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Aus: Ausgabe vom 28.06.2021, Seite 7 / Ausland
Türkische Expansion

Bomben auf Südkurdistan

Türkische Offensive gegen Guerilla geht in den dritten Monat. Luftraum wird von NATO offengehalten, Bevölkerung soll gegen Söldner ausgetauscht werden
Von Nick Brauns
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Die kurdische Guerilla stellt sich Ankaras Expansionspolitik im Norden Iraks entgegen (Sindschar, 23.4.2016)

Weitgehend unbemerkt von der internationalen Öffentlichkeit ist die grenzüberschreitende Offensive der türkischen Armee in der Kurdistan-Region des Irak bereits in den dritten Monat gegangen. Am Wochenende bombardierten türkische Kampfflugzeuge erstmals Dörfer in der Ninive-Ebene sowie den Berg Beikheir in der Provinz Dohuk. Dort leben insbesondere Angehörige der jesidischen Glaubensgemeinschaft.

Die Großoffensive gegen Rückzugs- und Transiträume der Guerilla der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) in den Regionen Avasin, Metina und Zap hatte am 24. April begonnen. Trotz technologischer Überlegenheit habe die türkische Armee aufgrund des Widerstandes der in halbautonomer Kleingruppentaktik aus unterirdischen Stellungen heraus operierenden Guerilla nicht vorrücken und alle ihre Vorhaben umsetzten können, zogen die Volksverteidigungskräfte HPG in einer Ende vergangener Woche vorgelegten Zweimonatsbilanz ein positives Fazit. Mehr als 60mal habe die Armee versucht, in die Tunnelsysteme der Guerilla einzudringen, 17mal seien dabei völkerrechtlich geächtete chemische Kampfstoffe zum Einsatz gekommen. Ihre eigenen Verluste bezifferten die HPG mit 54 gefallenen Guerillakämpfern, die der türkischen Armee mit 389 getöteten Soldaten. Nachprüfen lassen sich diese Angaben nicht. Die türkische Armee verheimlicht seit Jahren ihre wahren Verluste im Kampf gegen die PKK.

Während die Türkei ihre kurzfristigen Besatzungsziele in Südkurdistan bislang nicht erreichen konnte, zielt die längerfristige Strategie darauf, die Bewohner grenznaher Dörfer durch Bombardements zu vertreiben, bei denen Anbaugebiete zerstört und Viehherden getötet werden. So soll die Guerilla isoliert werden. Anstelle der vertriebenen kurdischen und assyrischen Bauern sollen dschihadistische Kämpfer aus Syrien mit ihren Familien in einer Besatzungszone angesiedelt werden. Einige islamistische Söldner seien bereits im Kampfgebiet gesichtet und tausend weitere in der osttürkischen Provinz Sirnak stationiert worden, meldete die kurdische Nachrichtenagentur ANF.

Die türkische Offensive erfolge mit Unterstützung der NATO, die den Luftraum über dem Nordirak offenhalte, schreibt Mako Qocgiri vom kurdischen Zentrum für Öffentlichkeitsarbeit Civaka Azad in Berlin in einer aktuellen von ANF veröffentlichten Analyse. Damit verfolge die NATO einerseits das Ziel einer Schwächung der PKK als demokratischer Alternative zur NATO-Dominanz in der Region. Zudem sei es dem Kriegsbündnis im Rahmen seiner Neuordnungspläne für den Mittleren Osten daran gelegen, mit Hilfe der Türkei die soziale, kulturelle und politische Krise in der Region weiter zu verstärken, um sich später als rettende, ordnende Kraft präsentieren zu können.

Insbesondere setzt Ankara derzeit auf die Kollaboration des durch Ölgeschäfte eng mit der Türkei verbundenen Barsani-Klans, der die in Erbil regierende konservative Demokratische Partei Kurdistans (KDP) führt. Mit Hilfe der Peschmerga der KDP sollen die Nachschubwege der Guerilla ins Landesinnere und zu ihrem Hauptquartier im Kandilgebirge abgeschnitten werden. Die Intention der türkischen Militärstrategen ist es, auf diese Weise den Guerillawiderstand längerfristig ausbluten zu lassen. Die größte Bedrohung für die Guerilla gehe derzeit von der Umzingelung ihrer Gebiete durch Peschmerga der KDP aus, warnte in der vergangenen Woche die Jesidin Sozdar Avesta vom Präsidialrat des Dachverbandes »Union der Gemeinschaften Kurdistans«.

Die Kollaboration der KDP mit den türkischen Besatzungstruppen stößt bei anderen Parteien in der Kurdistan-Region auf Ablehnung. »Wir beteiligen uns an keinem Bruderkrieg. Die Krise muss im Dialog gelöst werden«, versicherte der Kovorsitzende der Patriotischen Union Kurdistans (PUK), Lahur Talabani, in der vergangenen Woche. Die PUK stellt die zweitstärkste Fraktion im kurdischen Parlament. Auch bei vielen Peschmerga, die oft monatelang auf ihren Sold warten müssen, scheint die Bereitschaft zum Kampf gegen die Guerilla gering. So legten 180 Peschmerga in einem Ausbildungslager in Dohuk nach Informationen von ANF Mitte des Monats die Waffen nieder, weil sie sich nicht an einem innerkurdischen Krieg beteiligen wollten.

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