt sehenswerte Antworten
Von Jörg Werner
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Es werde licht und luftig: Der deutsche Pavillon, befreit vom Überfluss

Wer sich auf den Weg macht zur diesjährigen Architekturbiennale nach Venedig in den wunderschönen Ausstellungspark Giardini und in die verwunschenen Hallen des Arsenals, hat genügend Zeit, unterwegs über die Frage nachzudenken, welche der Schau ihren Titel gibt: »How will we live together?« (Wie werden wir zusammenleben?). Spätestens bei einem Blick aus dem Zugfenster auf die verbrauchten, brutalen Wohnklötze im Vorort Mestre wird man eine einfache Antwort auf die Frage aller Fragen gefunden haben: »So hoffentlich nicht!«

Wer für weitere Antworten durch die Architektur keinen Cent geben möchte, weil er für eine fehlende Baukultur die Architektinnen und Architekten selbst in der Verantwortung sieht, der sei daran erinnert, dass die Heiligsprechung des Privateigentums an Grund und Boden das Fundament ist für eine der schönsten Formen des Geldverdienens: Beton (engl: »concrete«!) ist nichts anderes als investiertes Kapital, das stumm auf seine Vermehrung wartet. Die Rendite ist es also letztlich, welche der Architektur diktiert, dass sie zum Beispiel die Kinderzimmer in Sozialwohnungen deutlich kleiner planen möge als den dazugehörigen Pkw-Stellplatz mit seiner Mindestgröße von zwölf Quadratmetern. Der desolate Zustand ist das Ergebnis des zugrundeliegenden Systems.

Damit ist dem Motto der Biennale stillschweigend die spannende Frage vorangestellt: Ob es denn überhaupt planbar sein kann, die desaströse Zukunft abzuwenden, ohne zuvor die Ursachen für die mängelbehaftete Gegenwart aus dem Weg zu räumen? Die diplomatischen Statements des Künstlerischen Leiters des Zentralen Pavillons in den Giardini, des Libanesen Hashim Sarkis: »Weil wir nicht glücklich sind mit den Antworten, welche die Politik heute gibt« könne man »nicht länger auf die Politik warten, bis sie einen Weg in eine bessere Zukunft vorschlägt«. Und Sarkis ist sich sicher: »Mit Hilfe der Architektur können wir alternative Wege des Zusammenlebens anbieten«.

Das sieht man der Eingangsinszenierung in der ersten Abteilung im Hauptpavillon »As One Planet – Making worlds« nicht so ohne weiteres an. Das »Cave-bureau« aus Kenia hat mit seiner Installation »The Anthropocene Museum: Exhibit 3.0 ›Obsidian Rain‹/2017« eine Hommage an die Mbay-Höhle in Kenia gestalterisch übersetzt, einen Millionen Jahre alten, magischen Ort, an dem sich noch Mitte des 20. Jahrhunderts antikoloniale Freiheitskämpfer versammelten, um ihren Widerstand zu planen. Wenn man weiß, dass Sarkis selbst zu Beginn seiner Arbeit 2020 zur Gründung einer »Future Assembly« eingeladen hatte, um gegen nicht weniger als den Untergang dieser Welt anzutreten, lässt sich diese Inszenierung als Absage an hergebrachte politische Institutionen und Strukturen lesen.

In der zweiten Abteilung »Across Borders« folgen dann zahllose und häufig medial unterstützte Installationen, die zur Bewältigung der von Menschen verursachten globalen, existenzbedrohenden Krise ansetzen: Die Spitze eines Eisberges schmilzt vor den Augen der Besucher (»Melting Landscape«/2021 Kei Kaihoh Architects/Chiatante/Hayashi), politische Grenzen werden in Frage gestellt, Flüchtlingscamps werden zum Thema der Architektur. Im runden Fenster der Nachbildung des Wandsegmentes eines Raumschiffes erscheint ein großer Himmelskörper. »Das ist der Mond. So wirst du den sehen, wenn du später mal dorthin fliegst.« Fatal, denn die eintönige, unbelebte Scheibe, die der dann nicht mehr fünfjährige Sohn auf seinem Rückflug »so« zu sehen bekäme, wäre das Drama, welches unserem »Blauen Planeten« blühen könnte.

Dem Besucher schwant aber auch, dass seine Aufnahmefähigkeit angesichts der gut gemachten, zum Teil riesigen Informationsflächen über kurz oder lang an ihre Grenzen stoßen wird. Und weil der zweibändige Katalog (80 Euro) den Käufer eher zur Verzweiflung treibt, als ihn zu orientieren, ist man gut beraten, jede Art von Besichtigungsstrategie fallenzulassen und die weitere Wegführung im freien Flanieren seiner Intuition oder dem Zufall zu überlassen.

Die Macher des englischen Pavillons »The garden of privatised delights« nehmen sich die Polarisierung von »privat« und »öffentlich« vor und verlangen explizit neue Modelle für den öffentlichen Raum, der noch immer zu Teilen in Privatbesitz ist. Der deutsche Beitrag »2038 – The new serenity« kapriziert sich selbstgefällig als weißes, vollkommen leeres Raumensemble – ein inszeniertes Achselzucken, das Informationen allein über einen QR-Code preisgibt. Angemessen und »ernsthaft« ist eine solche Idee nur dann, wenn das frappierende Raumerlebnis als Anstoß für den Weg in die »Postwachstumsökonomie« verstanden wird – also für eine »Befreiung vom Überfluss« (Niko Paech) steht.

Letztlich ist es weit faszinierender, entspannt den freieren Beiträgen im verzauberten, dunklen ehemaligen Marine-Arsenal (Baubeginn im Jahre 1104) zu folgen: dem Rückgriff auf die 68er Aussteigerarchitektur in den USA oder einem schön rumpelnden, prustenden und lärmenden Kabelsalat als Höllenmaschine (»Entanglement«), mit dem Irland davor warnt, dass z. B. Dublin sich als Zentrum der Datenerhebung in der EU bis zum Jahr 2027 einem Verbrauch von 31 Prozent der Gesamtenergie des Landes entgegendaddeln dürfte. Denkwürdig eine Filmmontage, welche die Verkürzung der »Lebensdauer« von Krankenhausbauten von 101 auf nur 21 Jahre vor Augen führt. Und am Ende lässt der analoge chilenische Beitrag den Besucher leiser werden: 500 formatgleiche Bilder kollektiv gemalter Alltagsszenen eines Stadtviertels, die den Zukunftsplanerinnen und -planern als Erinnerung an das vergangene Leben und Leiden mit auf den Weg gegeben werden.

Um so euphorischer wird man sein, wenn man sich nach dem Biennale-Besuch in eine besondere Kneipe wagt, die ziemlich direkt am Rückweg liegt: in das gastronomisch eingerichtete Büro des »Partito della Rifondazione Comunista« (die Partei der Kommunistischen Wiedergründung) in Venedig, das den besten für Touristen erhältlichen Rotwein ausschenkt. Den haben die Genossen selbst produziert und mitgebracht und gießen ihn (auch sich) unter Unita- und Che-Plakaten aus Plastikkanistern ein. Schöne, alte Welt. Auch sehr empfehlenswert!

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