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Aus: Ausgabe vom 26.06.2021, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage

Wann schreibt man dringend welche Welt?

Ein, zwei Voraussetzungen, um einen Tisch umzuschmeißen
Von Dietmar Dath
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Will man gemeinsam politisch handeln, muss man sich darauf einigen, in welcher Welt man das tut

Der folgende Text ist dem Buch »Literatur im politischen Kampf« entnommen und redaktionell erheblich gekürzt. Der soeben im Verbrecher-Verlag erschienene Band dokumentiert die Beiträge des Münchner Symposiums »Richtige Literatur im Falschen V« (19. bis 21.9.2019). Wir danken Verlag und Autor für die freundliche Genehmigung zum Vorabdruck. (jW)

Im November wird der kommerziell erfolgreichste Schriftsteller der Welt sterben. Krank ist er schon eine Weile, aber seine Arbeitsenergie, die politische und die künstlerische, verlassen ihn nicht. Im März, wenige Monate vor seinem Tod, bringt er sein Verhältnis zur Welt noch einmal ganz grundsätzlich in Ordnung. Dieses Verhältnis ist ein politisches. Um das zu bekräftigen, tritt er aus der sozialistischen Partei aus. Das tut er nicht als Schwenk nach rechts, das tut er nicht, um mit den Schultern zu zucken und die sozialistischen Brocken hinzuschmeißen, das tut er nicht, um dem Sozialismus den Rücken zu kehren oder sich bei irgendwelchen Mächtigen und Besitzenden einzuschleimen, die ja teils, genau wie Ärmere und Machtlose, zu seinem Publikum gehören und ihm vielleicht irgendwann mal mehr als Aufmerksamkeit gewähren könnten, nämlich etwa Patronage oder einen Platz an dem hübschen Tisch, wo die Schönen, Reichen, Erfolgreichen und Mächtigen plaudern, womöglich über seine Bücher. In einem seiner besten Bücher, einem autobiographischen Roman, sitzt er, das heißt, die Figur, die für ihn steht, an diesem Tisch und macht sich dort unbeliebt, ohne es darauf anzulegen, einfach, indem er redet, wie er immer geredet und geschrieben hat, einfach, indem er der ist, den er aus sich gemacht hat, als Autodidakt, der mit körperlicher Arbeit gut bekannt war und mit der Bildung und den Manieren der Schönen, Reichen, Erfolgreichen und Mächtigen weniger gut. Man kann sich sehr leicht vorstellen, dass die Szene wirklich so stattgefunden hat.

Ich habe vor einer Weile in Venedig eine Verfilmung dieses Romans gesehen. Dort spielt die Szene auf einem anderen Kontinent und in einer anderen Zeit als im Buch; die Leute am Tisch sprechen Italienisch statt, wie im Buch, Englisch, und trotzdem ist alles schlüssig, stimmig, man kann sich genausogut vorstellen, dass sie in Italien stattgefunden hat, Jahrzehnte nach ihrem Urbild in der Wirklichkeit und dessen Abbild im Roman. Denn obwohl soziale und politische Verhältnisse zwischen Menschen konkret immer in geschichtliche Rahmen gespannt sind, lassen sich offenbar manche ihrer Elemente als Variablen behandeln, die man gegen andere so austauschen kann, dass die dynamische, funktionale Struktur, die man meint, erhalten bleibt, im Sinne von: wiedererkennbar ist, weil andere Elemente solcher sozialen und politischen Verhältnisse sie halten, stabilisieren, die keine Variablen sind, sondern Invarianten, also Sachen, die man sowohl aus dem Leben auf dem amerikanischen Kontinent vor mehr als 100 Jahren kennen kann wie aus dem Leben in Italien vor 50 oder 40 oder 30 Jahren, wie aus dem Leben hier und jetzt in Deutschland, nämlich zum Beispiel, dass es einen Tisch gibt, an dem die Schönen, Reichen, Erfolgreichen und Mächtigen plaudern, und Kunstschaffende, die manchmal an diesen Tisch gelassen werden und sich dann manchmal unbeliebt machen und manchmal einschleimen.

Manchmal wird der Tisch umgeschmissen, dann muss man die Maßgaben zwischen den Variablen und den Invarianten der sozialen und politischen Verhältnisse neu denken, das nennen wir Revolution. Manchmal sieht es an diesem Tisch so aus, als könnte er niemals umgeschmissen werden, als stünde er fester auf der Erde als ein tief in ihr verwurzelter, Hunderte von Jahren alter Baum. Dann wächst die Versuchung für die Kunstschaffenden, die manchmal am Tisch sitzen, sich bei denen, die immer da sitzen, einzuschleimen. Falls sie vorher in der sozialistischen Partei waren, sofern es eine gibt, könnten sie da dann erklären, dass sie austreten. Der Schriftsteller, von dem ich rede, hat das erklärt, aber, wie gesagt, aus anderem Grund. Dieser zu der Zeit, von der ich rede, kommerziell erfolgreichste Schriftsteller der Welt erklärte ganz ­ausdrücklich und völlig unmissverständlich, als er eine Handvoll Monate vor seinem Tod aus der sozialistischen Partei austrat, dass er das tat »because of its lack of fire and fight, and its loss of emphasis on the class struggle«. Der Mann ärgerte sich also über den »Mangel an Feuer und Kampfgeist« bei der sozialistischen Partei, und darüber, dass sie »den Klassenkampf nicht mehr betont«.

Das, was ich hier erzähle, kann ganz offensichtlich keine Geschichte von hier und heute sein, wenngleich »kommerzieller Erfolg« beim Schreiben immer noch nicht bedeutet, dass man sich automatisch komplett wegduckt, wo über Politik gestritten wird. Es sind zwar keine Austrittserklärungen aus einer sozialistischen Partei oder Beitrittsgesuche bei so einer Organisation, wenn J. K. Rowling, die Frau, die mit Harry Potter steinreich geworden ist, sich in den britischen Haltungsknoten betreffs »Brexit« einfädelt, oder wenn Stephen King, der mit Horror und finsterer Fantasy noch viel reicher wurde als die Harry-Potter-Autorin, Tweets gegen Trump abschießt. Aber immerhin zeigen die zwei Fälle: Leute, die auf den Bestsellerlisten stehen, stellen sich auch im Meinungsspektrum immer noch manchmal irgendwo hin, nehmen Positionen ein, geben ihren Ort auf der Welt bekannt. Moment mal, auf welcher Welt?

Entgegen der Alltagsintuition, die uns versichert, dass es nur eine Welt gibt, spreche ich jetzt schon von vier Welten: erstens derjenigen Welt, in der es einen kommerziell erfolgreichsten Schriftsteller gibt, der aus der sozialistischen Partei austritt, weil sie den Klassenkampf vernachlässigt, also einer für uns nicht empirischen Welt, das heißt, einer Welt, die wir nicht erfahren können, in der wir nicht leben können, die uns nicht beeinflusst, und die wir nicht ­beeinflussen. Das liegt daran, dass es diese Welt zwar mal gab, aber nicht mehr gibt, es ist eine Welt der Vergangenheit. Zweitens habe ich geredet von derjenigen Welt, in der man sowohl die empirische Person Stephen King wie die empirische Person J. K. Rowling treffen kann, also einer Welt, die uns beeinflusst und die wir beeinflussen können. Drittens derjenigen Welt, die J. K. Rowling erfunden hat, damit sie darin ihre Harry-Potter-Geschichten spielen lassen kann, also einer Welt, die uns vielleicht beeinflusst, weil ihre Darstellung unsere Haltung zur zweiten Welt ändern kann, von der ich geredet habe, so dass wir in Gestalt der Handlungen, die wir aus dieser veränderten Haltung ableiten, eventuell die Relationen zwischen den Variablen und Invarianten der zweiten, empirischen Welt neu kalibrieren könnten. Umgekehrt aber können wir Rowlings Welt nicht beeinflussen, nur Kopien davon. Die vierte Welt, die ich erwähnt habe, ist dann analog zur Harry-Potter-Welt von Rowling diejenige, die Stephen King erfunden hat, damit in ihr seine Geschichten vom mörderischen Clown Pennywise spielen können oder die vom Dunklen Turm, jedenfalls: Ich habe mit King einigermaßen Glück, er hat mehrfach erklärt, seine Geschichten seien tatsächlich alle über eine Weltenkonstruktion miteinander verbunden, so dass man also von Stephen King sagen kann, er hat eine Welt erfunden, aber die besteht wiederum aus mehreren Welten. Was ich hier erzähle, klingt wie eine schwere Störung für jeden Plan, mit literarischen Texten politische Zwecke zu verfolgen, denn ist nicht eine Grundvoraussetzung für solche Pläne, dass zwischen denen, die schreiben, und denen, die lesen, Einigkeit besteht oder herzustellen ist darüber, in welcher Welt diejenigen, die schreiben, und ­diejenigen, die lesen, politisch gemeinsam handeln wollen, also etwa hier und heute: dass wir, wenn wir am Tisch der herrschenden Klasse sitzen würden oder wenigstens am Tisch von Leuten, die sie bewundern und beschützen und die von ihnen erwünschten Meinungen pflegen, also an einem Tisch wie dem, an welchem sich der Stellvertreter des erfolgreichsten Schriftstellers der Welt in dessen soeben unter veränderten, nämlich italienischen Vorzeichen verfilmtem autobiographischen Roman so absichtlich schlecht und also politisch bewundernswert richtig benommen hat, nicht die Leute kennenlernen würden, die damals der Stellvertreter des Schriftstellers im Buch, der wirkliche Schriftsteller in seiner heute vergangenen Welt oder der Stellvertreter für beide in der neuen italienischen Verfilmung kennengelernt haben, sondern irgendwelche Typen vom Volkswagen-Konzern oder jemanden von der Bertelsmann-Mediengruppe, vielleicht Frau Liz Mohn, oder einen graumelierten Typen von Bosch.

Der Klassenkampf, den diese Leute führen, senkt Löhne, erhöht Mieten, reduziert Rechte, verlängert den Arbeitstag, zerstört Gesundheit und Glück von Millionen, und diesen ganzen Horror kann man nicht nur nachrichtlich aufbereiten und kritisch kommentieren, sondern natürlich auch künstlerisch gestalten, als Bild einer Welt, in der es diese Monster und ihre Schrecken gibt. Man muss dann halt das Verhältnis zwischen dem Thema – etwa das Nichteinverstandensein mit besagter Welt, oben Nummer zwei in meiner Aufzählung, sowie den Variablen und Invarianten ihrer gesellschaftlichen Verhältnisse – mit dem Stoff vermitteln, eben den Taten und Unterlassungen der Monster, und diese Vermittlung bewusst, reflektiert, aus dem Wissen um die für sie nötigen künstlerischen Techniken leisten, deren zum Kunstwerk vergegenständlichte Gestalt man dann »Form« nennt, während die Gesamtrelation zwischen Thema, Stoff und Form »Werk« heißen muss. Sekundär ist das, was dabei herauskommt, dann wiederum der nachrichtlichen Darstellung und dem kritischen Kommentar zugänglich – ich mache das die ganze Zeit für Geld, davon lebe ich, zum Beispiel, indem ich auf das Filmfest in Venedig fahre und mir den italienischen Film »Martin Eden« anschaue, Pietro Marcellos Verfilmung des gleichnamigen Romans von Jack London aus dem Jahr 1909. Einige werden es vielleicht schon erraten haben, dass der Schriftsteller, der aus Wut über den erschlaffenden klassenkämpferischen Elan seiner Partei diese Partei in seinem Todesjahr verlassen hat, eben Jack London war.

Was London der Partei vorwarf, ist ein Mangel an, jetzt kommt ein überraschendes Wort: Realismus. Bedeutet es nicht: sachgerechte Darstellung oder Vorstellung des Vorhandenen? Das Vorhandene ist die Welt, und politisches Handeln setzt sie als eine, in der sich Leute, die gemeinsam handeln – nur das ist politisch –, dabei darauf einigen können, in welcher Welt sie das tun. Das bedeutet aber, Nachrichten und Programme, Befunde und Erwartungen, Invarianten und Variablen so miteinander abzugleichen, dass man weiß, was los ist und was daran unveränderlich ist und was veränderlich. Wenn man die Nachrichten öffentlich so mit dem Programm, das man hat, den Zielen und Zwecken, abgleicht, dass nur die Nachrichten überhaupt mitgeteilt und wahrgenommen werden, kriegt man weder Literatur oder Kunst noch Journalismus noch Kritik, sondern Propaganda, die allerdings als Darstellung und Vorstellung der gemeinten Welt wiederum funktional in gewisser Weise verwandt ist mit Literatur, Kunst, Journalismus, Kritik – man kriegt also zum Beispiel die Bild, auf deren Website man am 13.9.2019 um 9 Uhr und 1 Minute von Menschen namens W. Haentjes, F. Piatov und R. Schuler einen genialen Text findet mit der Überschrift: »Was ist wichtiger – KLIMA oder FREIHEIT?« Da steht dann:

»Sie sind die größten Ikonen unserer Zeit: die schwedische Klima-Aktivistin Greta Thunberg (16) und der Hongkonger Freiheits-Kämpfer Joshua Wong (22). Ihre Gemeinsamkeiten: Beide mobilisieren mit radikalen Forderungen ihre Zielgruppen, beide sind politische Menschen – aber keine Politiker. Sie sind keine aalglatten Schönlinge, sondern authentische Eigenbrötler – und dominieren die Nachrichten.« Dann kommt so ein bisschen Geschwafel, das abwägt, ja, wer ist denn nun wichtiger, und dann kommt, damit es schön ausgewogen ist, eine Gegenüberstellung von zwei Positionen zur Sache, einander schroff und antagonistisch gegenübergestellt, von zwei sachkundigen und fein parteilichen Kronzeugen artikuliert: »Stefan Krug von Greenpeace zu Bild: ›Wenn wir den Klimawandel nicht stoppen, werden wir und vor allem unsere Kinder die Möglichkeit verlieren, ein Leben in Freiheit und Sicherheit zu führen.‹ Dominik Enste (52) vom Institut der Deutschen Wirtschaft sieht es andersherum. Freiheit sei ›die Voraussetzung‹, um sich überhaupt für Klimaschutz einsetzen zu können – und ›damit noch wichtiger‹.«

Umgangssprachlich könnte man nun über Stefan Krug von Greenpeace und Dominik Enste vom Institut der Deutschen Wirtschaft sagen: »Die leben nicht in derselben Welt.« In Frageform könnte wiederum jeder von diesen beiden zum andern sagen: »In welcher Welt lebst du eigentlich?« Gemeint ist damit, dass sie die Freiheit oder den Klimaschutz jeweils nur als abhängige Variable des jeweils anderen Faktors sehen, wobei nicht ganz klar ist, ob einer der beiden Leitwerte für sie den Charakter einer Invariante hat. Ich nehme aber stark an, dass für den Herrn Enste die Freiheit, die er meint, eine Invariante jeder Gesellschaft ist, in der er leben will. Er meint die Freiheit, die in Hongkong bedroht ist und in China fehlt. Das ist nicht die Freiheit, steinreich zu werden. Es gibt da sehr reiche Leute. Aber eingeschränkt ist deren Freiheit, auf politischem, von ihnen bezahltem und organisiertem Weg Löhne zu senken, Mieten zu erhöhen, Rechte von Nichtbesitzenden abzubauen, den Arbeitstag zu verlängern und so weiter. Das macht nämlich in der Volksrepublik China direkt, und in Hongkong nicht ganz so direkt, die kommunistische Partei der Volksrepublik China nach eigenen Beschlüssen, und mal macht sie es auch nicht, sondern etwas Schöneres. Bei uns machen das Regierungen direkt nach den Anweisungen der Kapitalistenklasse, das heißt, unsere Regierungen nennen das dann Sachzwang, Standortpolitik und was es noch für Propagandaausdrücke dafür gibt. In China aber gibt es zwar Kapitalisten, aber sie sind politisch eingeschränkt, und wenn sie direkten Einfluss auf die Politik nehmen wollen und das, was sie da jeweils erreichen möchten, der Parteiführung nicht passt, dann nennt die Parteiführung das Korruption und verteilt brutalste Strafen an die Kapitalisten und diejenigen in der Partei und in der Staatsverwaltung, die mit ihnen zusammen an der Erreichung ihrer Ziele arbeiten. Also, die Kapitalisten in China sind nicht frei, aber die Parteiführung weiß, für bestimmte Sachen, zum Beispiel sehr schnell sehr viel Reichtum erzeugen, Macht auf dem Weltmarkt erobern und dergleichen, gibt es nichts Effektiveres als Kapitalismus, auch wenn das für die Nichtbesitzenden schrecklich ist.

Das führt in die historisch-politisch-ökonomisch-soziologische Diskussion, die immer nur gestreift werden kann, wenn das Thema wie hier nicht primär Weltfaktencharakter hat, sondern um Darstellungs- und Vorstellungsweisen dafür und davon kreist. Ich habe es nur gestreift, um zu unterstreichen: Es gibt einen Faktor, der diese Darstellungsweisen und Vorstellungsweisen mindestens so stark mitbestimmt wie Stoff, Thema und Form, wahrscheinlich, wenn denn die historischen Erfahrungen, die man bisher damit machen konnte, als Fingerzeig ernstgenommen werden dürfen, auch stärker als das bewusste politische Programm derjenigen, die jeweils diese Vorstellungs- und Darstellungsweisen im Dreieck aus Stoff, Thema und Form ausarbeiten, und dieser Faktor heißt, wie uns das Beispiel der verschiedenen Vorstellungs- und Darstellungsweisen von Welt zeigt, die wir in der Bild bei Herrn Stefan Krug von Greenpeace und bei Herrn Dominik Enste vom Institut der Deutschen Wirtschaft gefunden haben: soziales Interesse. Herr Krug vertritt die eines besorgten Kleinbürgertums, auch vieler so richtig hart Nichtbesitzender, eventuell auch ein paar spendabler Besitzender, die aber eben nicht ersticken, ertrinken oder verbrennen wollen, diese naiven Menschen, während Herr Dominik Enste die der »Deutschen Wirtschaft« vertritt also die des hiesigen Kapitals, verflochten mit dem internationalen und so weiter, alles bekannt. Über welche Welten, also welche möglichen und wirklichen Verhältnisse zwischen welchen Variablen und Invarianten man sich verständigt, über welche man sich und anderen Gedanken macht, hängt ganz wesentlich von den Interessen ab, die man für die eigenen hält, aber nicht nur von denen. Es ist nicht mal dann ganz beliebig um diese Interessen herum drehbar, wenn nur diese als fix vorgestellt werden.

Was ich sagen will: Es gibt Freiheiten, aber sie sind nicht beliebig groß oder zahlreich, und wie Friedrich Engels sagt, ist Freiheit die Einsicht in die Notwendigkeit. Soll heißen: Die Variablen sind im Ensemble die Freiheit, aber nicht in ihrer Summe oder ihrer Differenz, man darf sie nicht nur zusammenzählen oder voneinander abziehen, sondern eher in Produkten und Quotienten; sie vervielfältigen oder vermindern einander eher proportional als mechanisch-summarisch-differentiell. Wer die Welt aus propagandistischem Grund in ein bestimmtes Licht rücken will, kann für Invarianten erklären, was Variablen sind, oder umgekehrt. Wer auf verfälschter Grundlage losmarschiert, läuft gegen die Wand oder stürzt in den Abgrund. Der Witz ist, dass nicht nur die Invarianten unveränderlich sind und die Variablen veränderlich, sondern selbst wiederum historisch veränderlich ist, was jeweils überhaupt als veränderlich erkannt werden kann und was nicht.

Genau hierin unterscheiden sich revolutionäre Situationen von nichtrevolutionären fundamental, und Jack London bewies außergewöhnlichen Scharfsinn, als er im Ersten Weltkrieg erkannte, dass Kriege dieser Art ziemlich schnell in revolutionäre Situationen münden, weshalb es 1916, also fünf Minuten vor den beiden russischen Revolutionen, die alles änderten, tatsächlich sowohl moralisch unverantwortlich wie absolut unrealistisch von einer sich sozialistisch nennenden Partei war, wenn sie es an Feuer, Kampfgeist und Klassenkampfentschlossenheit fehlen ließ, und London also völlig zu Recht ausgetreten ist. Wie gesagt, das ändert sich alles immer, und die Rate, in der es sich ändert, die ändert sich auch.

»Realismus« in meinem emphatischen Sinn heißt also nicht: so schreiben, dass vieles drinsteht, was man aus den Nachrichten oder der eigenen Erfahrung kennt. Sondern: so schreiben, dass das Verhältnis von Variablen und Invarianten gemäß den tatsächlichen Handlungsmöglichkeiten der Lage bestimmt ist. Das kann dann naturalistisch dem Leben nachempfunden sein oder auch phantastisch und spekulativ – es ist kein Zufall, dass Leute wie Johannes R. Becher oder Jack London nicht nur sozialistisch-realistische Sachen, sondern auch spekulative Zukunftskriegs- oder Sternenfahrer- oder dystopische Unterdrückungsgeschichten geschrieben haben.

Damit man das jetzt aber nicht als abstrakte Ideenfrage missversteht, was ich hier erzählt habe, zum Schluss eine kleine Wendung in den gewiss ­unangenehmsten, selber derzeit dringlichsten Materialismus: Die »Martin Eden«-Verfilmung von Pietro Marcello ist ganz vorzüglich, weil sie gleichzeitig treu und frei mit ihrer Quelle umgeht – einerseits ist alles so wie bei Jack London, der junge Arbeiter, der sich Bildung verschafft, die Gewerkschaftsfrage, die Karrierefrage, die Klassenverhältnisse, andererseits aber rätselt man: Wann spielt das, es gibt Fernsehen, aber kein Internet, es gibt einen Krieg, wann war Italien denn in welchem Krieg, welche Auswirkungen hat dieser Krieg im Inland für die Pressefreiheit, die Kunst, die Literatur et cetera, was wieder dazu anregen könnte, das alles mit heute zu vergleichen, mit anderen Epochen, mit nichtrevolutionären und revolutionären Zeiten – und all das hätte man also in die Berichterstattung schreiben können über den Film, über das Festival, aber die Kolleginnen und Kollegen in den Schlangen vor und nach dem Film, auf den Plätzen und Straßen und in den Hotels in Venedig auf dem Lido, wo die Plakate für den Film hingen, haben über ganz etwas anderes diskutiert, über die Streichung von Platz in Printmedien nämlich, über die Bedrohung ihrer freien oder festen Jobs durch Kürzungen und Verengungen auf dem Medienmarkt, und so zeigt sich: Das Verhältnis der Schreibenden zu den Welten, die sie sich vorstellen und die sie darstellen, ist von Interessen bestimmt, die aber vermittelt sind durch die Realität der Situation, es ist ein Machtverhältnis. Wer sich darauf verlässt, dass andere die Freiheit schon organisieren werden, »Arbeitgeber« zum Beispiel, Verlage, Konzerne, dass die das bereitstellen werden, diese Freiheit, die man zum Erarbeiten von Vorstellungen und Darstellungen welcher Welt auch immer braucht, sitzt nicht mal am Tisch der herrschenden Klasse, sondern liegt auf dem Bauch daneben und muss fressen, was vom Tisch fällt. Lieber nicht.

Dietmar Dath ist Kommunist, 1970 geboren und schreibt Science-Fiction. Zuletzt erschien an dieser Stelle in der Ausgabe vom 12./13.10.2019 »Eins durch zwei. Sehen (und fühlen) lernen mit ­Science-Fiction«.

Enno Stahl/Ingar Solty (Hg.): Literatur im politischen Kampf. Schriftstellerinnen und Schriftsteller in Revolution und Reaktion. Verbrecher-Verlag, Berlin 2021, 208 Seiten, 22 Euro

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  • Leserbrief von Werner Engelmann aus Lahr ( 1. Juli 2021 um 12:05 Uhr)
    Ist es wirklich nötig, den »Tisch umzuschmeißen«? Zumal man wohl davon ausgehen kann, dass dieser Tisch für die Reichen gut gedeckt ist? Wäre es nicht erstrebenswerter, dafür zu arbeiten, dass alle am Tisch Platz nehmen können? Dann müssten natürlich einige Privilegierte ihren Platz räumen, man müsste vielleicht auch dabei etwas nachhelfen, je nachdem, wie sie sich verhalten. Diese »Variable« erscheint mir einsichtiger und auch besser vermittelbar. Weil, Gewalt ist nicht unser Ideal, und mit »Tisch umschmeißen« ist mir die Gewalt doch etwas zu zentral. Ein wenig Weissagung ist auch dabei, die man nicht bemühen sollte.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Josie M. aus 38448 Wolfsburg (27. Juni 2021 um 17:54 Uhr)
    Zu Engels’ Zeiten hatte man noch »die Freiheit«, sich für das aktuell als »notwendig« Erscheinende zu entscheiden. Doch diese Freiheit schmilzt angesichts der deutlicher werdenden »Invariablen«, der immer unübersehbaren Vorgaben der Natur unseres Planeten, dahin. Selbst die Freiheit, eine Deutungshoheit nicht nur nach eigener egoistischer Interessenlage und deren entsprechendem »Erkenntnisstand« für sich in Anspruch zu nehmen, war nicht nur schon immer eine Hybris, die im Laufe der Menschheitsgeschichte zu sich jeweils regional immer mehr ausweitenden Kriegen geführt hatte, sie droht ganz zu verschwinden. Auch die cleveren, im Interesse des »Gemeinwohls« vielleicht nicht nur des chinesischen Volkes liegenden Techniken der aktuellen chinesischen Führung zur Anpassung an den Kapitalismus, sprich an die Ideologie des Rechts auf den Wettkampf um die Ressourcen dieser Erde und um die klügere Taktik zur Gewinnung der Vorherrschaft, um vielleicht den Kapitalismus mit seinen eigenen Waffen zu schlagen, sind sie nicht ein Anachronismus? Tragen sie nicht auch zur Erderwärmung bei? Da hilft beispielsweise, wie man gesehen hatte, kein »arabischer Frühling« mehr. Jede Revolution kann doch angesichts der ohnehin waffenstarrenden Systeme nur noch als eine zum Scheitern verurteilte Verzweiflungstat erscheinen. Wie in Andersens »Des Kaisers neue Kleider« nur ein Kind aus der Menge rufen konnte: »Aber der Kaiser ist doch nackt!« und das Volk sich dann traute, zu rufen: »Hört auf die Stimme der Unschuld!«, so konnte eine erst 16jährige Greta Thunberg »Fridays for Future« ins Leben rufen.

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