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Aus: Ausgabe vom 05.07.2021, Seite 12 / Thema
Irrationalismus

One Nation Under God

Vorabdruck. Fleisch vom Fleische der Besitzenden und Mächtigen: Christlicher Nationalismus in den Vereinigten Staaten
Von Holger Wendt
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Armut ist Sünde, Wissenschaft Ketzerei: Donald Trump (rechts) bei einer Wahlkampfveranstaltung mit evangelikalen Predigern, darunter seine »spirituelle Beraterin« Paula White, die an ihn Gebetshand anlegt (Miami, 3.1.2020)

Dieser Tage erscheint die neue Ausgabe der Marxistischen Blätter mit dem Titelthema »Dem (Neo-)Faschismus auf der Spur«. Das Heft kann beim Neue-Impulse-Verlag bezogen werden. Der nachfolgende Text ist die gekürzte Fassung eines Beitrags aus dieser Ausgabe. Wir danken dem Verlag für die freundliche Genehmigung zum Vorabdruck. (jW)

Die Verbreitung stark irrationaler Positionen im US-amerikanischen Christentum steht in scharfem Kontrast zum lange gepflegten Bild der liberalen Supermacht. Während Religiosität an sich als ehrenwert erschien, wurde religiöser Wahn als Merkmal isolierter Randgruppen abgetan und entsprechend belächelt. Erst seit dem Ende der Präsidentschaft Donald Trumps dämmert es selbst der deutschen Presse, dass hier ein politisch hochwirksames Massenphänomen existiert. Ob es um das bösartige Wirken von Geistern und Dämonen geht, um naiv­sten Wunderglauben im Alltag, um die hartnäckige Ablehnung der Evolutionstheorie, die Leugnung des menschengemachten Klimawandels oder um Verschwörungstheorien rund um Covid-19, solcherlei Ansichten sind unter fundamentalistischen Christinnen und Christen jederzeit mehrheitsfähig. Natürlich hat Wissenschaftsfeindlichkeit hierzulande ebenfalls eine lange Tradition. Während aber die Extremformen von Realitätsverleugnung bei uns vorzugsweise in esoterischen Milieus angesiedelt sind und sich somit (noch?) weitgehend abseits des politischen Mainstream bewegen, stellen sie jenseits des Ozeans feste Bestandteile gesellschaftlicher Diskurse dar und dominieren die Ideologie einer der beiden großen Parteien.

Während der christliche Bevölkerungsteil in den USA langfristig sinkt, ist sein politischer Einfluss in den vergangenen Jahrzehnten stetig gewachsen. Interessierten Lobbyorganisationen gelang es zunehmend besser, rechtskonservative Kirchgänger zu radikalisieren und für ihre Zwecke zu mobilisieren.

Einige Einschränkungen müssen getroffen werden: Der christliche Nationalismus stellt einen sowohl zahlenmäßig als auch ideologisch bedeutenden Teil des Christentums der Vereinigten Staaten dar, er ist aber nicht mit diesem identisch. Selbstverständlich sind nicht alle US-Christen zugleich Fundamentalisten, selbstverständlich stehen nicht alle Fundamentalisten politisch extrem rechts. Es existiert sogar eine wenn auch kleine christliche Linke, die für sich beansprucht, die Bibel wörtlich zu nehmen und sie dennoch in progressiver Richtung zu interpretieren. Die Tatsache, dass die Ausdrücke evangelikal und fundamentalistisch im folgenden synonym gebraucht werden, ist, genau genommen, unscharf. Man kann durchaus »evangelical« und nicht fundamentalistisch sein, zumal die deutsche Unterscheidung zwischen evangelisch und evangelikal im Englischen nicht existiert. Schließlich gibt es nicht »die« christliche Rechte, sondern eine Vielzahl von Gruppierungen, die sich nicht nur in theologischer, sondern auch in politischer Hinsicht unterscheiden.

Solche Einschränkungen vorausgeschickt, lässt sich feststellen, dass sich zwischen verschiedenen Fraktionen des evangelikalen Christentums der USA eine große politische Übereinstimmung herausgebildet hat. Ihr Wachstum ist nicht einfach ein spontan »von unten« entstehender Prozess, er wurde eingeleitet, begleitet und gesteuert von einer Vielzahl mächtiger und finanzstarker Institutionen.

Potemkinsche Arche

Anhand dreier Beispiele soll das Ausmaß des religiösen Wahns verdeutlicht werden. Dabei ist zu betonen, dass es sich keineswegs um Randgruppenphänomene handelt, sondern um Einstellungen, die von bedeutenden Teilen der Bevölkerung vertreten werden.

Erstens: »Noahs Flut«. Die Proklamation der buchstäblichen Wahrheit der Bibel ist einigende Grundlage der verschiedenen Richtungen evangelikaler Theologie. Hierzu zählt die Geschichte der Sintflut. Im Jahr 2016 gelang mit der Eröffnung des 100 Millionen Dollar teuren »Ark Encounter Theme Park« ein publikumswirksamer Propagandacoup; im Zentrum dieser Anlage steht ein nach biblischen Maßstäben gefertigter Nachbau der Arche. Das darin befindliche Museum lockt seither jährlich Hunderttausende Besucher in die Wildnis von Kentucky. Dabei interessiert wenig, dass diese Arche nicht schwimmt, sich keine lebenden Tiere an Bord befinden oder dass die Gäste ohne das hochmoderne Belüftungssystem binnen kurzer Zeit ersticken müssten. Betrachtet man das Bauwerk von hinten, entdeckt man, dass es sich gar nicht um ein Boot handelt. Es ist ein Hochhaus mit hölzerner Fassade. Dennoch: Wer hierherkommt und 53,48 Dollar Eintritt plus zehn Dollar Parkgebühren zahlt, bezweifelt biblische Mythen nicht.

Zweitens: »Wohlstandsevangelium«. Über das Stadium der Predigt von der Kirchenkanzel ist das Christentum längst hinaus. Zwar spielt der traditionelle Gottesdienst nach wie vor eine wichtige Rolle, populäre Predigerinnen und Prediger setzen jedoch längst auf modernere Formen der Kommunikation. Fernsehshows und Internetauftritte erreichen ein breiteres Publikum, selbst die Megachurches mit ihren Zehntausenden Besuchern bleiben dagegen klein, dienen eher als Kulisse.

Unter den sogenannten Televangelisten erfreut sich das Wohlstandsevangelium (»Prosperity Gospel«) besonderer Beliebtheit. Die Botschaft ist simpel: Gott will reiche Christen. In den Worten Kenneth Copelands: »Wenn du den alten Bund betrachtest, denkst du, das jüdische Volk will, dass du pleite bist? Sie glauben an den Reichtum.«¹ Wer seinen Glauben unter Beweis stellt, der wird ein Vermögen machen. Doch Glaube allein genügt nicht: »Wenn du finanziellen Segen ernten willst, musst du Geld säen.«² Gesät wird in Form von Spenden an die Organisation des jeweiligen Predigers, je mehr, desto besser.

So primitiv die Masche, so erfolgreich ist sie. Kenneth Copeland, Joel Osteen, Creflo Dollar oder Kenneth E. Hagin sind nur einige Vertreter dieser Richtung; auch Paula White, Donald Trumps »spirituelle Beraterin«, vertritt eine solche Theologie. Reich werden dabei die Fernsehprediger, verstecken müssen sie ihren Wohlstand nicht. Das aus den Abgaben ihrer Anhängerschaft zusammengeraffte Vermögen gilt als schlagender Beweis für die Richtigkeit ihrer Predigt. Überschuldete und verzweifelte Menschen, die den letzten Cent für billige Heilsversprechen hergegeben, kommen in ihren Shows nicht vor.

Drittens: Abwertung von Frauen. In vielen evangelikalen Konfessionen agieren Frauen als Pastorinnen oder Predigende, in anderen ist ihnen dies mit Verweis auf die Bibel untersagt. Die fundamentale, nicht allein körperliche Differenz der Geschlechter gilt jedoch in beiden Fällen als gesetzt. Eine Christin formuliert dies so: »Wir glauben, dass sich Frauen von Männern unterscheiden, und sie müssen daher an den Standards für exzellente Frauen gemessen werden, beurteilt zu unseren eigenen Bedingungen. Eine leistungsstarke, bewunderungswürdige Frau sieht anders aus als ein leistungsstarker, bewunderungswürdiger Mann, und sie wird unterschiedliche Dinge vollbringen.«³

Die Forderung nach weiblicher Unterwerfung wird in einigen Konfessionen klar ausgesprochen: »Der Mann ist Führer, und die Frau ist Folgende. Ihre unterwürfige Rolle vermindert ihre Gleichheit als eine Bildnis-Trägerin in keiner Weise. In ihrer Menschlichkeit ist sie gleich. In ihrer Rolle ist sie unterwürfig. Auf diese Weise hält die Bibel Gleichheit und Unterwerfung zusammen.«⁴

Doch auch die in dieser Hinsicht weniger expliziten Strömungen teilen die Gegnerschaft zur Frauenbewegung. Unter dem Stichwort »Familienwerte« wird ein traditionelles Rollenverständnis propagiert, das alternative Lebensentwürfe als dekadente Verirrungen verdammt. Institutionalisiert findet sich dergleichen in einflussreichen Organisationen wie »Concerned Women for America« oder »Focus on the Family«.

Exorzismus

Was bis hierher als vormoderne Irrlehre oder auch als Taschenspielertrick skrupelloser Geschäftemacher durchgehen kann, ist mehr als das. Die Naivität gläubiger Massen lässt sich in politischer Hinsicht gewinnbringender ausnutzen als allein mit teuer bezahlten Hoffnungen auf ein von Gott serviertes Stück vom Kuchen. Der Mainstream des religiösen Irrationalismus liegt auf einer Linie mit den Interessen der reaktionärsten Teile der US-Oligarchie. Dies zieht sich quer durch das gesamte Spektrum politischer Kontroversen.

Ob es um den uneingeschränkten Verbrauch fossiler Brennstoffe, die Förderung des Frackings oder den gewissenlosen Kauf völlig überdimensionierter Autos geht, nichts davon lässt sich wissenschaftlich rechtfertigen. Der christliche Nationalismus liefert demgegenüber ein ganzes Bündel passender Dogmen; »God is in Control« oder »Macht euch die Erde untertan« sind darunter die harmlosesten. Der Glaube an das bevorstehende Weltende, knapp die Hälfte der US-amerikanischen Christinnen und Christen rechnet mit der Wiederkehr Christi innerhalb der nächsten 40 Jahre,⁵ lässt Sorgen über den Wandel des Weltklimas als gegenstandslos erscheinen. Umweltschützerinnen und Umweltschützer gelten als Agenten im Dienst ausländischer Mächte oder gar als Teile eines satanischen Komplotts mit dem Ziel, die »One Nation Under God« zu zerstören.

Das Christentum macht den Kampf gegen Covid-19 überflüssig. Es genügt ein Exorzismus, wie er von Kenneth Copeland durchgeführt wurde: »Ich nenne dich besiegt. Ich nenne dich vergangen. Komm herunter von deinem Platz der Autorität, Zerstörer. (…) Du wirst nicht mehr durch Covid-19 zerstören. Es ist beendet. Es ist vorbei. Und die Vereinigten Staaten von Amerika sind geheilt und wieder gesund, sagt der mächtige Geist, der Frieden genannt wird und der auch der Kriegsfürst ist, der Herr Jesus Christus.«⁶ Diese Worte wurden im März vergangenen Jahres gesprochen.

Die globale Dominanz der USA ist göttlich verbürgt. Wie einst das biblische Israel, so ist »God’s own country« zur Führung bestimmt. Militarismus und permanente imperialistische Expansion sind somit christliche Pflicht. Gegenüber den liberaleren Varianten imperialistischer Herrschaftsideologie hat diese Richtung den Vorteil, keiner weiteren Begründung zu bedürfen. Wer dem religiös untermauerten Auserwähltheitswahn entgegensteht, ist nicht einfach politischer Gegner. Er ist Feind der göttlichen Vorsehung, verschlagen, böse, von Dämonen besessen. Und er bekommt es zu spüren, in Folterlagern, auf den Schlachtfeldern, als Ziel von Putschen und im Fadenkreuz der Drohnenkrieger. Mitleid mit Unterdrückten oder gar Klassensolidarität werden auf diese Weise wirkungsvoll verhindert, Hass und Verachtung in für die Herrschenden unschädliche oder nützliche Bahnen gelenkt.

Steuersünde

Freie Märkte, die Abwesenheit von Sozialstaatlichkeit und die Erhebung minimaler Steuern stellen Kernforderungen einer Agenda dar, die die christliche Rechte ebenso propagiert wie Wirtschaftsliberale oder Libertäre. Die Predigten von der Kanzel basieren auf Lehren, die auf der rechten Seite des wirtschaftswissenschaftlichen Spektrums allgemein anerkannt sind. Sie sind zwar vulgarisiert, inhaltlich aber kaum verändert. Die Überzeugungen reaktionärer Ökonomen wie Friedrich August von Hayek, Milton Friedman oder James M. Buchanan werden zu diesem Zweck in die Sprache der Bibel übersetzt, als dort niedergelegte göttliche Weisheit präsentiert. »Initiative, Industrie und Investition sind drei entscheidende Worte für das ökonomische und theologische Vokabular des Christen. Initiative ist mehr als Aktion. Es ist die Sorte Aktion, die den Unterschied macht. Industrie ist gemeinschaftlich erledigte Arbeit. Investition ist Teil des Respektes für das in der Heiligen Schrift begründete Privateigentum.«⁷

»Big Government« lautet das Schlagwort, mit dessen Hilfe US-amerikanischen Verwaltungen die Einschränkung »ökonomischer Freiheit« und die Verschleuderung von Steuermilliarden vorgeworfen wird. Nicht erst Sozialismus, bereits progressive Einkommensbesteuerung gilt als Sünde wider Gott. In den Worten des einflussreichen calvinistischen Predigers John MacArthur: »Offensichtlich nimmt die Regierung mehr Geld von Leuten, die Geld haben, als sie das jemals in der Vergangenheit getan hat. (…) Das ist die sozialistische Agenda, die sich vor unseren Augen abspielt.«⁸

Müßig zu sagen, dass sich solche Beschwerden nicht auf die Finanzierung von Militärhaushalten, Geheimdiensten oder der Polizei beziehen, sondern auf Bereiche wie Umweltschutz, Gesundheitsversorgung oder die Überreste des ohnehin kargen Wohlfahrtsstaates. Für die Kirchen ergibt sich aus der von ihnen propagierten ultraliberalen Wirtschaftspolitik ein doppelter Gewinn. Zum einen werden ihre reichen Sponsoren finanziell entlastet. Zum anderen treibt sie ihnen die Armen, die durch das Fehlen staatlicher Hilfe auf private Wohltätigkeit angewiesen sind, in die Arme. Wohltätigkeit setzt Wohlverhalten voraus. In der »freien« Gesellschaft gilt Armut als Sünde. Wer auf die Unterstützung durch kirchliche Wohlfahrtsfonds angewiesen ist, ist gehalten, jede Arbeit anzunehmen und sich in jeglicher Hinsicht opportun zu verhalten.

Spur des Geldes

Der christliche Nationalismus ist, glaubt man seinen Selbstdarstellungen, eine Bewegung von »einfachen gläubigen Amerikanern«, die sich gegen abgehobene korrupte »Eliten« zur Wehr setzen. So verbreitet eine solche Sichtweise ist, so verzerrt ist sie. Zwar existiert wie auch in europäischen rechtsextremen Strömungen eine Massenbasis, deren Interessen denen der Oberschichten entgegengesetzt sind. Die tonangebenden Kräfte reaktionärer Bewegungen sind jedoch hier wie dort Fleisch vom Fleische des Blocks an der Macht. Hinter dem christlichen Nationalismus stehen Milliardäre, die Politik im Interesse von Milliardären machen.

In den USA sind Kirchen und andere religiös tätige Organisationen von der Steuerpflicht befreit, müssen über Herkunft und Verwendung ihrer Mittel keinerlei Auskunft geben. Dies gibt reichen Sponsoren die Mittel, ihre Zuwendungen zu verdecken. Dennoch sind einige der größten Geldgeber bekannt. Eine kleine Auswahl:

Charles Koch und sein im vorletzten Jahr verstorbener Bruder David besaßen 2019 laut Forbes-Liste ein gemeinsames Vermögen in Höhe von gut 50 Milliarden Dollar, angelegt unter anderem in Raffinerien und chemischer Industrie. Zu den mehr als 30 bekannten Stiftungen, die die beiden unterstützt haben, zählen das von ihnen mitbegründete Cato Institute und die Heritage Foundation.⁹

Robert Mercer ist Informatiker, Hedgefondsmanager und ebenfalls Multimilliardär. Er bzw. seine Familienstiftung unterstützen unter anderem die Heritage Foundation, Breitbart News oder das Media Research Center.¹⁰

Die milliardenschweren Mitglieder der Green-Familie, tätig im Einzelhandel, gehören zu den umtriebigsten Sponsoren der evangelikalen Rechten. Sie zählen unter anderem zu den Finanziers des fundamentalistischen Bibelmuseums in Washington.¹¹

Betsy De Vos diente, wiewohl Milliardärin, von 2017 bis 2021 als Sekretärin für Bildung im Trump-Kabinett. Sie und ihre Familie fördern seit vielen Jahren Programme zur Etablierung christlicher Privatschulen und von Homeschooling. Ihr Bruder Erik Prince gründete die Söldnerfirma Blackwater (heute Academi). Die Familienstiftung Prince Foundation gilt als bedeutender Geldgeber konservativer Organisationen. Die Princes begründeten und unterstützten unter anderem der abtreibungs- und homosexuellenfeindliche Family Research Council.¹²

Das Bild, wonach »die« US-amerikanischen Medien der evangelikalen bzw. christlich-nationalistischen Bewegung skeptisch bis ablehnend gegenüberstünden, ist ebenfalls korrekturbedürftig. Mit Fox News steht der größte US-amerikanische Nachrichtensender, befindlich im Besitz von Rupert Murdoch, eindeutig hinter der Agenda der religiösen Rechten. Fox News ist nur die Spitze eines riesigen Eisberges konservativer Fernseh- und Radiostationen, die als dichtes Netz das Land überziehen.

Preis des Irrationalismus

Der religiöse Wahn hat Konsequenzen, die die US-Bourgeoisie vor ein schwerlich auflösbares Dilemma stellen. Der für die Aufrechterhaltung des imperialistischen Herrschaftssystems notwendige Irrationalismus gerät in Konflikt mit der Notwendigkeit, dessen technologische Grundlage aufrechtzuerhalten.

Die vorwiegend weltanschaulich motivierte Verschiebung des Bildungssystems in Richtung von religiösen Privatschulen oder gar von Homeschooling mag als Beispiel dienen. Es spült einerseits christlichen Schulanbietern staatliches Geld in die Taschen, führt andererseits zu manifester Verdummung großer Teile der Schülerschaft. Geldgier und pädagogische Inkompetenz der Verantwortlichen sind dabei noch das kleinere Problem, verheerender ist eine bewusst herbeigeführte Senkung des fachlichen Niveaus. Davon sind nicht allein gesellschaftswissenschaftliche Fächer betroffen, im Bereich naturwissenschaftlicher Bildung entstehen ebenfalls gewaltige Lücken. Unter der Prämisse einer Weltschöpfung vor sechs- bis zehntausend Jahren lassen sich große Teile des Schulstoffes nicht vermitteln, weder in Biologie noch in Erdkunde oder Physik.

Glaube, Autorität und Denkverbote treten an die Stelle der Suche nach der Wahrheit. Der Widerspruch zwischen notwendiger Vermittlung intellektueller Fähigkeiten und ideologischer Konditionierung, der jedes bürgerliche Bildungssystem prägt, wird hier zugunsten der letzteren aufgelöst. Dies nicht nur in der Schule. Neben dem christlichen Schulsystem existieren zahlreiche christliche Hochschulen, etwa die Liberty University, die Biola University, das Wheaton College oder das Hillsdale College. Ihre Absolventinnen und Absolventen mögen in Jura oder Musik noch hinreichend qualifiziert sein, für Fächer wie Pharmakologie oder Geologie sind sie unbrauchbar. Letztere Disziplinen werden allerdings benötigt, wenn es um die Entwicklung wirksamer Medikamente oder die Entdeckung von Ölquellen geht. Die Frage, wie eine industrielle Großmacht ihre globale Dominanz verteidigen soll, wenn sie einen Großteil ihrer Bevölkerung vor wissenschaftlicher Bildung abschirmt, bleibt unbeantwortet. Gemessen an der Zahl der Patente und der wissenschaftlichen Publikationen hat die Volksrepublik China die USA bereits überholt.

Nirgends zeigten sich die verheerenden Folgen verbreiteter Wissenschaftsfeindlichkeit klarer als in dem kläglichen Bild, das die Vereinigten Staaten bei der Bekämpfung der Coronapandemie boten. Der evangelikale Bevölkerungsteil war und ist für medizinisch notwendige Maßnahmen nicht erreichbar, setzt statt dessen auf Gebete und Verschwörungsideologien. Nach dem Wechsel im Weißen Haus hat sich daran wenig geändert. Selbst wenn Joseph Biden den Kampf gegen das Virus ernst nimmt, seine Regierung steht gegen Millionen militanter Fundamentalisten, die die offensive Missachtung einfachster Schutzmaßnahmen als Verteidigung ihrer persönlichen Freiheit betrachten. Unterstützt werden sie darin durch Pastoren, konservative Thinktanks und Massenmedien, geschützt durch eine Justiz, die selbst eine vorsichtige Reglementierung religiöser Praktiken als Verstoß gegen das Grundrecht der Religionsfreiheit zurückweist.

Nötiger Widerstand

Den Versuchen, die USA in eine christliche Theokratie zu verwandeln, stehen nicht nur progressive Kräfte entgegen. Große Teile der US-Bourgeoisie leben vom wissenschaftlich-technischen Vorsprung ihres Landes gegenüber der restlichen Welt. Nicht nur in den Naturwissenschaften, auch im geistes- und gesellschaftswissenschaftlichen Bereich gibt es mehr als bloß propagandistische Interessen, bedarf es eines Minimums wirklicher Expertise. Jener andere Teil der Oligarchie, der die Demokratische Partei unterstützt, hat daher ebenfalls gute Gründe für seine Positionierung. Linke Ansätze, Demokratische und Republikanische Partei zu bloß verschiedenen Verpackungen für die gleichen Inhalte zu erklären, übersehen diesen wichtigen Punkt. Natürlich sind beide Parteien, von Minderheitspositionen in ihren Reihen abgesehen, Organisationen des US-Monopolkapitals und vertreten dessen Interessen, im Zweifel mit Gewalt. Die Frage, ob die ökonomische und politische Vorherrschaft vorwiegend mit den Methoden einer liberalen Gesellschaft verteidigt werden soll oder unter Rückgriff auf extreme Formen des Irrationalismus, ist jedoch mehr als bloß taktischer Natur. Der Konflikt zwischen beiden Optionen ist umkämpft; die Balance zu halten zwischen einer hinreichend verdummten und dennoch hochinnovativen Bevölkerung gleicht dem Versuch der Quadratur des Kreises. Je mehr die globale US-amerikanische Dominanz unter Druck gerät, desto schwerer fällt dieser Ausgleich.

Der Ausgang dieser Auseinandersetzung ist offen. Nicht offen ist die Frage, was für US-amerikanische Sozialistinnen und Sozialisten auf dem Spiel steht. Die Aufgabe des Widerstandes gegen den christlichen Nationalismus ist keine Option, sondern Selbstmord. Die fortgesetzte Unterordnung unter das Establishment der demokratischen Partei, so verständlich sie im letzten Wahlkampf gewesen sein mag, läuft auf den Verrat an den Interessen der arbeitenden Klassen und an der internationalen Solidarität hinaus. Zu hoffen bleibt, dass eine Strategie gefunden wird, die beides vermeidet.

Anmerkungen

1 https://www.brainyquote.com/authors/kenneth-copeland-quotes

2 https://www.brainyquote.com/authors/joel-osteen-quotes

3 https://www.desiringgod.org/articles/throw-like-a-girl

4 https://www.thegospelcoalition.org/article/5-evidences-of-complementarian-gender-roles-in-genesis-1-2/

5 https://www.pewforum.org/2013/03/26/us-christians-views-on-the-return-of-christ/

6 https://www.youtube.com/watch?v=OSIrQBGfUtw&feature=emb_logo

7 https://albertmohler.com/2016/10/12/12-theses-christian-understanding-economics

8 https://www.gty.org/library/sermons-library/80-358

9 https://en.wikipedia.org/wiki/Charles_Koch; https://lobbypedia.de/wiki/Charles_G._Koch

10 https://de.wikipedia.org/wiki/Robert_Mercer

11 Katherine Stewart, The Power Worshippers. Inside the Dangerous Rise of Religious Nationalism. London 2020, S. 138 f.

12 https://www.americanprogress.org/issues/default/news/2017/01/23/296947/the-devos-dynasty-a-family-of-extremists/

Marxistische Blätter: »Dem (Neo-)Faschismus auf der Spur« (Heftnummer 4/2021), Neue-Impulse-Verlag, Essen 2021, 148 Seiten, 12,50 Euro, zu beziehen unter neue-impulse-verlag.de

Holger Wendt schrieb an dieser Stelle zuletzt in der Ausgabe vom 19. Oktober 2018 über Marxens »Kapital«.

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  • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart ( 6. Juli 2021 um 10:12 Uhr)
    Der Hoffnung stirbt zuletzt, und die USA hoffen, sie würden nach den Jahren mit Donald Trump wieder geheilt. Sein Nachfolger Joe Biden ist auch von der Einzigartigkeit der USA überzeugt, doch dieser Mythos ist das Problem, nicht die Lösung. Schon Ronald Reagan hatte die Wendung vom hellen Licht in der Dunkelheit der Welt in der Rede zu seiner Amtseinführung benutzt: »Wir werden wieder das Beispiel für Freiheit sein und ein Leuchtfeuer der Hoffnung für die, die keine Freiheit besitzen.« Schön und gut, die USA haben mit dem Implodieren der Sowjetunion Glück gehabt. Aber ständig kann man sich auf auf einen Glücksfall nicht verlassen. Die von Biden vielbeschworene Heilung wird verlässlich scheitern, wenn in ihr das »Leuchtfeuer der Hoffnung« nicht so erstrahlt, dass auch der Rest der Welt diese Vision teilt.

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