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Aus: Ausgabe vom 30.06.2021, Seite 15 / Antifa
Rechte Gewalt

Unter Mithilfe der Polizei

Freiburg: Behörde schweigt nach rechter Hetzjagd mit Beteiligung von Beamten knapp eine Woche. Zuvor erfolgte Messerangriff durch AfD-Mann
Von Kristian Stemmler
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»EkelhAfD«: Demonstration gegen die AfD in Freiburg (29.10.2018)

Freiburg im Breisgau ist eine Universitätsstadt mit einem eher linksliberalen Image. Doch es gibt dort auch eine aktive rechte Szene, wie zwei Vorfälle gezeigt haben, die seit Tagen für Debatten in der Stadt und Kritik an der Polizei sorgen. Am späten Nachmittag des 12. Juni hatte erst ein AfD-Lokalpolitiker und Protagonist der »Querdenker«-Szene im Quartier Unterwiehr einen Frührentner mit einem Messer angegriffen und verletzt. Kurz danach hatte – offenbar ohne dass ein Zusammenhang zwischen den Vorfällen bestand – im Stadtteil Stühlinger eine Gruppe von fünf Personen mit Rufen wie »Ausländer raus!« den lettischen Antifaaktivisten Sandor B. durch die Stadt gejagt. Wie die Polizei gegenüber jW am Montag bestätigte, waren unter den Angreifern zwei Polizeibeamte.

Die Autonome Antifa Freiburg (AAF) hat den Ablauf der Hetzjagd auf ihrer Homepage dokumentiert. Demnach war B. auf dem Heimweg, als er fünf Männern begegnete, denen er mit seinem Irokesenhaarschnitt und Nasenpiercing offenbar nicht »deutsch genug« aussah. Aus der Gruppe heraus wurde »Ausländer raus!« gerufen. Die Gruppe verfolgte den Letten etwa eine halbe Stunde lang, er wurde als »Schwuchtel« beleidigt, einer der Täter bedrohte ihn mehrfach mit dem Satz: »Ich erschieße dich!« Mit den fünf Angreifern verbündete sich eine Gruppe von etwa ebenso vielen Männern, so dass Sandor B. schließlich von etwa einem Dutzend Personen verfolgt wurde. Er sprach viele Passanten an, doch keiner half ihm, wie der Lette gegenüber Zeit online berichtete. B. konnte sich schließlich in eine Tankstelle retten.

Kurz vor der Hetzjagd war es zu dem Messerangriff durch den AfD-Lokalpolitiker gekommen. Zwei junge Linke hatten ihn auf der Straße erkannt und als »Faschisten« beschimpft. Der Mann zückte daraufhin sein Handy, verfolgte die beiden und filmte sie. Als die Jugendlichen ihre Hände vor die Handykamera hielten, besprühte der AfD-Mann sie mit Pfefferspray. Der Frührentner Wolfgang P. bot den Aktivisten Hilfe an und stellte sich dem Angreifer in den Weg. Dieser zog daraufhin ein Messer und fügte P. eine Schnittverletzung zu.

Viel Kritik gab es an der Pressearbeit der Polizei in beiden Fällen. Erst sechs Tage nach der Hetzjagd auf den Letten brachte die Freiburger Behörde dazu eine Pressemitteilung, in der nur von »einer Streitigkeit zwischen mehreren Personen« die Rede ist. Der rassistische Kontext wird nicht erwähnt, allerdings die Beteiligung eines Polizisten eingeräumt. Am Donnerstag erklärte die Behörde, »Art und Umfang der Beteiligung des Polizeibeamten« an den Straftaten bildeten einen »Schwerpunkt der Ermittlungen«. Als gesichert erscheine, dass er »Ausländer raus!« gerufen habe. Am Montag berichtete Radio Dreyeckland, es sei noch ein weiterer Polizist unter den Angreifern gewesen.

Martin Lamprecht, Pressesprecher der Freiburger Polizei, bestätigte den Bericht am Montag gegenüber jW. Gegen den Beamten lägen »keine Verdachtsmomente« vor. Die Kritik an der Polizei wies Lamprecht zurück. »Wir sind ein neutrales, weltoffenes, tolerantes Präsidium mit einer transparenten, offenen Fehlerkultur«, erklärte er. »Offensichtliches Fehlverhalten« werde nicht geduldet. In der Pressearbeit halte man nichts zurück.

Im Fall der Messerattacke warf die AAF der Polizei gegenüber jW am Montag vor, dass sie noch zwei Tage nach der Tat die Sichtweise des AfD-Mannes übernommen und ihn als Opfer dargestellt habe. Zudem habe sie trotz Kenntnis des Arztberichts nur von einer »leichten Verletzung« des Opfers berichtet. Tatsächlich habe der Helfer eine vier Zentimeter lange Schnittwunde unter der Brust davongetragen, die mit neun Stichen genäht werden musste. »Die Polizei am Tatort war eine Katastrophe«, so die AAF. Der AfD-Mann habe der Begleiterin von Wolfgang P. aus nächster Nähe Pfefferspray ins Gesicht gesprüht. Dem »mutigen Ersthelfer« sei später eröffnet worden, gegen ihn werde wegen Beleidigung, Bedrohung und versuchter Körperverletzung ermittelt. »Die Freiburger Polizei war in diesem Fall Freund und Helfer des Nazis«, erklärte die AAF.

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