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Aus: Ausgabe vom 23.06.2021, Seite 11 / Feuilleton
Klassik

Der Schrecken des Urtextes

Produktiver Eigensinn: Tenor Markus Schäfer und Pianist Tobias Koch interpretieren Schuberts »Winterreise« neu
Von Stefan Siegert
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Eine Art »Winterreise«: Julius von Leyolds Gemälde »Wanderer im Sturm« (1835)

»Das Wesen des Frühlings erkennt man erst im Winter«, sagt Heinrich Heine, »und hinter dem Ofen dichtet man die besten Mailieder«. Es funktioniert aber auch umgekehrt. Denn eine bei näherer Betrachtung eigentlich sensationell andere Wege gehende Neuaufnahme von Franz Schuberts »Winterreise« erscheint exakt am Anfang eines sich von der Pandemie versuchsweise befreienden saft- und kraftvollen Sommers 2021.

Wer über Schuberts mit der »Winterreise« geleistete Schaffung des modernen Kunstlieds redet, kann Wiederholungen – es wurde schon soviel Gutes und Richtiges darüber geschrieben – kaum entgehen. Die »Winterreise« scheint ausgedeutet. Die Neuproduktion beim kleinen Qualitätslabel AVL allerdings widerlegt solche Annahmen. Denn der Tenor Markus Schäfer singt derart textverständlich und eigensinnig, der ihm zur Seite erklingende Hammerflügelvirtuose Tobias Koch »begleitet« nicht, er inspiriert vielmehr dazu, sich dem Wortlaut auf eine Weise zu widmen, die dem Publikum unübliche, vielleicht sogar neue Hörperspektiven ermöglicht.

Womit stärker als gewohnt der Urheber des Wortlauts der »Winterreise« in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gerät. Der Dichter Wilhelm Müller handelte sich als unermüdlicher Propagandist der Sache des bereits zur Schubert-Zeit um seine Freiheit kämpfenden griechischen Volks im antifreiheitlichen Deutschland den Spottnamen »Griechen-Müller« ein. Er galt der deutschen Literaturkritik lange als, wie es im Booklet heißt, durchschnittlicher »Feld-Wald-und-Wiesen-Romantiker«.

Der junge Heine indes war von der Panerotik des älteren Dichterkollegen, von dessen Indienstnahme des Volkslieds für aktuelle politische Aussagen hellauf begeistert. Auch dass der seinerseits im Ansehen der Fachwelt erst seit kürzerem endlich auf die Höhe Beethovens und Mozarts erhobene Schubert nicht zufällig seine zwei liederzyklischen Meilensteine anlässlich von Müllers Dichtung hervorbrachte – was kratzte es seit bald anderthalb Jahrhunderten den deutschen Musikprofessor.

Koch und Schäfer nehmen sich Freiheiten heraus. Sie gehen mit Schuberts Text spiegelbildlich um wie das immer noch zuverlässig inhaltsferne Regietheater. Sie regen den kritischen Blick auf den Buchstaben sowohl des Texts wie der Musik an. Beide Künstler arbeiten im Geist historisierenden Musizierens. Ihr geradezu provokant freier Umgang mit dem Text verdankt sich gründlichem Quellenstudium. So fand Markus Schäfer im Anhang einer alten Schubert-Ausgabe eine Bearbeitung der »Gesänge des Harfners«. Der Schubert-Förderer und Starbariton Johann Michael Vogl hatte sie sich für gemeinsame Auftritte mit Schubert eigens erstellt. In den Noten von seiner Hand: ein verblüffendes Maximum an eigenmächtiger Anverwandlung des »originalen« Schubert. Freilich gab es auch bei dem mit Vogl auftretenden Schubert keine originalen Noten. Ungeachtet seiner eigenen Partitur passte auch er nachweislich das, was er auf dem Pianoforte spielte, seinen Schöpferlaunen und der Stimmung im Moment der Aufführung an.

So stellt diese Neuaufnahme nicht nur die heute gängige Aufführungspraxis in Frage. Sie hinterfragt nachdrücklich auch das moderne »Konzertsaalgeschehen«, so Tobias Koch in seinen oft manifestartigen Ausführungen im Booklet. Im Konzertsaal des 21. Jahrhunderts gehe es oft immer noch »objektiv« und betont »sachlich« zu. Aber Musik ist auf seiten aller Beteiligten – im Moment ihrer Entstehung wie in ihrem Bühnenleben – etwas zutiefst Subjektives. Was die Musikwissenschaft sehr lange als »Urtext« festhielt und heiligte, ist, so Theodor W. Adorno, nichts als »die Kopie eines nicht vorhandenen Originals«.

Die frische Kopie Schäfers und Kochs, das darf nicht unerwähnt bleiben, ist bei allen wichtigen Überlegungen, die sie dem Kopf schenken, auch ein Viersternemenü für die Ohren. Der Sänger wird dem selbstgestellten Anspruch gerecht, wie er selbst zu klingen: wie der sich gerade so oder anders fühlende Interpret Markus Schäfer. Er klingt in ungekünstelter Tonschönheit, in bescheiden tief empfundenem Sinn nach einem atmend singenden Menschen, weder nach Idol noch nach tönender Absicht.

Und Tobias Koch? Ein unaufdringlicher Großvirtuose des pianistischen Moments, der Schrecken des »Urtextes«. Der Dritte im Bund: das Pianoforte der 1830er Jahre aus Kochs Instrumentensammlung, hergestellt von einem unbekannten Klavierbauer, Gott hab’ ihn selig. Sein Instrument, wie gemacht für den Aufführungsmoment, passt sich, als wisse der Spieler nichts davon, naturhaft der Menschenstimme an. Der Hammerflügel kann aber auch dramatisch. Der Dezibelzahl nach vielleicht gar nicht einmal so laut, bringt er fortissimo gleichwohl die klangliche Gestalt und Haltung des intensiv Bedrohlichen hervor oder auch etwa die – es hat drei Pedale – des dämmrig durchsichtig Verwunschenen. Wie kann man Schubert überhaupt guten Gewissens auf einem modernen Konzertflügel spielen, wenn man nicht ausnahmsweise etwa Alfred Brendel, Artur Schnabel oder Marija Judina heißt? Der moderne Konzertflügel ist im allgemeinen Gleichmacherei auf Höchstniveau. Glaubt niemand? Bitte an der neuen CD überprüfen.

Schubert: »Die Winterreise D 911« – Markus Schäfer, Tobias Koch (AVL/Helikon Harmonia Mundi France)

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