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Aus: Ausgabe vom 24.06.2021, Seite 7 / Ausland
Keine Pandemiebekämpfung

Ausgewiesenes Totalversagen

Brasilien: Wissenschaftliche Studie gibt Regierung unter Bolsonaro Hauptschuld an Coronasituation
Von Norbert Suchanek, Rio de Janeiro
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Kritik am Coronakurs der brasilianischen Regierung auf einem Wandbild in São Paulo, auf dem unter anderem das Gesicht von Präsident Jair Bolsonaro zu sehen ist (19.6.2021)

Während in Europa die Zahl der Neuinfektionen abnimmt, wütet die Coronapandemie in Brasilien weiter fast ungebremst. Mittlerweile starb in dem Land mehr als eine halbe Million Menschen an oder mit dem Virus, täglich kommen nach offiziellen Angaben etwa 73.000 neue Erkrankungen sowie rund 2.000 Todesfälle hinzu. Experten glauben, dass die tatsächlichen Zahlen noch weit höher liegen.

Ein multidisziplinäres Team brasilianischer Wissenschaftler hat nun genauer untersucht, worin die Ursachen für die dramatische Ausbreitung des Coronavirus im Land liegen. In einem am Montag in der Zeitschrift Scientific Reports veröffentlichten Beitrag kommen sie zu dem Schluss, dass die Bundesregierung des ultrarechten Präsidenten Jair Bolsonaro sowie die Landesregierung von São Paulo einen Großteil der Schuld trifft. So hätten eine frühere Schließung der Flughäfen und Landwege sowie ein landesweiter Lockdown die Ausbreitung von Covid-19 deutlich bremsen und Zehntausende Tote verhindern können.

Der erste Coronafall in Brasilien wurde am 25. Februar des vergangenen Jahres durch die Gesundheitsbehörden von São Paulo registriert: ein 61jähriger Reiserückkehrer aus Norditalien. In der Folge entwickelte sich die Millionenmetropole rasch zu einem Hotspot und in der Folge zu einer »Superspreaderstadt«. Die nun vorgestellte Studie des Forscherteams geht davon aus, dass São Paulo in den ersten Märzwochen 2020 für mehr als 85 Prozent der in Brasilien registrierten Covid-19-Fälle verantwortlich war. Während der ersten drei Monate der Pandemie konzentrierten sich 98 bis 99 Prozent der gemeldeten Fälle auf São Paulo und 16 weitere »Superspreaderstädte«.

In der Folge verbreitete sich das Virus insbesondere auf dem Landweg über ganz Brasilien, auch in abgelegeneren Regionen und Gemeinden ohne Krankenhaus nahm die Zahl der Infektionen exponentiell zu. Dies, so die Wissenschaftler, führte zu einem »Bumerangeffekt«: Aus allen Landesteilen wurden schwer erkrankte Patienten in die Städte mit besserer Gesundheitsversorgung transportiert, vor allem nach São Paulo. Ähnlich verhielt es sich in der Amazonasregion mit ihrer Hauptstadt Manaus. Nachdem sich das Virus über Straßen und Flüsse bis in entlegenste Gemeinden ausgebreitet hatte, kamen schwer Erkrankte per Boot über den Amazonas sowie seine Zuflüsse nach Manaus zurück. Das Gesundheitssystem der Metropole kollabierte.

»Wenn die brasilianische Bundesregierung bereits im März 2020 einen landesweiten Lockdown beschlossen und Straßensperren auf den wichtigsten brasilianischen Bundesstraßen errichtet hätte, hätte das Land deutlich weniger Covid-19-Erkrankungen und -Todesfälle zu beklagen gehabt«, schlussfolgert das Wissenschaftlerteam. Auch eine Sperrung der Millionenmetropole São Paulo hätte einen solchen Effekt haben können. Anlässlich der nicht erfolgten Reaktion auf den Ausbruch der Pandemie spricht der Neurobiologe Miguel Nicolelis, Koautor der Studie, von einem »völligen Versagen der brasilianischen Bundesregierung«.

Besonders besorgniserregend ist, dass die in der Studie beschriebene Tatenlosigkeit weiter anhält. »Wir wiederholen die gleichen grundlegenden Fehler beim Pandemiemanagement«, erklärt Nicolelis daher. Daher sei davon auszugehen, dass Länder wie Brasilien, die nur auf Massenimpfungen ohne Lockdown setzten, der Pandemie nicht Herr werden könnten. Der Neurobiologe schätzt deshalb, dass die Zahl der Covid-19-Toten weiter steigen wird und im kommenden Jahr eine Million erreichen könnte.

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