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Aus: Ausgabe vom 26.06.2021, Seite 11 / Feuilleton
Wiglaf Droste

Der Mann mit der Trommel

Volles Risiko: Dem Solitär Wiglaf Droste zum 60
Von Christian Y. Schmidt
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Er schloss schnell Freundschaften: Wiglaf Droste mit Verehrer

Im Juli 1988 lernte ich Wiglaf ­Droste bei einer Lesung in Bielefeld kennen. Über den Abend veröffentlichte ich im lokalen Stadtblatt einen längeren Bericht. Kurz danach bekam ich überraschend von ihm Post. In dem kurzen Brief lobte er den Text (»prima prima«), was mich natürlich nicht wenig freute. Viel bemerkenswerter aber war, dass in dem Umschlag eine Menge weitere Papiere steckten. Der Abzug eines Droste-Porträtfotos, ein paar kopierte Zeitungsartikel sowie die Kopie eines Briefes der »Univer­sity of Sidney« vom 2. November 1987, in dem ein Dr. Borgert die Taz darum bat, einen Droste-Text in einem »Lehrwerk für den deutschen Sprachunterricht an australischen Universitäten« veröffentlichen zu dürfen. Obendrauf gab es ein DIN-A-4-Blatt, auf dem die besten Blurbs aus den »Restmedien« (Drostes Überschrift) über den aufkommenden Starautor fein säuberlich abgetippt waren: »eigenwillig« (Der Spiegel), »James Dean der Journaille« (Taz Berlin), »spätpubertärer Spinner« (Taz Frankfurt). Auch die Überschrift meines Textes »Guter Böser Mann« war bereits aufgelistet.

Ich wunderte mich damals über diese Beilagen. Meinen Artikel hatte ich ja bereits geschrieben, dafür konnten sie nicht sein. Also war es schlicht und einfach Werbung für Droste selbst. Ich muss gestehen, dass ich das damals etwas peinlich fand. Erst Jahre später verstand ich, weshalb er auch die Promotion für sich selbst als Autor und Performer keinem anderen überlassen wollte oder konnte. Einen solchen anderen gab es damals schlicht noch nicht.

Wiglaf Droste war ja nicht nur ein großer Stilist, ein ziemlich guter Dichter, ein großartiger Polemiker und Aufdenpunktbringer. Er war auch ein Solitär. Nicht, dass er keine Freunde hatte. Im Gegenteil. Ich kannte kaum einen geselligeren Menschen. Wiglaf schloss schnell Freundschaften und ging noch schneller Liebschaften ein. Doch als Autor war er ein Solitär, ein Einzelgänger. Seilschaften, Organisationen und Künstlergruppen waren ihm ein Graus. Auch in Redaktionen hat er sich nie länger einbinden lassen.

Das musste ich selbst schmerzhaft erleben, nachdem ich Droste dazu überredet hatte, Anfang der Neunziger Titanic-Redakteur zu werden. Wiglaf verehrte die Neue Frankfurter Schule sehr – besonders Robert Gernhardt, den er im kleinen Kreis zärtlich-ironisch »Bwana Bob« nannte –, aber trotzdem hat er es bei uns in »Fra« (verächtlicher Droste-Sprech) nicht einmal ein Jahr ausgehalten. Im Grunde war das absehbar. Zuvor hatte er schon bei der Taz als Redakteur den Dienst quittiert, und bei der Düsseldorfer Werbeagentur GGK blieb er 1987 nur ein paar Wochen, obwohl er hier säckeweise Geld hätte verdienen können. Selbst als freier Autor für die Taz-Wahrheitseite hat er sich mehr oder weniger mutwillig selbst herauskatapultiert. Das muss man erst mal schaffen.

Ein wichtiger Grund für dieses Einzelkämpfertum war, dass Droste Zeit seines Lebens nie einen Kompromiss eingehen wollte. Er hat auf nichts und niemanden Rücksicht genommen, wenn er glaubte, recht zu haben und auf der richtigen Seite zu stehen. Was das – bei aller damit verbundener Tragik – für eine Leistung ist, kann ich eigentlich erst heute wirklich ermessen. Als Titanic-Redakteur gegen Autoritäten mutig und unverschämt zu sein, war kaum mit einem Risiko verbunden. Das Redaktionskollektiv gab einem für seine Attacken mentale Rückendeckung, und im juristischen Streitfall zahlte der Verlag die Strafe. Dieses Sicherheitsnetz gab es für Droste nur selten. Trotzdem ist er immer das volle Risiko eingegangen.

Der Solitär Droste hatte auch kein Label, das für ihn warb. Nahezu ­alle Titanic-Redakteure, die nach den NFS-Gründern in die Redaktion eintraten, wurden zunächst einmal nur als eben solche wahrgenommen. Erst später begannen sie aus dem Kollektiv herauszuragen und sich einen eigenen Namen zu machen. Gebucht für Lesungen oder angefragt als Autoren wurden sie aber schon deutlich früher; eben allein weil sie Titanic-Redakteure waren. Droste aber wurde gewiss nicht nachgefragt, weil er – wie tausend andere – mal bei der Taz gewesen war. Eben deshalb musste er genauso offensiv, wie er schrieb, auch für sich selbst die Trommel rühren, zumindest zu Beginn seiner Karriere.

Wie lange jemand eine solche Einzelkämpferexistenz aushält, zumal wenn es sich um einen sensiblen Menschen wie Wiglaf Droste handelt, ist eine andere Frage. Von der Nachtseite seiner Biographie eventuell ein anderes Mal.

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