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Aus: Ausgabe vom 12.07.2021, Seite 7 / Ausland
Französischer Kolonialismus

Von nun an wird gebombt

Frankreich: Präsident Macron will Einsatz im Sahel »umgestalten«. Das wird vor allem zu Lasten der Zivilbevölkerung gehen
Von Hansgeorg Hermann
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»Sehr bescheidener Erfolg«: Ein französischer Soldat in Mali (17.10.2017)

Präsident Emmanuel Macron will innerhalb weniger Wochen die Truppenstärke Frankreichs in der südlichen Sahelzone halbieren. Die Anzahl der dort gegen sogenannte feindliche Organisationen – gemeint sind Filialen der Al-Qaida und des »Islamischen Staats« – eingesetzten Soldaten soll von gegenwärtig 5.100 auf rund 2.500 verringert werden. In dem seit 2013 andauernden Krieg, der nach Ansicht des französischen Generalstabchefs François Lecointre ohnehin »nicht zu gewinnen ist«, sollen demnächst statt der Landstreitkräfte vor allem Flugzeuge und Drohnen mit Bomben den Kampf aus der Luft fortsetzen.

Zum künftigen Zentrum der neokolonialen Militärmission bestimmte Macron Niamey, die Hauptstadt des Niger. Dessen Staatschef Mohamed Bazoum war am Freitag der einzige Vertreter der fünf Sahelstaaten – Mauretanien, Mali, Niger, Tschad und Burkina Faso –, der einer Einladung nach Paris gefolgt war.

Der von Macron »Umgestaltung« genannte Strategiewechsel in der Zone mache Niamey und dessen Präsident Bazoum zur neuen tragenden »Säule« des französischen Militäreinsatzes, analysierte am Sonnabend die in Paris erscheinende Wochenzeitschrift jeuneafrique. In der Tat will Macron seine Armee aus dem Nachbarstaat Mali weitgehend abziehen und die dortigen Lager im Norden des Landes schließen. Bereits Ende des Jahres sollen seine Soldaten die Stützpunkte in Kidal, Tessalit und Timbuktu verlassen und nach Hause geschickt werden. »In Partnerschaft« mit dem von deutschen Einheiten getragenen EU-Einsatz in Mali (EUTM) werde sich die militärische Präsenz Frankreichs in Zukunft auf die »Kooperation« mit den »nationalen Streitkräften« der »G5 Sahel« stützen, insbesondere auf die »Taskforce Takuba«, die ebenfalls in Niamey stationiert werden soll.

Dort befinden sich bereits Drohnen vom Typ »Reaper«. Das Kontingent soll ebenso wie das der Jagdbomber »verstärkt« werden, sagte Macron, ohne Details zu nennen. Der auf den Einsatz von Bomben akzentuierte Plan verweist auf das bisher nicht erreichte Ziel Frankreichs. In Macrons Worten: »die Neutralisierung und Desorganisation des hohen Kommandos der beiden feindlichen Organisationen«. Übersetzt: Vermutete Hauptquartiere und Waffenlager sollen aus der Luft zerstört werden. Die Zivilbevölkerung wird wissentlich den hohen Risiken ausgesetzt, die Macrons Bombenkrieg mit sich bringen wird.

Frankreich setzt dabei auf seinen neuen besten Freund Bazoum, zuvor war es der im April ermordete Staatschef des Tschad, Idriss Déby. Seit dem von Macron so bezeichneten »Staatsstreich im Staatsstreich« sind die Beziehungen zwischen Paris und Bamako weitgehend eingefroren, die gesamte militärische Organisation des Sahelkriegs konzentriert sich seither auf Niamey. Zu Macrons Schlüsselfigur stieg damit Bazoum auf, der sich am Freitag für die versprochene militärtechnische Aufwertung seiner eigenen Streitkräfte bedankte. Frankreich habe »elektronische geheimdienstliche Kapazitäten, die wir nicht haben«, erläuterte Bazoum in Paris. Der Freund im Élysée werde ihm diese in Zukunft zur Verfügung stellen. Macrons »Möglichkeiten, den Krieg aus der Luft zu führen«, würden den Einsatz der nigrischen Landstreitkräfte »bestens ergänzen«.

Der französische Vorstoß, zunächst unter dem Namen Serval, danach als Operation Barkhane bezeichnet, dauert seit acht Jahren an und ist, wie jeune­afrique spottete, »von sehr bescheidenem Erfolg« gekrönt. In Frankreich wird der Sinn der sogenannten Mission, die einst Macrons damaliger Chef François Hollande auf den Weg brachte, in der Bevölkerung zunehmend bezweifelt. Rund zehn Monate vor der nächsten Präsidentschaftswahl deutet Macrons »Strategie« auch auf einen Wahlkampf hin, in dem sich der aktuelle Staatschef wenigstens von einem Teil der mit toten französischen Soldaten gleichgesetzten Kriegslast befreien will. Dass ihm nun mit Bazoum wenigstens einer der fünf Chefs der Sahelstaaten in der imperialen Afrikapolitik den Rücken deckt, ist ein Zugewinn, der – wie Macron hoffen mag – nicht nur in Afrika, sondern auch zu Hause zählen wird.

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  • Leserbrief von Gerhard Geschwill aus Bad Herrenalb (12. Juli 2021 um 11:26 Uhr)
    Der Einsatz ausländischer Streitkräfte in Mali kann natürlich aus mancherlei Gründen kritisiert und abgelehnt werden, und ob er langfristig die »feindliche Übernahme« des Landes durch die Islamisten verhindern wird, ist ohnehin fraglich. Aber aus der Ferne lässt sich leicht urteilen … Unser malischer Freund, der vor drei Jahren von Dschihadisten entführt und dabei halb tot geschlagen wurde, hat seine Rettung dem Einsatz einer »Berkhane«-Einheit zu verdanken – und das zählt für seine Familie … und für mich.

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