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Aus: Ausgabe vom 02.07.2021, Seite 11 / Feuilleton
Film

Chaos in der Finanzwelt

Dokumentation über Fall Wirecard bietet aufschlussreiche Einblicke ins dreckige Business der Skandalfirma aus Aschheim
Von Kristian Stemmler
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Die Finanzwelt: Ein Kosmos, in dem die Unterschiede zwischen legalem Business und organisierter Kriminalität sich zunehmend verwischen (Filmszene)

Der Name Wirecard dürfte den meisten mittlerweile geläufig sein. Auf Zuruf erklären, was die Skandalfirma aus Aschheim bei München konkret »hergestellt« hat und wie sie es angestellt hat, (fast) alle jahrelang an der Nase herumzuführen – das dürfte nur den wenigsten gelingen. Wer das lernen will, der sollte sich die von Sky, RBB und ARD produzierte Dokumentation »Wirecard – Die Milliardenlüge« ansehen, auch wenn das ein paar Euro kostet (im Free-TV läuft die Doku im Herbst/Winter). Auf verständliche und spannende Weise zeigt der 100minütige Streifen, womit Wirecard anfänglich viel Geld verdient hat, wie die Firmenspitze später viel Geld »erfunden« hat und vor allem, wie hartnäckige Zeitgenossen den Betrügern auf die Schliche kamen.

Doch warum flog der Betrug erst so spät auf? Das hat sicher damit zu tun, dass Wirecard nicht Seife oder Autoreifen herstellte, sondern in einem virtuellen Raum unterwegs war. Man wickelte für andere Firmen den elektronischen Zahlungsverkehr im Onlinehandel ab – und das zuerst für Anbieter von Porno­seiten und Onlineglücksspielen. Als das US-Justizministerium 2011 die wichtigsten Glücksspielseiten schloss, hätte das eigentlich das Aus für Wirecard sein müssen, wie es in der Doku heißt. War es aber nicht, denn in Asien zauberte der Sidekick von Vorstandschef Markus Braun, Jan Marsalek, Umsätze aus dem Hut, wie er wollte.

Um die beiden Drahtzieher des Betrugs geht es in der Doku erfreulicherweise kaum. Zu Wort kommen jene Journalisten, Shortseller (Leute die in Bilanzen von Firmen Ungereimtheiten suchen, um an sinkenden Kursen zu verdienen) und Mitarbeiter von Wirecard, die das mafiöse Unternehmen zu Fall gebracht haben. Im Zentrum steht Pavandeep »Pav« Gill, ein indischer Anwalt, der 2017 als Leiter der Rechtsabteilung in Asien angeworben worden war. Pech für Wirecard: Er nahm seinen Auftrag ernst.

Als eine Mitarbeiterin ihm von erfundenen Firmen und gefälschten Rechnungen berichtete, meldete er das – ein wenig naiv – an die Zentrale in Aschheim. Das hatte zur Folge, dass Marsalek ihm die Sache aus der Hand nahm und Gill in Gefahr geriet. Auf eine Dienstreise nach Djakarta wollten die Chefs ihn schicken, wie er in der Doku berichtet. Die habe er aber lieber nicht angetreten, nachdem zwei Kollegen aus München angerufen und abgeraten hatten: Das sei ein »One-Way-Ticket«. Gill brachte aber jede Menge Unterlagen in Sicherheit und spielte sie der britischen Investigativreporterin Clare Rewcastle Brown und Dan McCrum von der Financial Times zu.

Bekanntlich dauerte es auch nach deren Berichterstattung über die Machenschaften bei Wirecard ab Februar 2019 noch über ein Jahr, bis im Sommer 2020 das Lügengebäude zusammenbrach – denn weder die Staatsanwaltschaft München noch die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) wollten der »deutschen Technologiehoffnung« zu Leibe rücken. In der Dokumentation kommentiert die Journalistin Melanie Bergermann von der Wirtschaftswoche, es sei für sie »ein Hammer«, dass so viele Instanzen im Fall Wirecard gleichzeitig versagt hätten.

Die österreichischen Filmemacher Benji und Jono Bergmann führen in einer angenehm unprätentiösen Art und Weise durch den Fall Wirecard und erliegen auch nicht der Versuchung, im Gegensatz etwa zum Spiegel, die Geschichte als unterhaltsames Schurkenstück zu inszenieren. Zum Schluss kommt sogar so etwas wie Systemkritik auf. Es herrsche Chaos in der »obskuren Finanzwelt« sagt Clare Rewcastle Brown in die Kamera, um dann allerdings hinzuzufügen: »Wenn jemand für die Wahrheit eintritt, ändert sich etwas.« So kommt die Dokumentation letzten Endes als eine Art Heldenepos daher, als Hohelied auf die Whistleblower. Aber immerhin bietet sie aufschlussreiche Einblicke in einen Kosmos, in dem sich die Unterschiede zwischen legalem Business und organisierter Kriminalität offenbar zunehmend verwischen.

»Wirecard – Die Milliardenlüge«, Regie: Benji und Jono Bergmann, BRD 2021, 100 Min., bei Sky

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