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Aus: Ausgabe vom 29.06.2021, Seite 15 / Betrieb & Gewerkschaft
Arbeitsniederlegung

Protestwelle nach Tötung

Italien: Gewerkschafter von Si Cobas während Streiks im Logistiksektor überfahren
Von Gerhard Feldbauer
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Wut und Trauer bei Kolleginnen und Kollegen des getöteten Gewerkschafters Adil Belakhdim (Rom, 19.6.2021)

Die Tötung des Arbeiters und Funktionärs der Basisgewerkschaft Si Cobas, Adil Belakhdim, am Sonnabend vor einer Woche während des Ausstandes im Logistiksektor durch einen Streikbrecher löste in Italien eine Protestwelle aus. In Rom zogen am Sonntag voriger Woche mehr als 3.000 Menschen durch die Straßen und machten auf Plakaten und in Sprechchören das »kriminelle Ausbeutungssystem« der Regierung um den Ex-EZB-Chef Mario Draghi für den Tod des Gewerkschafters verantwortlich. An der Demonstrationsspitze von Arbeitern, Gewerkschaftern, Kommunisten und verschiedenen Linken ging Giuliano Granato von der Leitung der Linkspartei Potere al Popolo (Die Macht dem Volke), der zur Regionalwahl in Kampanien kandidiert hatte. Proteste gab es gleichfalls in weiteren Städten.

Adil Belakhdim war Koordinator der Si Cobas der Provinz Novara und gehörte zu den Logistikern, die zur Unterstützung des Streiks der Beschäftigten der Fluggesellschaft Alitalia 24 Stunden die Arbeit niederlegten. In Biandrate, 65 Kilometer westlich von Mailand, bestreikte er mit weiteren Kollegen die Zufahrt zu einem Supermarkt und Logistikzentrum der deutschen Lidl-Kette. Ein vom Unternehmen angeheuerter Streikbrecher, der für einen externen Lidl-Lieferanten arbeitete, durchbrach mit seinem Lkw die Streikkette und überfuhr Belakhdim. Der 37jährige Arbeiter marokkanischer Herkunft, der eine erwerbslose Lebensgefährtin und zwei Kinder hinterläßt, erlag im Krankenhaus seinen schweren Verletzungen. Zwei weitere streikende Arbeiter mussten ebenfalls verletzt ins Krankenhaus eingeliefert werden. Der Lkw-Fahrer flüchtete, wurde von den Carabinieri gestellt und wegen »Straßenmordes«, unterlassener Rettung und Widerstand gegen zwei Beamte festgenommen, meldete die staatliche Nachrichtenagentur ANSA.

In Biandrate setzten die Arbeiter den Streik fort und protestierten mit Mahnwachen vor dem Lidl-Markt. Luisa Salvatori, die linke parteilose Bürgermeisterin der Gemeinde Vizzolo Predabissi, in der Adil Belakhdim wohnte, würdigte »sein Engagement und seine Hartnäckigkeit im Einsatz für seine Kollegen« und versicherte seiner Familie Solidarität. »Adil wird in unseren Herzen sein«, zitierte das linke Blatt Manifesto sie am vergangenen Montag.

In dem Logistikzentrum von Lidl werden insgesamt 300 Arbeiter beschäftigt, davon sind 170 Migranten, hauptsächlich aus Nordafrika. In den Obst- und Gemüseabteilungen werden sie zu schwersten Aufgaben eingesetzt und müssen stündlich 180 bis 200 Pakete mit einem Gewicht bis 23 Kilo transportieren, berichtete Manifesto.

Der von den drei großen Gewerkschaften CGIL, CISL und UIL sowie der UGL-Luftverkehr organisierte Ausstand wurde von den Basisgewerkschaften USB, Si Cobas, Adl Cobas und Cub durch die 24stündige Arbeitsniederlegung unterstützt. Dass damit die Beschäftigten aller in Italien ansässigen ausländischen Fluggesellschaften, Flughafenmanagement-, Abfertigungs- und Cateringunternehmen sowie alle prekär beschäftigten Saisonkräfte der Branche sich an den Streiks beteiligten, gab der Kampfaktion eine besondere Schlagkraft. Eine seit langem nicht gekannte gewerkschaftliche Einheitsaktion in der stark fragmentierten Logistikbranche. Ein Grund, warum die Gegenseite unter anderem versuchte, die proletarische Mobilisierung mittels organisierten Streikbruchs zu beenden.

Dass die Streikenden die Verantwortung des Kapitalverbands Confindustria und der Draghi-Regierung für die rapide wachsende Armut und Verelendung aufzeigten, prägte den politischen Charakter des Ausstands. »Es ist ein System der brutalen und räuberischen Ausbeutung, das auf die legitimen Forderungen von Arbeitern mit der Gewalt von Entlassungen, Verfolgungen und schwarzen Listen für Aktivisten, mit direkter körperlicher Aggression durch gedungene Schlägerbanden und sogar mit Mord reagiert«, schrieb das kommunistische Onlineportal Contropiano, das das rücksichtslose Überfahren des Arbeiters einen »brutalen Mord« nannte.

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