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Aus: Ausgabe vom 28.06.2021, Seite 12 / Thema
Balkankrieg

»Serbien muss sterbien«

Vor 30 Jahren begannen die Kriege in und gegen Jugoslawien. Der deutsche Imperialismus trug seinen Teil zum Morden bei
Von Steffen Bayer
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Erst befeuerte die NATO ethnische Konflikte auf dem Gebiet Jugoslawiens, später gerierten sich die Imperialisten als »Friedenstruppen« (Mostar, heute in Bosnien-Herzegowina gelegen, am 14.1.1996)

Am 12. September 1990 wurde in Moskau der »Vertrag über die abschließende Regelung in Bezug auf Deutschland« (Zwei-plus-vier-Vertrag) als Staatsvertrag zwischen der BRD und der DDR auf der einen Seite und der Sowjetunion, Frankreich, Großbritannien und den USA auf der anderen Seite geschlossen. Der Vertrag markierte das Ende der Nachkriegszeit in Europa; in ihm erklärten beide deutschen Regierungen, »dass von deutschem Boden nur Frieden ausgehen wird und dass nach der Verfassung des vereinigten Deutschland Handlungen, die geeignet sind und in der Absicht unternommen werden, das friedliche Zusammenleben der Völker zu stören, verfassungswidrig und strafbar sind«.¹ Bereits ein Jahr später sollte das Versprechen an die Welt vergessen sein, der amtierende Außenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP) trat den Schwur in die Mülltonne der Geschichte.

Mit den einseitig gegen das Verfassungsrecht der sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien verkündeten Unabhängigkeitserklärungen Sloweniens und Kroatiens begannen am 26. Juni 1991 im Land die militärischen Auseinandersetzungen. Die Bundesrepublik Deutschland, im Taumel eines neu erwachten Größenwahns infolge ihrer Landnahme der DDR, war der erste Staat, der die abtrünnigen Republiken diplomatisch anerkannte. Dieser Schritt, bar jeder politischen Vernunft, wurde bewusst gegen alle völkerrechtlichen Vereinbarungen, gegen den erklärten Willen der internationalen Gemeinschaft, der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE), der Europäischen Gemeinschaft und der UNO durchgezogen. Selbst der transatlantische Partner wurde ob der offenkundigen Großmachtpolitik vor den Kopf gestoßen, wusste die Berliner Zeitung am 19. Dezember 1991 zu berichten: »US-Präsident George Bush hat seine regelmäßige Telefoniererei mit dem Bonner Bundeskanzler eingestellt, denn der Chef der amerikanischen Supermacht ist verärgert.«

Imperialistisches Drehbuch

Es begann eine Dekade des Krieges, der von allen Seiten mit einer Härte und Brutalität auch und gerade gegen die Zivilbevölkerung geführt wurde, die auf dem europäischen Kontinent nicht mehr vorstellbar waren. Am Ende waren Hunderttausende tote und verletzte Männer, Frauen und Kinder zu beklagen; die materiellen Kriegsschäden sind bis heute noch nicht abschließend beziffert, gehen aber nach Ansicht von Experten in den hohen dreistelligen Milliardenbereich. Deutschland war Kriegspartei – es lieferte durch die Lügen seiner »Qualitätsmedien« die Begründung seines Handelns gegenüber dem Staatsvolk und zur Befeuerung der Kämpfe auf dem Balkan Waffen aus dem Fundus der abgewickelten Nationalen Volksarmee der DDR. Auch die katholische Kirche mischte kräftig mit, denn »sie nutzte im Laufe des Krieges humanitäre Hilfslieferungen zum Waffentransport nach Kroatien und Bosnien. Als Deckorganisation dienten u. a. der Caritasverband Speyer und die franziskanische Hilfsorganisation St. Antoniusbrot. Im Auftrag des Diözesenverbandes Speyer wurden mindestens 170 Lkw-Ladungen mit Militärgütern nach Kroatien und in die kroatischen Gebiete Bosniens geliefert.«² Der langjährige Botschafter der DDR in Belgrad schrieb dazu: »Die Schuld des vereinigten Deutschland steht außer jedem Zweifel. Südeuropaexperten und Friedensforscher sind sich darin ebenso einig, wie Außenpolitiker und Militärs.«³

Der letzte Akt im imperialistischen Drehbuch zur endgültigen Zerschlagung des Vielvölkerstaates war die NATO-Aggression gegen Serbien am Ende des vergangenen Jahrhunderts. Im Vorfeld lief die Kriegspropaganda noch einmal auf Hochtouren. Den »Monstern in Belgrad« wurden erfundene Kriegsgreuel sondergleichen unterstellt. Außenminister Joseph Fischer (Die Grünen) formte mit in die Geschichte der Demagogie als Paradebeispiel eingegangenen Lügen seine pazifistische Öko- zur »grünen« Kriegspartei und versicherte sich so ihrer Zustimmung für seine aggressiven politischen Ambitionen. »Auschwitz ist unvergleichbar. Aber ich stehe auf zwei Grundsätzen, nie wieder Krieg, nie wieder Auschwitz, nie wieder Völkermord, nie wieder Faschismus. Beides gehört bei mir zusammen«⁴, ließ Fischer in seiner Rede im Bundestag im Mai 1999 verlauten. Propagandistische Grundlage dafür, dass vom deutschen Boden wieder Krieg ausgehen durfte, waren unter anderem wissentlich falsche Berichte über in Fußballstadien eingerichtete »Konzentrationslager« im Kosovo.

In einem 78 Tage dauernden Bombardement – mit laut NATO-Angaben 38.000 Flügen – wurden nicht nur die Infrastruktur des Landes, die Industrie, Städte und Dörfer zerstört, es waren auch Tausende Tote zu beklagen. Über 15 Tonnen mit Uran angereicherte Geschosse ließen Jahre danach geschätzt mindestens 10.000 weitere Menschen an Krebs sterben. Und die deutsche Armee war zum dritten Mal in diesem zu Ende gehenden Jahrhundert dabei, in Osteuropa Krieg zu führen.

Zwanzig Jahre später, am 7. April 2021, entblödet sich der deutsche Botschafter in Belgrad, Thomas Schieb, nicht, seine Sicht auf die NATO-Bombenangriffe 1999 dem serbischen Volk kundzutun: »Laut Schieb waren die Bombenangriffe auf das Land notwendig, um eine humanitäre Katastrophe und Völkermord im Kosovo zu verhindern. (…) Er sei auch jetzt noch überzeugt, dass es eine schwierige, aber richtige Entscheidung gewesen sei (…).«⁵

Die serbische Öffentlichkeit war fassungslos. Innenminister Aleksandar Vulin erklärte, dass der deutsche Diplomat angesichts Zehntausender toter Belgrader während des deutschen »Balkanfeldzugs« 1941 lieber Kränze niederlegen sollte: »Statt dessen rechtfertigt Herr Schieb die Bombardierung Serbiens im Jahr 1999. Eine solche Frechheit hätte zu einem deutschen Besatzungskommandanten gepasst, sicher aber nicht zu einem deutschen Botschafter in Serbien.«⁶ Den hiesigen Qualitätsmedien ist der Vorfall keinen Kommentar wert; so ticken halt die Eliten im bundesrepublikanischen Großdeutschland. Dass das nicht zwangsläufig so sein muss, zeigen andere; der tschechische Präsident Milos Zeman hat sich für die NATO-Angriffe auf Serbien im Jahr 1999 entschuldigt: »Ich möchte die serbische Nation persönlich um Verzeihung bitten«, sagte Zeman am 18. Mai dieses Jahres in Prag bei einem Treffen mit seinem serbischen Kollegen Aleksandar Vucic. Auch zeigte die DDR, dass derartiges chauvinistisches Gebaren, wie es die BRD an den Tag legte und legt, in der deutschen Geschichte nicht ausnahmslos Praxis war. Blicken wir also zurück.

Eine sommerliche Reise

Sommer 1965. Der Vater, Mitarbeiter der DDR-Botschaft in Bukarest, musste dienstlich nach Belgrad; der Sohn durfte mit. Die Reise ging über Timisioara Richtung jugoslawische Grenze. Unterwegs Besuch der in der Donau liegenden türkischen Insel Ada Kaleh. Nachgeborene müssten heute tauchen: Nach Fertigstellung des rumänisch-jugoslawischen Staudamms »Eisernes Tor« liegt die Insel heute 35 Meter unter dem Wasserspiegel. In der »Weißen Stadt« am Zusammenfluss von Donau und Save Zwischenstopp in der Ulica Bircaninova, der Straße mit dem Sitz der diplomatischen Vertretung der DDR. Ein kurzes Gespräch mit der Chefin der Mission Eleonore Staimer, der Tochter des ersten Präsidenten der DDR, Wilhelm Pieck. Ihr Rat: »Übernachtet nicht in Hotels. Lasst euch auf die Gastfreundschaft der Menschen ein und genießt die regionale Küche.«

In der Erinnerung an die damals schon weitestgehend wieder aufgebaute Hauptstadt blieben die historische Festungsanlage Kalamegdan und das bereits von Agatha Christie gerühmte Restaurant »Zu den drei Hüten« in der Skadarlija. Auf der Weiterfahrt Richtung Adria beeindruckten der alte Basar von Sarajevo und Mostar mit seiner legendären Brücke eines osmanischen Architekten aus dem 16. Jahrhundert. Die Altstadt von Dubrovnik gehörte noch ihren Bewohnern; der Tourismus steckte in den Kinderschuhen. Die Adria-Magistrale war im Neretva-Tal noch eine Schotterpiste; ihre Fertigstellung aber schon greifbar. Auf den Serpentinen hinter Ljubljana brach dem kleinen Auto die Hinterfeder. Ein herbeigerufener Dorfschmied stellte sich mit breitem sächsischen Akzent als Deutscher vor. Er war 1942 unter dem Eindruck der von der deutschen Wehrmacht begangenen Verbrechen desertiert, hatte mit den Partisanen gekämpft und ist danach »der Liebe wegen« geblieben.

Die Reise hinterließ einen bleibenden Eindruck bei dem Teenager, der damals natürlich nicht ahnen konnte, dass er zwanzig Jahre später selbst einmal in diesem aufregenden Land arbeiten sollte, das der deutsche Imperialismus im Zweiten Weltkrieg verwüstete, ehe aus den Trümmern eine sozialistische Republik mit eigener Prägung erbaut wurde. Weiter, mehr im Krebsgang als der Chronologie folgend, in die Geschichte hinein.

Völkermorde

Am 6. April 1941 übertrug der großdeutsche Rundfunk die Meldung des Oberkommandos der deutschen Wehrmacht: »Die deutsche Luftwaffe griff in den Morgenstunden serbische Flugplätze und mit starken Verbänden die Festung Belgrad an und vernichtete Kasernen sowie militärische und kriegswichtige Anlagen.«⁷ Der faschistische deutsche Staat hatte Jugoslawien überfallen; ohne Ultimatum oder eine Kriegserklärung. Getreu dem Slogan des Ersten Weltkrieges »Serbien muss sterbien«⁸ wurde erneut das serbische Volk zum Feind erklärt, der vernichtet werden sollte.

Der Feldzug wurde von reaktionären, deutschlandhörigen Verbrecherbanden unterstützt; Usta­scha und Tschetniks machten mit beim Völkermord an allen Ethnien des jugoslawischen Staates. »Mit über 1.700.000 Gefallenen, Erschossenen und Erschlagenen, elf Prozent der Gesamtbevölkerung, gehörte Jugoslawien neben der Sowjetunion und Polen zu den Ländern, die im Zweiten Weltkrieg die meisten Toten zu beklagen hatten.«⁹

Selbstverwaltung

Dem charismatischen Kommunisten Josip Broz Tito und der von ihm aufgebauten und befehligten Partisanenarmee kommt das historische Verdienst zu, Jugoslawien ohne nennenswerte Hilfe der Westalliierten 1944 befreit zu haben. Wie bereits in Grundzügen auf der AVNOJ-Sitzung (Antifaschistischer Rat der Volksbefreiung Jugoslawiens) 1943 in Jajce umrissen, bauten Tito und seine Getreuen einen neuen Staat, die Sozialistische Föderative Republik Jugoslawien (SFRJ), auf. Nicht nur die hohe Opferzahl, auch die immensen materiellen Kriegsschäden – zerstörte Industrie- und Verkehrsinfrastruktur und ein am Boden liegender Agrarsektor – stellten die Menschen vor schier unlösbare Aufgaben.

Mit einem unglaublichen Enthusiasmus ging ein ganzes Volk ungeachtet ethnischer und religiöser Schranken an den Neuaufbau nunmehr »ihres« Staates. Innerhalb von nur zwei Jahrzehnten erarbeiteten sich die Bürger einen Lebensstandard, zu dem die anderen sozialistischen Länder neidisch aufblickten. Der außenpolitisch eingeschlagene »dritte Weg« Jugoslawiens – Abgrenzung gegenüber der versuchten Einflussnahme Moskaus bei gleichzeitiger Distanz zum Westen – war steinig, führte aber zu globaler Akzeptanz und Anerkennung der Föderativen Republik und ihres Präsidenten Tito. Die in diesem Land praktizierte Arbeiterselbstverwaltung in Industrie und Landwirtschaft wurde von den Apologeten der sozialistischen Planwirtschaft kritisiert und von den westeuropäischen Linken bejubelt. Die Erfolge der Anfangsjahre gaben dem Projekt zunächst recht. Bis in die 80er Jahre hatte sich das (relativ) hohe Lebensniveau nicht zuletzt dank der Öffnung des Landes für den internationalen Touristikmarkt stabilisiert. Das gesamte Staatsvolk einte ein gesunder Nationalstolz auf das gemeinsam Geschaffene. Ein seit den 50er Jahren etablierter Länderfinanzausgleich führte auch die ehemals unterentwickelten Republiken und autonomen Gebiete im Süden an die sozialen und wirtschaftlichen Standards der Föderation heran.

Außenpolitisch hatte die SFRJ durchaus Gewicht. Die auf Initiative Titos im September 1961 in Belgrad gegründete Bewegung der blockfreien Staaten repräsentierte 55 Prozent der Weltbevölkerung und war mit zwei Dritteln der Sitze in der UN-Generalvertretung auch und gerade eine nicht zu überhörende Stimme für den in Gang gekommenen antikolonialistischen Befreiungskampf der Völker. Auch der erfolgreiche Abschluss der ersten KSZE im Juli 1973 in Helsinki war im strategischen außenpolitischen Interesse der SFRJ.

Schuldenfalle

Die innen- und außenpolitische Entwicklung des jungen Staates mit seinem konsequenten Streben nach Frieden und Völkerverständigung in der Welt war den Revanchisten in Bonn zunehmend ein Dorn im Auge. In den 60er Jahren hatte die Bundesrepublik Deutschland für mehr als ein Jahrzehnt ihre diplomatischen Beziehungen zur SFRJ abgebrochen. Den Bundesdeutschen war die Doktrin des in den Staatsdienst der BRD übernommenen ehemaligen Nazijuristen Walter Hallstein auf die eigenen Füße gefallen, der zufolge Staaten, die die DDR anerkannten, als »unfreundlich« eingestuft wurden. Das war für die subversiven Aktivitäten des Bundesnachrichtendienstes nicht gerade zielführend; es fehlte schlicht das legale diplomatische »Dach« für Einmischungen in Angelegenheiten jenes »unfreundlichen« jugoslawischen Staates. Nach Angaben des ehemaligen Geheimdienstlers Erich Schmidt-Eenboom wurden die politischen, militärischen und wirtschaftlichen Vorgänge zunächst nur beobachtet. Ende der 60er Jahre wurde über separatistische Kräfte in jugoslawischen Exilorganisationen die Anzahl aktiver Agenten erheblich verstärkt. Mit Beginn der 70er wurden aktive Maßnahmen gestartet, um den Staat zu destabilisieren. »Schließlich sei von 1980/81 an, d. h. unter dem BND-Präsidenten Klaus Kinkel, die Teilung Jugoslawiens mit allen nachrichtendienstlichen Mitteln vorangetrieben worden.«¹⁰

Ab Mitte der 80er Jahre geriet die SFRJ in eine wirtschaftliche Dauerkrise. »Auch die sozialistische Selbstverwaltung hatte es – trotz ihrer unbestreitbaren Vorzüge in puncto Demokratie und Mitbestimmung gegenüber dem administrativ-zentralistischen Sozialismus – nicht vermocht, im Vergleich zur kapitalistischen Profit- und Marktwirtschaft eine höhere Effektivität der gesellschaftlichen Arbeit zu sichern bzw. ein völlig anderes System von Bedürfnissen und zukunftsbedachter Produktion zu schaffen. Das wurde zur entscheidenden Ursache für das Scheitern des jugoslawischen Sozialismusmodells mit allen negativen Folgen für den Versuch, auf dauerhaften Grundlagen eine freie brüderliche Gemeinschaft aller Völker Jugoslawiens zu schaffen.«¹¹

Gemeinsam ließen die Bundesrepublik und deren westeuropäische und transatlantische Freunde Jugoslawien in die Schuldenfalle laufen. Der IWF verhinderte zwar mit der Bereitstellung von Krediten den Staatsbankrott der SFRJ und senkte die Schuldendienstbelastung; das Abhängigkeitsverhältnis wurde dadurch aber nur verstärkt. »Der Preis dafür war hoch, die Folgen waren fatal: Jugoslawien musste sich dem Diktat des Währungsfonds beugen, die Hauptlinien seiner Sozial- und Wirtschaftspolitik wurden immer weniger in Belgrad und immer mehr in Washington, dem Sitz des Währungsfonds, bestimmt. Rigorose Exportorientierung und Rationalisierungsmaßnahmen, strenge Rentabilitätskriterien und Dinar-Abwertung führten zu einem Anwachsen der Arbeitslosigkeit, galoppierender Inflation und einem Sinken der Reallöhne. Statt das Land ökonomisch zu stabilisieren, wurde es politisch destabilisiert. Der Nationalismus erhielt zusätzlichen Auftrieb.«¹² Die Vorbereitungen eines »Regime-Change« im geachteten Vielvölkerstaat durch die »Werteretter der freien Welt« liefen auf Hochtouren.

Stabile Freundschaft

Zwanzig Jahre nach dem ersten Besuch des Landes kehrte der Autor als junger Konsulatsmitarbeiter nach Belgrad zurück. Die Zusammenarbeit zwischen der DDR und der SFRJ stand auf einem stabilen freundschaftlichen Fundament, die wirtschaftliche Zusammenarbeit und der gegenseitige Warenaustausch erreichten ein hohes Niveau. Die Mitarbeiter der Botschaft genossen bei ihren jugoslawischen Partnern überall im Land eine hohe Wertschätzung; die beruflichen Beziehungen führte oft auch zu herzlichen und privaten Kontakten. Dennoch brachte das Jahrzehnt nach dem Tod Titos am 4. Mai 1980 für die DDR-Diplomaten in der Ulica Bircaninova neue Aufgaben mit sich. Nach dem Ableben des Marschalls etablierte die führende Partei, der Bund der Kommunisten Jugoslawiens, ein System des turnusmäßigen Wechsels an der Staatsspitze durch Repräsentanten der einzelnen Republiken und autonomen Gebiete. Damit stand nicht mehr das Wohl der Föderation im Mittelpunkt, sondern egoistische ökonomische und politische Interessen der nach Belgrad entsandten Politiker. Neu auftretende politische Akteure und eine wachsende Opposition gegen den Staatenbund sowie zunehmende mediale und ideologische Angriffe von außen bedurften einer aktuellen und kritischen Bewertung und Analyse. Durch imperialistische Geheimdienste und NGOs wurden Dissidenten und offen gegen den Staat arbeitende Politiker inthronisiert, die unter Berufung auf alte ethnische Befindlichkeiten und religiöse Konkurrenzen ein wachsendes Misstrauen zwischen den Völkern einerseits und dem Volk und der Regierung in Belgrad andererseits provozierten.

Für die Tausenden Touristen, die ihren Urlaub an der Küste verbrachten, oder die Kinder, die zur Genesung von Atemwegserkrankungen auf der Adria-Insel Veli Losinj in einem Sanatorium untergebracht waren (von 1968 bis 1990 über 30.000, von denen die meisten gesund in ihre Heimat zurückkehren konnten), blieb das ohne Belang. Auch die im Land noch verstreut lebenden, ehemals desertierten Wehrmachtsangehörigen, die in der BRD als »Kriegsverräter« behandelt wurden, waren sich der Betreuung durch die DDR-Konsulate in Belgrad und Zagreb sicher.

Geschundenes Land

Ab Mitte der 80er waren sich die im Land akkreditierten Diplomaten der sozialistischen Länder in ihren Einschätzungen einig, dass der Vielvölkerstaat auf nicht kalkulierbare innenpolitische Probleme zutreibt. Ein möglicher Krieg war damals allerdings außerhalb jeglicher Vorstellungskraft. Kurze Zeit später wurde das über Jahre hinweg Unvorstellbare zur bitteren Realität.

Im Sommer 1996 wagten wir wieder eine Reise zu unseren Freunden. Es war eine Fahrt durch Kriegsgebiete, durch ein geschundenes Land; die Erinnerungen daran sind noch heute traumatisch. Zerstörte Häuser und Infrastruktur, eilig angelegte oder erweiterte Friedhöfe mit unzähligen frischen Gräbern. Neben der Hotelanlage in Nähe der Plitvicer Seen sahen wir ein Stabsquartier der kroatischen Armee und auf der Adriamagistrale endlose Konvois der vermeintlichen »Friedenstruppen«. Die gewohnt nächtelangen Gespräche mit unseren Freunden beim Wein blieben aus; sie waren nicht in der Lage zu erklären, was geschah. Auch und schon gar nicht, wie sich Menschen, die über Ethnien und Religionen hinweg über Generationen in Harmonie und Eintracht zusammengelebt hatten, gegenseitig umbrachten.

Nur sehr langsam wächst die Erkenntnis, dass diese Gewalt und dieser Hass nicht einfach wie eine Pandemie ausbrachen. Sie wurden geplant und organisiert. In den zurückliegenden zwei Jahrzehnten begannen die Wunden zu vernarben, vergessen sind die sich gegenseitig zugefügten Schmerzen aber noch lange nicht. Das in einem halben Jahrhundert gewachsene jugoslawische Gemeinschaftsgefühl beginnt, auch bei den nachfolgenden Generationen, wieder Fuß zu fassen. Auch wenn heute, anders als im Vielvölkerstaat, Grenzen passiert werden müssen – man besucht einander wieder, alte Freundschaften und verwandtschaftliche Beziehungen werden neu belebt. In den vergangenen Jahren sind auch die Touristen zurückgekehrt, zumal die, die schon immer die Gastfreundschaft in diesem Teil des Balkans zu schätzen wussten. Auch die Gespräche mit unseren Freunden sind wieder offener; auf unsere Frage nach dem Warum bekommen wir erste, zögerliche und sicher nicht endgültige Antworten.

Ein heißer Spätsommertag 2019 in Belgrad. Vor dem Mausoleum Titos fragt den Autor ein älterer Herr, Veteran der Jugoslawischen Volksarmee: »Woher kommen Sie, aus Deutschland oder der ehemaligen DDR?« Das letzte Mal wurde diese Frage in den 80er Jahren gestellt, und die Leute, die eine solche Frage stellen, werden weniger. Wohltuend ist sie allemal.

Ein Leben mit und über lange Strecken in diesem Land prägt. Es trägt dazu bei, eine Weltsicht, eine Sicht auf die Dinge zu entwickeln, wie es weder Literatur noch ein Studium der Geschichtswissenschaften vermocht hätten. Und: Die persönlichen Freundschaften haben die Zeiten überdauert. Die Gespräche mit unseren Freunden, ob Kroaten, Slowenen oder Bosnier, waren uns immer wichtig, und ihre Einschätzungen prägen nach wie vor unser Verständnis für die Völker in diesem Teil unseres Kontinents. Offenbar waren die Separierung und die Mitgliedschaft in der EU nicht der große Wurf. Ob es einmal wieder einen Vielvölkerstaat geben wird? Zu wünschen wäre es wohl.

Anmerkungen

1 Vgl. Presse- und Informationsamt der Bundesregierung. Bonn, September 1990

2 Autorenkollektiv: Der Fall Jugoslawiens. Hamburg 1999, S. 111

3 Ralph Hartmann: Die ehrlichen Makler. Berlin 1998, S. 17

4 www.spiegel.de/politik/deutschland/wortlaut-auszuege-aus-der-fischer-rede-a-22143.html

5 Serbien News, 17.04.2021

6 Ebd.

7 Günter Wegmann (Hg.): »Das Oberkommando der Wehrmacht gibt bekannt«. Der deutsche Wehrmachtsbericht, Band I, Osnabrück 1982, S. 467

8 Karl Kraus, Ausgewählte Werke, Band 5. Berlin 1978, S. 53 ff.

9 Hartmann, S. 65

10 Autorenkollektiv, S. 99

11 Hartmann, S. 88

12 Ebd., S. 93

Steffen Bayer schrieb an dieser Stelle zuletzt in der Ausgabe vom 12. April dieses Jahres über den Regierungsbericht »30 Jahre Friedliche Revolution und Deutsche Einheit«

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