3 Monate junge Welt für 62 €
Gegründet 1947 Mittwoch, 22. September 2021, Nr. 220
Die junge Welt wird von 2582 GenossInnen herausgegeben
3 Monate junge Welt für 62 € 3 Monate junge Welt für 62 €
3 Monate junge Welt für 62 €
Aus: Ausgabe vom 30.06.2021, Seite 7 / Ausland
Gewalt an Indigenen

Brennende Kirchen

Nach neuem Fund von Massengräbern Indigener: Wut unter Kanadas First Nations wächst
Von Jürgen Heiser
Canada_Church_Fires_69904915.jpg
Deutliches Zeichen: Eine von mehreren Kirchen in British Columbia, die vollständig abbrannten (Penticton, 21.6.2021)

In Kanada sind mehrere Kirchen in Gebieten der First Nations in Flammen aufgegangen, nachdem erneut anonyme Massengräber indigener Kinder entdeckt worden waren. Am Sonnabend brannten die katholischen Kirchen St. Ann in Upper Similkameen und die Chopaka-Kirche in Lower Similkameen in der kanadischen Provinz British Columbia. Verletzt wurde niemand, die Polizei nahm Ermittlungen wegen Brandstiftung auf. Laut der BBC seien Spuren eines Brandbeschleunigers gefunden worden.

Zuletzt waren in der südwestlichen Provinz Saskatchewan vor einer Woche in einem ehemaligen sogenannten Internat für Kinder der First Nations mindestens 751 nicht gekennzeichnete Gräber gefunden worden. Die Grabstätte liegt in unmittelbarer Nähe des Geländes der Marieval Indian Residential School. Die Schule war von 1899 bis 1997 nahe Regina, der Hauptstadt Saskatchewans, in Betrieb. Am vergangenen Donnerstag erklärte Cadmus Delorme, Vorsitzender der Cowessess First Nation, auf einer Pressekonferenz, Kanada müsse Ignoranz und Rassismus ablegen. Die zeigten sich im Verschweigen der Wahrheit über die Geschichte der indigenen Völker Kanadas. »Wir bitten nicht um Mitleid, aber wir bitten um Verständnis«, sagte Delorme. »Nicht wir waren es, die jene Grabsteine verschwinden ließen.« Für die Cowessess First Nation sei die Fundstelle »ein Tatort«.

Laut einer Mitteilung des Bundes souveräner indigener Nationen (FSIN) ist das Massengrab die bislang größte Fundstelle »nichtmarkierter Gräber« in Kanada. Die FSIN repräsentiert 74 First Nations der Provinz Saskatchewan. Die notwendigen Ermittlungen über die namenlosen Opfer seien angelaufen. Man erwarte noch mehr dieser Funde im ganzen Land.

Das äußerlich nicht erkennbare Gräberfeld wurde nur wenige Wochen nach der Entdeckung der sterblichen Überreste von 215 indigenen Kindern auf dem Gelände der 1978 geschlossenen Kamloops Residential School in der kanadischen Provinz British Columbia gefunden (siehe jW-Schwerpunkt vom 10.6.2021). Unmittelbar danach vermeldete am 4. Juni ein von der Sioux Valley Dakota Nation und der Simon Fraser University in Burnaby, British Columbia, gegründetes Untersuchungsteam, es habe am ehemaligen Standort der Brandon Indian Residential School in Manitoba »104 potentielle Gräber lokalisiert, von denen 78 durch historische Aufzeichnungen nachweisbar« seien.

Nach vagen Schätzungen waren im britischen Commonwealth-Staat Kanada etwa 150.000 Kinder und Jugendliche der indigenen First Nations zwangsweise in Internaten untergebracht, die nach dem Vorbild von US-Einrichtungen mit identischer Zielrichtung seit dem 19. Jahrhundert von der kanadischen Regierung finanziert und von der katholischen Kirche betrieben wurden. Die Kinder wurden ihren Familien entrissen und auf Dauer in diese Schulen gesteckt, um sie der Mehrheitsgesellschaft anzupassen. Im Prozess der Umerziehung kam es zu massenhafter Vernachlässigung, zu Missbrauch und Mord. Die auf Drängen der First Nations initiierte »Wahrheits- und Versöhnungskommission« der Regierung kam 2015 nach eingehenden Untersuchungen zu dem Schluss, dass diese Internate einen »kulturellen Völkermord« begingen, indem sie den indigenen »Zöglingen« Muttersprache und Brauchtum verboten, um sie zu »guten christlichen Kanadiern« zu machen.

Nachdem die Kette der immer neuen Fundstellen mit Skeletten ermordeter oder durch Misshandlungen, Krankheiten und Unterernährung umgekommener Minderjähriger nicht abreißt, wächst der öffentliche Druck, die katholische Kirche für ihre Greueltaten zur Rechenschaft zu ziehen. Zudem sollen Denkmäler kanadischer Politiker oder Militärs entfernt werden, die am Völkermord an den Ureinwohnern beteiligt waren.

Aktionsabo »Marx für alle« für drei Monate

Die Bundesregierung und der deutsche Inlandsgeheimdienst wollen der Tageszeitung junge Welt den »Nährboden entziehen« unter anderem wegen ihrer marxistischen Weltanschauung. Mit unserem Aktionsabo  »Marx für alle« möchten wir möglichst vielen Menschen diese wissenschaftliche Sichtweise nahebringen und 1.000 Abos für die Pressefreiheit sammeln.

Das Abo kostet 62 Euro statt 126,80 Euro und endet nach drei Monaten automatisch.

Zur neuen Leserbrieffunktion auf jungewelt.de

  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Manfred G. aus 22767 Hamburg (30. Juni 2021 um 19:49 Uhr)
    Wie recht Wilhelm Reich mit seiner Analyse »Massenpsychologie des Faschismus« hat, in der er die (katholische) Religion und Kirche als Beschützer, Bewunderer und Wurzel des Faschismus bezeichnet. Die Kirche setzt das fort, was in den ersten vier bis fünf Lebensjahren in den autoritären Familien stattfindet: sexuelle Unterdrückung und Unterwerfung. Die Kirche ist ein Ort der Denkhemmung und Kritikunfähigkeit. Sie hat ein Interesse an Menschen, die sich der autoritären Ordnung anpassen. Die Mitarbeiter der Kirche sind angepasste Kritikunfähige, sexuell gehemmte, ängstliche, autoritätsfürchtige und gehorsame Menschen mit Hang zum Faschismus. Die Charakteranalyse von Wilhelm Reich trifft hier voll zu: »Der Faschismus (ist) der extreme Ausdruck des religiösen Mystizismus. Als solcher tritt er in sozialer Gestalt auf. Der Faschismus stützt diejenige Religiosität, die aus der sexuellen Perversion stammt (sexuelle Unterdrückung), und er verwandelt den masochistischen Charakter der Leidensreligion des alten Patriarchats in eine sadistische Religion.«
    Manni Guerth

Ähnliche:

  • Das »Indianerinternat« Chooutla Indian Residential School in Car...
    10.06.2021

    Brutale Umerziehung

    Fund von Massengrab indigener Kinder in Kanada bezeugt Unterdrückung und Auslöschung der First Nations beiderseits der kolonialen Grenze
  • Einfach nur Trauer: Mutter und Tochter auf einer Demonstration n...
    10.06.2021

    Aufarbeitung gefordert

    Petition des Lakota People’s Law Project in den USA zur Errichtung einer »Wahrheits- und Heilungskommission«

Regio:

Mehr aus: Ausland

Nur noch bis 26. September: 3 Monate Tageszeitung junge Welt lesen für 62 €. Jetzt bestellen!