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Aus: Ausgabe vom 01.07.2021, Seite 8 / Ansichten

Am Abgrund

Abzug aus Afghanistan hinterlässt Trümmer
Von Jörg Kronauer
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US-Militär wütet in Kandahar, Afghanistan (23.7.2010)

Ein Desaster in gewaltigen Dimensionen lässt sie am Hindukusch zurück: die Bundeswehr, die in der Nacht von Dienstag zu Mittwoch ihre letzten Soldaten aus Afghanistan abgezogen hat. Unzählige Todesopfer, Verletzte und Verstümmelte, schwere Zerstörungen, eine traumatisierte Bevölkerung, eine zerrüttete Gesellschaft – das ist das Ergebnis eines verheerenden zwanzigjährigen Krieges, an dem sich Deutschland in einer führenden Position beteiligt hat. Die Taliban, die von US-Jets Ende 2001 in den Untergrund gebombt worden waren, sind in schnellem Tempo auf dem Vormarsch und nähern sich wieder der Macht: Die Niederlage des Westens breitet sich vor den Augen der Weltöffentlichkeit unübersehbar aus. Und während die westlichen Staaten sich die Wunden lecken, taumelt Afghanistan, geschunden von Terror und westlichen Kriegsverbrechen, am Abgrund.

Und nicht nur Afghanistan. Der Abzug aus dem Land ist mehr als einfach ein verlorener Krieg; er könnte sich als ein historischer Einschnitt erweisen. Die westlichen Militärinterventionen haben auch andernorts ganze Regionen ins Elend gestürzt, sie sind de facto gescheitert: In Mali weiten sich nach acht Jahren Krieg Aufstände und dschihadistischer Terror zum Flächenbrand im gesamten Sahel aus. Auch die Proteste aus der Bevölkerung schwellen an; Frankreich hat das Ende seines Kampfeinsatzes angekündigt. Oder Libyen, wo es die NATO-Staaten 2011 mit einem Krieg ohne darauffolgende Okkupation versuchten: Dort herrscht nach dem Waffenstillstand vom Herbst lediglich die Ruhe vor dem nächsten Sturm. Und, aus Sicht westlicher Machtstrategen noch schlimmer: Maßgeblichen Einfluss haben sich dort andere erkämpfen können, die Türkei und Russland, die Vereinigten Arabischen Emirate. Die Ära der klassischen Interventionskriege, in die der Westen mit dem Krieg in Afghanistan startete, hat Katastrophen, aber nicht die gewünschten Erfolge gebracht. Sie hat ihren Zenit wohl überschritten.

Der Abzug aus Afghanistan steht allerdings auch für eine rasante Wende hin zum bewaffneten Großmachtkonflikt. Die Entscheidung der USA, Truppen heimzuholen, war nie Selbstzweck: Sie soll Erleichterung an einer Front schaffen, um mehr Kapazitäten für eine andere freizuhaben, für den alles fordernden Kampf gegen China, das im Begriff ist, die Stellung einer Weltmacht wiederzuerlangen – eine Stellung, die es innehatte, bis die westlichen Kolonialmächte es vor gut 200 Jahren brutal zu unterjochen begannen. Auch die Bundeswehr hat angefangen, ihre Rüstung von Interventionskriegen à la Afghanistan auf Großmachtkonflikte umzustellen; auch die deutschen Soldaten kehren vom Hindukusch heim, um an andere Einsatzorte aufzubrechen, nach Osteuropa – gegen Russland – sowie in Kürze nach Ostasien und ins Südchinesische Meer. Der Frontenwechsel hat auch für Deutschland begonnen. Er kennt keine Atempause; nach dem Krieg ist vor dem Krieg, freilich vor einem Krieg von ganz anderem Kaliber.

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