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Aus: Ausgabe vom 26.06.2021, Seite 8 (Beilage) / Wochenendbeilage

Zungen der Verleumder

Von Maxi Wunder

»Ha, stell dir vor, Maxi, ich hab’ letztens wen getroffen, der meinte, Maxi Wunder kann gar nicht kochen!« Wie ich das hasse, wenn Roswitha ihre »Ätschibätschi«-Laune an mir ab­reagiert. »Wer denn?« frage ich so gelassen wie möglich. »Kenn’ ich nicht. Aber der war in Begleitung. Und alle haben gelacht!«

Ach, haben sie das? Dann will ich ihre Freude vollkommen machen mit einem Spezialrezept aus Frankreich:

»Erst mach’ man stinkend faules Wasser heiß, verkoch’ darin ’nen halb verwesten Köter mit Pisse, Krüppelkrätze, Nuttenschweiß, gelöschtem Kalk, Arsenik und Salpeter. Zwei Prisen gelben Schwefels rührt man später rein, damit die Brühe kräftig mieft, ein Fötzchen, das von frischem Tripper trieft, recht fein gehackt, mit Fuchs und Dachsengalle. Und wenn dann dieser Sud schön sämig sieft, leg’ man hinein die Zungen der Verleumder – alle!

Den Ausfluss einer geilen kranken Geiß rühr’ man hinzu und dampfend etwas später zwei volle Kübel siedend heißen Bleis. Hernach mit fetten Maden übersäter, von Grind und Schimmel würzig aufgeblähter Latrinenkot vom nächsten Armenstift. Der werde kalt und gut verrührt hineingehievt durchs offne Spundloch einer alten Schnalle. Und wo sich Ekel, Dreck und Scheiße trifft, leg’ man hinein die Zungen der Verleumder – alle!

Die schöne Farb’ erst bringt der Speis’ den Preis, ein Maler sei der Koch drum, ein Poet er, und färb’ die Suppe gelblich, grün und weiß mit Rotz und Schleim und Spucke. Oder röter, mit faulem Weiberblute, das diskreterweise er nur bei einer Nonne trifft, wenn sie frühmorgens in die Tonne schifft. Mit fein geriebner Brut der grauen Qualle salzt man den Sud. Und in den Topf voll Gift leg’ man hinein die Zungen der Verleumder – alle!

Die faule Soße wird durchs Geviert einer verschissnen Hose durchpassiert, mit Saudreck abgeschmeckt vom Schweinestalle, und hat man’s brodelnd, dampfend, umgerührt, siede man drin die Zungen der Verleumder – alle!«

(aus: »Das große Testament« von François Villon, übersetzt von Ernst Stankovski, verfeinert von Maxi Wunder)

Rossi ist etwas blass geworden. »Zungen der Verleumder …? Seit wann denn so empfindlich?« Um genau zu sein: seit 1431. Da wurde der Autor dieser Verse in Paris als armer Leute Kind geboren. Seine Zeitgenossen schockierte Villon vor allem mit satirischen Attacken auf damalige Pariser Honoratioren, insbesondere den Bischof.

Erst Anfang des 20. Jahrhunderts setzte sich Villon im deutschsprachigen Raum durch. 1907 übertrug der österreichische Offizier und spätere Verlagsleiter K. L. Ammer (1879–1959) seine Werke aus dem Mittelfranzösischen ins Deutsche. Bert Brecht verwendete 1928 einige der Übersetzungen für seine Dreigroschenoper. Drei Jahre später veröffentlichte der expressionistische Autor Paul Zech Nachdichtungen der Balladen Villons: »Die Balladen und lasterhaften Lieder des Herrn François Villon«. Brecht und Zech liegen heute in Berlin, Brecht auf dem Dorotheenstädtischen, Zech auf dem Künstlerfriedhof in Friedenau. Villon hat kein Grab. Er wurde 1463 zum Tode verurteilt, danach begnadigt, seither ist er verschollen.

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