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Aus: Ausgabe vom 28.06.2021, Seite 8 / Kapital & Arbeit
Ausbeuterische Lieferketten

»Coronaprofite müssen bei den Menschen ankommen«

Stark steigende Gewinne bei Supermarktketten. Arbeiterinnen und Arbeiter im globalen Süden weiter ausgebeutet. Ein Gespräch mit Tim Zahn
Interview: Gitta Düperthal
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Auf Teeplantagen Indiens: Arbeiterinnen pflücken und placken für Brosamen

Die aktuelle Studie von Oxfam mit dem Titel »Pandemieprofiteure und Virusverliererinnen« schildert, wie die Vermögen deutscher Supermärkte im Coronajahr 2020 um bis zu 30 Prozent anwuchsen. Arbeiterinnen und Arbeiter in den globalen Lieferketten schufteten trotzdem für Hungerlöhne. Wie funktioniert diese Ausbeutung?

Genug Geld ist vorhanden, Profite sind aber völlig ungleich verteilt. Der Löwenanteil dessen, was Konsumenten für die Waren zahlen, bleibt bei den Supermarktketten hängen. Arbeiterinnen und Arbeiter, die diese herstellen, erhalten einen so minimalen Bruchteil davon, dass sie von den Löhnen kein würdiges Leben führen können. Nach unseren Recherchen stiegen während der Pandemie die Umsätze von Discountern wie Lidl und Aldi um knapp neun Prozent, bei klassischen Supermärkten wie Rewe und Edeka um knapp 17 Prozent. Die Vermögen der Eigentümer stiegen; das von Beate Heister und Karl Albrecht junior, Haupteigentümer von Aldi Süd, wuchs von knapp 18 auf fast 25 Milliarden Euro. Von solchen Zuwächsen hätte man fast vier Millionen Arbeiterinnen und Arbeitern im brasilianischen Kaffeesektor einen existenzsichernden Lohn zahlen können. Die Coronaprofite aus den Kassen der Supermärkte müssen bei den Menschen ankommen, die die Produkte herstellen.

Sie haben seit Ende 2020 in Brasilien, Indien, Südafrika und Thailand für ihren Bericht recherchiert – weshalb dort?

Aufgrund der guten Beziehungen mit Partnerorganisationen konnten wir die mitunter sensiblen Recherchen in diesen Ländern durchführen, die für den Weltmarkt produzieren. Wein aus Südafrika, Fisch und Meeresfrüchte aus Thailand, Tee aus dem Bundesstaat Assam in Indien: All dies landet in Deutschland. In Brasilien konnten wir Verbindungen zu den deutschen Supermarktketten belegen. Im Bundesstaat Minas Gerais gibt es eine Spanne von 40 Prozent zwischen gezahlten und existenzsichernden Löhnen.

Im Bericht ist dabei die Rede von »moderner Sklavenarbeit«.

Die moderne Sklaverei ist ein Sammelbegriff, der nach der Definition der UNO verschiedene Formen der Ausbeutung beinhaltet. Ein Beispiel ist Zwangsarbeit, ein anderes die sogenannte Schuldknechtschaft, bei der Arbeiterinnen und Arbeiter für ihren Job bezahlen müssen. Im Kaffeesektor in Brasilien mussten sie für Werkzeuge und Schutzkleidung zahlen, verschuldeten sich bei ihrem Arbeitgeber, konnten ihren Job deshalb nicht mehr freiwillig beenden. Unternehmen, die dies praktizieren, landen dort auf einer »Lista suja«, einer »schmutzigen Liste«. Sie haben extrem lange Arbeitszeiten, niedrige Löhne, unmenschliche Hygienebedingungen und Unterkünfte, in denen Menschen etwa in unmittelbare Nähe gefährlicher Chemikalien geraten.

Welche Rolle spielt die Pandemie dabei?

Schon zuvor waren die Arbeitsbedingungen oft mies. Weltweit betrifft es vor allem Frauen. Durch konkrete Coronaausbrüche verloren sie ihre Jobs oder es war ihnen durch zusätzliche Carearbeit nicht mehr möglich, einer Lohnarbeit nachzugehen. In Thailand berichteten etwa 30 Prozent der in der Fisch- und Meeresfrüchteindustrie Beschäftigten vom Verlust ihres Einkommens. Häufig kamen sie aus Myanmar, hatten ihre Familien dort mitversorgt. Staatliche Unterstützung gibt es für sie nicht, zugleich aber in Deutschland den Gewinnboom. Eine schreiende Ungerechtigkeit!

Sie fordern die Bundesregierung auf, das kürzlich verabschiedete Lieferkettengesetz zu schärfen – wie?

Das Gesetz regelt nur, dass sich die Supermärkte um ihre direkten Zulieferer kümmern müssen; im Fall der Kaffeelieferanten also nur um Röstereien in Deutschland. Menschenrechtsverletzungen gibt es aber auf Plantagen in Brasilien. Unternehmen müssen auch nur dann tätig werden, wenn sie Kenntnis davon haben. Also müssen Organisationen wie Oxfam die Missstände erst aufdecken. Geschädigten aus anderen Ländern ist es nicht möglich, Unternehmen vor deutschen Gerichten zu verklagen. Das Gesetz gilt nur für Großbetriebe, zunächst ab 3.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Solch eklatante Schwachstellen gilt es zu regeln, damit das Gesetz Zähne bekommt.

Tim Zahn ist politischer Referent für Menschenrechte und globale Lieferketten in der Wirtschaft bei Oxfam Deutschland

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