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Aus: Ausgabe vom 12.07.2021, Seite 8 / Inland
Postkolonialismus und Pandemie

»Es fehlt an allem: Impfstoff, Masken und Intensivbetten«

Namibia: Coronainfektionszahlen steigen rapide. Hilfe von der BRD gefordert. Ein Gespräch mit Anette Hoffmann
Interview: Gitta Düperthal
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Menschenschlange vor einer Covid-19-Teststation in Windhoek, Namibia (11.6.2021)

Sie fordern die deutsche Bundesregierung in einem offenen Brief auf, die von der Coronapandemie derzeit stark betroffene Republik Namibia schnell und umfassend zu unterstützen. Wie ist die aktuelle Lage dort?

Die Infektionszahlen und die Krankheits- und Todesfälle im Land steigen rapide an. Bisher sind weniger als fünf Prozent der 2,5 Millionen Namibierinnen und Namibier erstgeimpft, weniger als ein Prozent haben vollständigen Impfschutz. Der Inzidenzwert liegt bei 400 pro 100.000 Menschen. In den vergangenen 15 Tagen starben mehr als 500 Menschen. Coronatests fallen zu 40 Prozent positiv aus. Die Krankenhäuser sind überlastet. Alle Forscherinnen und Forscher, die mit dem Thema befasst sind, kennen Menschen, die in dieser Woche durch Covid-19 verstorben sind: zum Beispiel Jeremy Silvester, der Direktor der »Museum Association of Namibia« oder der Ovaherero-Chief Vekuii Rukoro. Auch Zedekia Ngavirue, der von der namibischen Regierung beauftragt wurde, Verhandlungen über Reparationszahlungen mit der deutschen Regierung zu führen, kam so zu Tode. Deshalb haben wir uns zusammengetan und fordern die Bundesregierung auf, Namibia zu helfen. Bislang unterstützen 250 namhafte Einzelpersonen und Organisationen unseren Appell, unter anderem der Verein »Berlin Postkolonial«.

Sie kennen das Land und haben Ihre Doktorarbeit über die Erinnerungskultur der Kolonialgeschichte geschrieben. Wie beschäftigt Sie persönlich die aktuelle Lage?

Ich habe Freunde und Bekannte dort, die ich praktisch unterstütze. Ich versuche auch den Frauen behilflich zu sein, die jetzt die Nachfolge des verstorbenen Museumsdirektors übernommen haben: sei es beim Beantragen von Geldern oder beim Redigieren von Texten.

Welche Hilfen müsste die Bundesregierung aus Ihrer Sicht leisten?

Es fehlt an allem: Impfstoff, Masken und Intensivbetten. In einer südafrikanischen Zeitung habe ich gelesen, dass man in Namibia die Erstimpfungen einstellen musste, um Zweitimpfungen gewährleisten zu können. Wir haben vergangenen Mittwoch Bundeskanzlerin Angela Merkel, Außenminister Heiko Maas und den Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung Gerd Müller aufgefordert tätig zu werden. Einige Hilfsleistungen in Form von medizinischer Ausrüstung sind mittlerweile in Namibia angekommen, beispielsweise Sauerstoffgeräte. Aber angesichts dessen, dass die Bundesrepublik eine besondere historische und politische Verantwortung hat, und die Bundesregierung nach mehr als 100 Jahren erst kürzlich den Genozid während der deutschen Kolonialgeschichte anerkannt hat, müsste mehr passieren.

Sehen die Namibierinnen und Namibier das auch so? Wie präsent sind dort die Kolonialverbrechen an den Herero und Nama?

Wie die Menschen das dort sehen, wissen wir nicht genau. Uns ist aber bekannt, dass die deutsche Bundesregierung den Völkermord an den Herero und Nama im Mai dieses Jahres nach einem sehr langen, quälenden Prozess endlich eingestanden hat. Schon der damalige Bundesaußenminister Joseph Fischer (Bündnis 90/Die Grünen) hat gesagt, reparationsrelevante Entschuldigungen würde es nicht geben. Wir meinen, wenn man nun Einsicht signalisiert, müsste man auch konsequent handeln. Namibia ist ein Land mit weniger Einwohnern als Berlin. Die reiche Bundesrepublik kann helfen.

Fraglich ist aber, ob es um »Hilfe« für ein sogenanntes »Entwicklungsland« geht – und ob das nicht problematisch ist?

Angebliche »Wohltätigkeit«, das Verteilen von Almosen, hat einen schalen Beigeschmack. Wenn dort jetzt das Gesundheitssystem kollabiert, muss es in der Krise um Umverteilung und Solidarität gehen. In diesem Zusammenhang von »Entwicklungsländern« zu reden, ist absurd. Die Ungleichverteilung von Reichtümern ist nicht einfach so passiert. Sie wurden von den Ländern ausgebeutet, die jetzt »Erste Welt« sind. Es muss mehr Reparationen geben als die bislang zugesagten 1,1 Milliarden Euro.

Anette Hoffmann ist Kulturwissenschaftlerin am Institut für Afrikanistik und Ägyptologie in Köln

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