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Aus: Ausgabe vom 25.06.2021, Seite 15 / Feminismus
Internationales Frauenfilmfestival

»Gerade die Älteren strahlen Kraft aus«

Transgeschlechtliche Lebenswege im Wandel der Zeit dokumentiert. Gespräch mit Monika Treut
Von Gitta Düperthal
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Klassiker des queeren Films: Monika Treuts »Gendernauts – A Journey Through Shifting Identities«

Ihr Dokumentarfilm »Gendernauts« (1999) zeigt Avantgardekünstler und Intellektuelle in San Francisco, die sich dem Schema binärer Geschlechtsidentitäten entziehen. Ihr Film »Genderation« (2021) porträtiert die damaligen Teilnehmenden erneut. Worum ging es Ihnen?

Eine Hauptprotagonistin meines Films ist die Stadt San Francisco selbst. Bis Anfang der 2000er war sie wie ein Mekka für Queers, mit vielen Orten, wo sich die Szene treffen konnte. Dann kamen hochbezahlte Techworker aus den Hauptquartieren von Google, Facebook, etc. im Silicon Valley. Sie begannen, die Immobilien der Stadt aufzukaufen. Mieten und Lebenshaltungskosten schossen derart in die Höhe, dass sich queere Communities das Leben in der Stadt kaum mehr leisten konnten. Ihr kreatives und soziales Leben wurde stark beeinträchtigt. Die Gentrifizierung drängte viele aus der Stadt heraus. Das sollte auch den Europäern eine Warnung sein.

Hat das die Szene politisiert?

Nicht unbedingt. Stafford wohnte damals in einem schönen Loft im Zentrum San Franciscos. Die Mieten waren niedrig. Solch paradiesische Stimmung eröffnete Freiräume. Vorbei! Stafford muss nun richtig ranknallen. Er gründete ein auf Kunst- und Kulturgegenstände spezialisiertes Umzugsunternehmen, ist angestrengt. Hat er frei, fährt er allein in die Wüste, um Ruhe zu finden. Einst hatten meine Protagonisten zwischen den Polen weiblich und männlich experimentiert, wussten weder genau, wo es hingeht, noch, wie weit sie gehen wollen.

Für Annie Sprinkle, die Sexarbeiterin war und in Pornofilmen spielte, lief es besser. Sie entwickelte sich zur Kunstperformerin und baute eine tolle Beziehung zu der Professorin Beth Stephens auf. Weil beide bei der Klimaschutzbewegung Humor vermissen, widmeten sie sich aktivistisch der sogenannten Ökosexualität, um die Bedeutung des Wassers für den Planeten zu zeigen. Was von Wert ist, dokumentiert ihr Film »Water makes us wet« (2017): Wasser, Leben und Liebe.

Wie funktioniert das Älterwerden für die Transszene? Wird an Geschlechterrollen festgehalten, nur umgekehrt?

Die meisten haben klare Identitäten herausgebildet. Stafford, einst als Mädchen aufgewachsen, verhält sich männlich; Transfrauen wie Susan Striker und Sandy Stone dagegen eher weiblich. Ich wollte zeigen, wofür sie individuell kämpfen, was sie denken und vorantreiben. Sandy, 84 Jahre alt, hat eine Patchworkfamilie mit Kindern. Sie ist eine Art Matriarchin, eine mächtige, eher weiblich definierte Person, und gilt als Begründerin der akademischen Disziplin der Transgenderstudien. Sie setzte das gegen enorme Widerstände durch. Im Rahmen meiner Filmarbeit war ich im Herbst 2019 dort, als der Wahlkampf begann. Die Trump-Regierung und die Trumpisten hatten Transmenschen zum Feindbild erklärt, auch um die Queerbewegung zu spalten. Gegen die Ausgrenzung im Arbeitsleben musste sie mitunter offensiv kämpfen.

Viele leben weiterhin in einer lebendigen Gemeinschaft?

Bei manchen hat sich das erst spät entwickelt. Der Historikerin Susan Striker wurde als Transfrau zunächst eine Festanstellung an der Universität verweigert. Später wurde sie Professorin an der University of Arizona, die ihr die Leitung des Instituts für LGBT-Studien anbot. Jetzt hat sie die Arbeit an der Uni aufgegeben, hält aber Vorträge und referiert, meist von einer Gruppe junger, interessierter Akademikerinnen umringt.

Ging es vorrangig um persönliche Befreiung?

Die Älteren waren Vorkämpferinnen für die Rechte von Transmenschen, damit die Diskriminierung aufhört und sie mit Respekt behandelt werden.

Welche Reaktionen gab es auf Ihre Filme?

Mein erster Film »Gendernauts« ist mittlerweile ein Klassiker, trägt weltweit zur Aufklärung bei: Heterosexuelle bedankten sich dafür; Eltern von Transmenschen sagten, sie hätten zum ersten Mal ihr eigenes Kind verstanden; junge Queere verstanden ihn als Hilfe für den Start ins Leben. Mein neuer Film »Genderation« lief kürzlich bei der Sommer-Berlinale im Open-Air-Kino. Eine Zuschauerin schrieb an Anni Sprinkle, dieser Film helfe aus der dunklen, depressiven Pandemiezeit heraus. Gerade die älteren Transmenschen strahlen Kraft aus und machen Mut. Sie sitzen nicht auf der Couch und sagen »ach, damals«, sondern machen neue Projekte. Anders als in der BRD sind sie ganz selbstverständlich Teil der linken Bewegung. In Santa Cruz hat diese eine neue Radiostation aufgebaut, mit Hilfe von Sandy Stone, die einst Soundmixer von Jimi Hendrix war.

Monika Treut ist Filmemacherin. Ihre Filme »Gendernauts« (1999) und »Genderation« (Oktober 2021) liefen beim Internationalen Frauenfilmfestival (IFFF)

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