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Aus: Ausgabe vom 18.06.2021, Seite 12 / Thema
Fortschrittskräfte

Strategische Dilemmata

Die US-amerikanische Linke auf der Suche nach Mehrheiten
Von Margit Mayer
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Um die Arbeiterklasse als politisches Subjekt zu rekonstituieren, ist der Aufbau neuer sozialräumlicher Allianzen nötig (Proteste in Brooklyn Center, Minnesota, am Tag der Erschießung des 20jährigen Afroamerikaners Daunte Wright durch eine Polizistin, 11.4.2021)

Jüngst erschien das neue Heft von Prokla mit dem Schwerpunkt »Die USA vor, mit und nach Trump«. Wir veröffentlichen daraus an dieser Stelle redaktionell gekürzt den Beitrag von Margit Mayer, dessen zweiter Teil im Dezemberheft erscheinen soll. Wir danken für die freundliche Genehmigung zum Abdruck. (jW)

Nachdem der Präsidentschaftskandidat Bernard Sanders aus den demokratischen Vorwahlen ausgeschieden (bzw. hinausgedrängt worden) war, hielt sich die US-amerikanische Linke – in fast all ihren Schattierungen – mit Kritik an Joseph Biden zurück: Es herrschte weitgehend Konsens, dass eine breitestmögliche Unterstützung für diesen Kandidaten notwendig war, um eine Wiederwahl Donald Trumps zu verhindern. Vor allem aus letzterem Grund engagierten sich progressive und linke Organisationen und Bewegungen im Wahlkampf für das Biden-Harris-Ticket, inklusive großer Teile der vorher durch und in der Sanders-Kampagne Mobilisierten. Diese von der Führungsspitze der Demokratischen Partei nicht unbedingt geschätzten Kräfte spielten sogar eine entscheidende Rolle für den knappen Sieg der Demokratischen Partei. Lediglich die »Anti-electoralist Left«, bestehend aus diversen linksradikalen, anarchistischen, sozialistischen und einigen Black-Lives-Matter-Gruppen, verweigerte dieser historisch breiten Wählermobilisierung ihre Unterstützung.

Dank der einmalig breiten Mobilisierung gelang es der Demokratischen Partei zwar, ins Weiße Haus einzuziehen, aber sie konnte keinen einzigen Sitz im Repräsentantenhaus zurückgewinnen, sondern verlor sogar acht Sitze, so dass sie dort nur noch eine schwache Mehrheit hat. Im Senat ergab sich statt der für sicher gehaltenen Machtübernahme (erst nach den Stichwahlen in Georgia) ein Patt von 50:50, eine prekäre Mehrheit ist also nur durch die Stimme der Vizepräsidentin gegeben. In keinem der zwölf Bundesstaaten, die die Demokratische Partei wegen dünner republikanischer Mehrheiten in den legislativen Kammern als chancenreich einschätzte und wo sie entsprechend extensiv Ressourcen einsetzte, konnte sie diese Mehrheiten stürzen.

Kein Honeymoon

Sofort nach Vorliegen der Wahlergebnisse traten die bis November unterdrückten Spannungen und Konflikte zwischen progressivem Flügel und Parteiestablishment wieder an die Öffentlichkeit. Die Linke machte deutlich, dass sie – anders als nach Barack Obamas Wahlsiegen – der neuen Regierung keinen Honeymoon gewähren, sondern prompt den Druck auf die neuen Amtsinhaber intensivieren würde. Die zentristische Parteiführung attackierte ihrerseits den progressiven Parteiflügel – in ihren Worten: »The Hard Left« – und die linken Kongressabgeordneten als verantwortlich für die Verluste im Kongress. Sie skandalisierten deren »radikale Rhetorik«, insbesondere Forderungen wie »Defund the Police« und das Werben für Sozialismus, um damit allerdings auch so populäre Forderungen wie die nach genereller Krankenversicherung (»Medicare for All«) oder die wirtschaftspolitische Agenda von Sanders zu treffen.

Die neue Lage nach Trump bietet der US-amerikanischen Linken schon allein wegen der prekären Beziehungen zwischen Parteiestablishment und progressiven Demokraten kein einfaches Terrain. Selbst eine finanzmarkthörige, sozialismusfeindliche neoliberale Partei strahlt nach vier Jahren republikanischer Vorherrschaft eine gewisse Attraktivität aus. Je mehr sich die Republikanische Partei zur Partei Trumps entwickelt hat, sich also machonationalistisch, protektionistisch, neomerkantilistisch und tendenziell rassistisch definiert hat, desto attraktiver erschien die Demokratische Partei auch der Linken. Obendrein überrascht die neue Regierung bereits in ihren ersten Wochen im Amt: Statt der erwarteten Rückkehr zu einer aufgeklärt neoliberalen »Normalität«, verkörpert von dem seit 1972 in Washington, D. C. als Senator und später als Obamas Vizepräsident wirkenden Politiker, scheint sich nicht nur eine ernsthafte Öffnung für bislang ausgegrenzte »multikulturelle« Gruppen und Themen abzuzeichnen, sondern auch eine Rückkehr zu starken staatlichen Interventionen im Interesse der 90 anstatt der obersten zehn Prozent. Die Verabschiedung des American Rescue Plan zur Bekämpfung der Pandemie sowie ihrer desaströsen ökonomischen und sozialen Folgen wird als Umkehr des seit Ronald Reagan herrschenden Credos »Der Staat ist nicht die Lösung unserer Probleme, sondern er ist das Problem« gefeiert. In seiner ersten großen Fernsehrede an die Nation am 11. März sagte Biden, dass der Staat, der seit 1981 primär genutzt wurde, um Steuern zu kürzen (wovon die Reichen profitieren), nun dazu dienen werde, »um arbeitende Familien und Kinder zu unterstützen«.

Die Einkommens- und Vermögensungleichheit hat sich im Lauf der letzten 40 Jahre neoliberaler Politik enorm verschärft; wie eine Studie des Thinktanks »Research and Development« (Rand) eindrücklich belegte, wurden in dieser Zeit 47 Billionen US-Dollar von den unteren 90 Prozent an die oberen zehn Prozent umverteilt. Die Billionengeschenke konzentrieren sich insbesondere auf die obersten 0,1 Prozent: Diese Superreichen haben im Verlauf dieser 40 Jahre ihren Anteil am Reichtum der US-amerikanischen Nation auf 20 Prozent gesteigert. Nach dem ersten Jahr der Pandemie sind nicht nur die Arbeitslosigkeits- und Armutsraten auf neue Rekordhöhen angestiegen, sondern auch die Vermögen der 657 Milliardäre US-Amerikas – um mehr als 1,3 Billionen US-Dollar, also um knapp 45 Prozent. Die CEOs Jeffrey Bezos (Amazon) und Elon Musk (Tesla) besitzen jetzt (zusammen) 420 Milliarden US-Dollar – d. h. doppelt soviel wie die gesamte untere Hälfte der US-amerikanischen Bevölkerung.

Die Wirtschaftskrise und die dramatisch explodierte Verarmung¹ der unteren Hälfte der US-amerikanischen Gesellschaft führen allerdings auch dazu, dass linke Forderungen (wie ein 15-US-Dollar-Mindestlohn, Kindergeld, Elterngeld, Gratis-Kitas, freies College, allgemeine Krankenversicherung), zu denen sich die Demokratische Partei bislang nicht durchringen konnte, breite Popularität unter den Wählern genießen. Das zeigte sich nicht nur in den beiden Präsidentschaftskampagnen von Sanders 2016 und 2020, sondern auch bei erfolgreichen einzelstaatlichen Abstimmungen im Rahmen der bundesweiten Wahl im November 2021 u. a. in Florida (Mindestlohn) sowie Oregon und Colorado (Universal Preschool). Während der Druck auf die Demokratische Partei für einen radikalen Politikwechsel in Richtung Umverteilung also erheblich gewachsen ist, stellen die Machtbalance im Kongress und eine konservative 6:3-Mehrheit im Obersten Gericht eine hohe Hürde für die Umsetzung einer solchen Politik dar.

Spielfeld blockiert

Die Republikanische Partei selbst konstituiert eine bestimmende restriktive Struktur: Zwar verloren die Republikaner die Präsidentschaft und die Führung im Senat, aber sie gewannen 15 neue Sitze im Kongress. Sie gingen eigentlich gestärkt aus der Wahl hervor, insofern Trump gegenüber 2016 seine Performanz in fast jeder demographischen Gruppe (außer bei Collegeabsolventen und weißen Männern) verbessert hat. Gerade die Wähler der unteren Einkommensschichten waren fast 50:50 gespalten, vor allem diejenigen ohne Collegeabschluss haben sich seit 2012 zusehends von den Demokraten ab- und den Republikanern zugewandt.

Obendrein haben die Republikaner während der Ära Trump (mit tatkräftiger Unterstützung des Mehrheitsführers im Senat, Mitch McConnell) das »Spielfeld« strukturell und langfristig zu ihren Gunsten geprägt. Das Gros der Gesetzgebung erfordert nach wie vor mindestens 60 Stimmen im Senat. Und die Strategie der konservativen Besetzungen von Richterposten (Trump hat insgesamt 234 Bundesrichter ernannt, deutlich mehr und deutlich konservativer als frühere Präsidenten) zahlt sich bereits aus, indem diese Richter Bidens umwelt- und klimapolitische Initiativen blockieren. Auch vielfältige Maßnahmen zur Wahlunterdrückung (Voter Suppression), mit denen die Ausübung des Wahlrechts insbesondere von Gruppen und in Distrikten, die potentiell für die Demokratische Partei stimmen, eingeschränkt wird, hatten das Wahlergebnis bereits bei den vergangenen Wahlen im Sinn der Republikaner beeinflusst. Seither wurden (Stand Mitte Februar) in 43 Einzelstaaten mehr als 253 weitere verschärfte Gesetzentwürfe eingebracht. Als erstes wurde in Georgia ein solches die Wahlbeteiligung unterminierendes Gesetz in beiden Häusern verabschiedet und von Gouverneur Brian Kemp am 25. März 2021 unterzeichnet: Es erschwert die Stimmabgabe durch zeitliche und räumliche Einschränkungen der Wahlmöglichkeiten, unter anderem dadurch, dass Briefwahlen schwieriger gemacht und die Zahl der Wahllokale verringert werden; auch wird das Verteilen von Wasser an die in den langen Warteschlangen anstehenden Wähler kriminalisiert.

Im Wahlkampf demonstrierte die Führung der Demokratischen Partei, dass sie unfähig oder desinteressiert ist, mit den Menschen auf dem flachen Land, in Kleinstädten und ländlichen Gemeinden zu kommunizieren. Aktivisten vor Ort beklagten, dass die von beauftragten Beraterfirmen ausgearbeiteten Kampagnen primär urbane und suburbane Mittelschichten vor Augen gehabt hätten – im verarmten Südtexas oder im ländlichen Pennsylvania kamen sie jedenfalls nicht an, obwohl Sanders in den Vorwahlen in solchen Landesteilen hohe Gewinne eingefahren habe.

Allerdings ignoriert(e) die Demokratische Parteiführung nicht nur die Interessen der abgehängten Bewohner ländlicher Gebiete, sondern genauso die der verarmten, häufig rassifizierten arbeitenden Klassen der urbanen Regionen. Sie fokussiert statt dessen auf die gebildeten metropolitanen Mittelschichten. Mehrheiten mit einem BA-Abschluss existieren jedoch nur in 26 von 435 Wahldistrikten. In 288 Wahldistrikten machen Wähler ohne Collegeabschluss mindestens zwei Drittel der potentiellen Wählerschaft aus. Für eine Koalition, die von gebildeten metropolitanen Schichten abhängig ist, stellt dies eine harte Obergrenze dar. Wenn selbst die enorme Wählermobilisierung von 2020 mit 81 Millionen Stimmen für Biden im Wahlsystem der USA nur hauchdünne Mehrheiten produzierte, werden umwälzende Reformen wie »Medicare for All« schwer durchsetzbar. Matt Karp, Professor an der Princeton University, zeigte an einer Reihe von Ballot initiatives (Volksinitiativen, jW), dass Distrikte, in denen mehrheitlich arme Arbeiterschichten leben, solche Vorhaben wirtschaftlicher Umverteilungen befürworteten, in reichen suburbanen Distrikten wurden sie dagegen abgelehnt.²

Millionen mobilisiert

Bernie Sanders beendete seine zweite Präsidentschaftskampagne am 8. April 2020. Anders als sonst in der US-amerikanischen Geschichte, wo es starke Bewegungen waren, die einen Präsidenten beeinflussen, nutzte er seine Bewerbung um das Präsidentenamt, um für »Universal public programs« zu werben, dafür, Reichtum umzuverteilen und das Gesundheitssystem vom Profitstreben zu befreien. Auch führte er seinen Wahlkampf weniger auf die typische professionelle Art, sondern eher wie »Old-school political organizing«. Damit mobilisierte er Millionen von Anhängern, von denen viele nach seinem Ausscheiden aus dem Rennen nach anderen Wegen suchten, sich für die Realisierung seiner Forderungen einzusetzen.

Als die Protestwelle im Gefolge der Ermordung von George Floyd (25.5.2020) ausbrach, wurde die Bewegung Black Lives Matter (BLM) zu einem Auffangbecken für viele dieser Sanders-Unterstützer. Im Pandemie- und Wahlkampfjahr 2020 geriet der Slogan »Black Lives Matter« ins Zentrum einer der größten Protestbewegung in der US-amerikanischen Geschichte. Der Mord an George Floyd hat nicht nur den Protest gegen Polizeigewalt neu entfacht, sondern eine Bewegung nie dagewesener Ausbreitung und Resonanz ausgelöst, die sich von anfänglichen lokalen Aufständen zu einer US-weiten multiethnischen, über Monate anhaltenden Massenbewegung entwickelte. Linke und progressive Gruppen aller Provenienz – außerparlamentarische wie elektoral orientierte, antikapitalistisch wie reformistisch ausgerichtete – engagierten und verbanden sich mit dieser Bewegung, um sie zu unterstützen und/oder sie zu nutzen, die eigene Basis zu erweitern. Die Pandemie hatte bislang verdeckte Zusammenhänge zwischen rassistischer Diskriminierung, Armut, Strafjustiz und Gesundheitsrisiken dramatisch sichtbar gemacht, und nun skandalisierte die Bewegung, wie ungebrochen wirkmächtig nach wie vor rassistische Benachteiligung und Misshandlung in sämtlichen gesellschaftlichen Bereichen sind.

Die Breite und Vehemenz dieser Mobilisierung sorgte für vielerlei Absichtserklärungen und Initiativen in Politik, Stiftungswesen und Wirtschaft, insbesondere auch bei den PR-Abteilungen großer Konzerne. Dagegen stellte die Bewegung eine zuvor eher in randständigen linken Kreisen thematisierte Forderung, nämlich die Finanzmittel für Polizeikräfte zu kürzen. Die Mittel seien besser in der kommunalen Daseinsvorsorge, in sozialen Dienstleistungen, bezahlbaren Wohnungen und einem öffentlichen Gesundheitssystem angelegt. Denn hier haben die Kommunen im Lauf der letzten Jahre drastisch gekürzt, während sie die bereits seit den 1970er Jahren expandierenden Polizeibudgets erhöhten, so dass in vielen Städten die Ausgaben für die Polizei mit mehr als 30 Prozent des Gesamthaushalts den größten Posten ausmachen.

Während dieser Sommermonate 2020 konnte man beobachten, dass in der US-Linken offenbar zwei unterschiedliche politische Strategien verfolgt werden: zum einen die Parteistrategie, die – wie die Democratic Socialists of America (DSA) – auf den »Marsch durch die Institutionen« setzt, indem sie versucht, Kandidaten wie Sanders in politische Ämter zu wählen und den linken Flügel der Demokratischen Partei zu stärken; zum andern die Strategie der Straße, die – wie in Minneapolis, Portland oder Kenosha geschehen – auf breite multiethnische, häufig von Schwarzen angeführte Aufstände setzt und wo Freiräume erkämpft und herrschaftsfreie, präfigurative Lebensweisen erprobt werden.

Je nach Ausprägung der lokalen Bewegungsmilieus formierten sich aus diesen Aufständen ganz unterschiedliche Praktiken, die in bezug auf den Staat auch unterschiedliche Strategien entwickelten. Während für viele Gruppen die neue Biden-Harris-Regierung genauso starken Widerstand verdient wie die Trump-Regierung, suchen viele dem amorphen »Movement for Black Lives« zugehörigen Organisationen durchaus auch die Nähe zur Demokratischen Partei.

Verschiedene Ansätze

Die demokratisch-sozialistische Linke, verkörpert insbesondere von DSA (aber auch diversen anderen ähnlichen Organisationen wie der Working Families Party oder den Justice Democrats), hat diese Chancen mit Nachdruck und großer medialer Sichtbarkeit ergriffen. Die aus der Neuen Linken hervorgegangene Organisation Democratic Socialists of America (DSA) hat seit der ersten Sanders-Kampagne und Alexandria Ocasio-Cortez’ Sieg starken Zulauf erfahren: Lag ihre Mitgliederzahl zwischen 2011 und 2015 noch bei 6.000, so stieg sie im November 2016 auf 10.000 und erreichte im Juni 2018 mit den Erfolgen der DSA-Mitglieder Ocasio-Cortez und Rashida Tlaib bei den Vorwahlen die Marke von 40.000. Heute zählt die Organisation circa 90.000 Mitglieder, die in 181 relativ autonomen Ortsgruppen organisiert sind.

Während die Organisation zahlenmäßig wuchs und dank Sanders’ Präsidentschaftskampagnen auch an nationaler Präsenz und Schlagkraft gewann, erweiterte und verstärkte sie ihre Aktivitäten auf unterschiedlichen Feldern mit diversen Strategien und vor allem mit dem Ziel der massenhaften politischen Organisierung. Neben Kampagnen um leistbaren Wohnraum, gegen Zwangsräumungen und gegen Polizeigewalt engagierten sich DSA-Gruppen in Kämpfen für den »Green New Deal«, z. B. für öffentliche Energieversorgungsunternehmen auf lokaler wie einzelstaatlicher Ebene, und organisierten betriebliche und gewerkschaftliche Kämpfe, sehr erfolgreich auch (zunächst wilde) Streiks unter Lehrergewerkschaften in den konservativen Südstaaten West Virginia, Oklahoma und Arizona.

Die »Theoretiker« der Parteistrategie argumentieren, dass es heutzutage aufgrund der Erosion von Massenorganisationen und Gewerkschaften außer Wahlkampagnen kaum Möglichkeiten gebe, ein Massenpublikum regelmäßig anzusprechen und zu politisieren. Wahlkämpfen und den hier geführten Auseinandersetzungen um staatliche Maßnahmen kämen also eine zentrale Rolle für die Rekonstitution der Arbeiterklasse als politisches Subjekt zu. Die katalysierenden Effekte der Sanders-Kampagnen bestärkten DSA darin, die Vorwahlen der großen Parteien zu nutzen, um ihre eigenen Kandidaten ins Rennen zu schicken. Auf nationaler Ebene unterstützte DSA im Wahlkampf lediglich Sanders; nach dessen Ausscheiden konzentrierte sie sich auf die Unterstützung sozialistischer Kandidaten und progressiver Ballot Initiatives auf lokaler und regionaler Ebene, enthielt sich aber jeder Wahlwerbung für Biden.

Da die traditionellen Parteistrukturen in vielen einzelstaatlichen und lokalen Distrikten (im Gegensatz zum Democratic National Committee) arg sklerotisch sind, gehen die DSAler davon aus, dass sich diese Strukturen und die jeweiligen Amtsinhaber kaum gegen rebellische Kandidaten verteidigen können, die auf dem Ticket der Demokraten gewinnen. Im vergangenen November kandidierten insgesamt 48 DSA-Mitglieder, 36 von ihnen waren erfolgreich. Neben den sechs Kongressabgeordneten sind zur Zeit mehr als 100 gewählte Vertreter auf einzelstaatlicher oder lokaler Ebene DSA-Mitglieder, darunter sechs Angehörige des Chicagoer Stadtrats. Einen besonders spektakulären Erfolg erzielte DSA in Georgia mit Graswurzelmobilisierungen für die Stichwahl für zwei Senatsposten Anfang Januar 2021, womit erstmalig ein schwarzer Senator aus einem Südstaat nach Washington entsandt und die knappe Mehrheit im Senat überhaupt erzielt wurde.

Diese politische Strategie eines linken Reformismus steht dennoch, auch aus Sicht ihrer Verfechter, einem strategischen Dilemma gegenüber. Dieser Teil der Linken rekrutiert sich primär aus den »Professional and Sub-professional Settings« der städtisch bzw. metropolitan geprägten Distrikte, in denen auch die (geschrumpften) gewerkschaftlich organisierten Teile der Arbeiterklasse sowie das Gros der sozialen Bewegungen konzentriert sind. Er reproduziert in gewisser Weise das gleiche Problem, das die Demokratische Partei hat, deren Wählerbasis zu eng ist: geographisch zu sehr auf die Metropolen eingeschränkt, zu gebildet und zu reich.

Distanzen aufheben

Die Distanz zwischen dieser Welt (die zu linken Positionen in Wirtschaftsfragen tendiert und sich auch stark für »identitätspolitische« Themen engagiert) und den exurbanen, ländlichen oder kleinstädtischen Regionen (deren Bewohner durchaus progressive Positionen in Wirtschaftsfragen vertreten, aber häufig konservative in soziokulturellen Fragen) ist für die sozialistische Linke bislang schwer zu überwinden. Obendrein benachteiligt die strukturelle Selektivität des US-amerikanischen politischen Systems just jene Gebiete (Großstädte und stadtnahe Vororte), in denen die Linke stark ist und eigene Kandidaten aufstellt. Wenn es nicht gelinge, auch in exurbanen Gebieten eine Basis zu entwickeln und aus den Dichotomien städtisch-ländlich, gebildet-nicht gebildet, weiß-POC (People of Color) auszubrechen, »werden wir Minderheiten in den Parlamenten bleiben«, sagt DSA-Mitglied Chris Maisano.³

Strategen dieser sozialistischen Linken schlussfolgern daraus, dass der Aufbau neuer sozialräumlicher Allianzen vordringlich sei. Dort, wo die Linke bereits präsent ist (beispielsweise im Gesundheitssektor oder bei Lehrern), aber auch in der für die wirtschaftliche Entwicklung so wichtigen Logistikbranche, sollte betriebliche Organisierung geleistet werden. Gerade in den logistischen Umschlagplätzen, die vor allem in kleinstädtischen und ländlichen Gegenden angesiedelt werden, wo die Linke schwach ist, werde sich demnächst zeigen, wie stark die US-amerikanische Arbeiterklasse ist. Maisano sieht diese Arbeit als Teil der ohnehin anstehenden Konfrontation mit der Macht von Big Tech: Schließlich dominieren die großen Technologiefirmen nicht nur die Aktienmärkte, sondern definieren zusehends unser Leben und sind zentrale Player in der globalen politischen Ökonomie. Der Kampf gegen Big Tech erlaube obendrein, die für die Linke so notwendigen politischen Allianzen herzustellen.

An der Rolle und den Praktiken der Internetgiganten entzünden sich bereits seit Jahren zahlreiche Arbeitskämpfe. Im März/April 2021 sorgte der Kampf um die gewerkschaftliche Organisierung der knapp 6.000 Lagerarbeiter bei Amazon in Bessemer, Alabama für landesweite Resonanz und Unterstützung. Die (mehrheitlich weiblichen, zu 85 Prozent afroamerikanischen) Arbeiter stimmten darüber ab, ob sie sich von der Retail, Wholesale and Department Store Union (RWDSU) vertreten lassen wollen. Bei diesem ersten Versuch, ein Amazon Warehouse gewerkschaftlich zu organisieren, gewann Amazon. Dennoch hat die Kampagne schon ähnliche Organisierungsversuche an anderen Lagerzentren beflügelt. Darüber hinaus bieten die Technologiegiganten Anlass, eine Reihe weiterer Konflikte zu politisieren und so der Linken Gelegenheit zu geben, sowohl ihre Basis zu erweitern als auch progressive gesellschaftliche Veränderungen voranzutreiben: sei es durch Unterstützung der Kleinunternehmen, denen Amazons Marketplace und Apples App Store enorme Gebühren abverlangen, oder sei es durch die Verteidigung von Redefreiheit, deren Einschränkung (durch Facebook, Twitter etc.) bislang eher von Rechten skandalisiert wird.

Anmerkungen

1 Das Beispiel Hunger verdeutlicht die Dramatik: Die Ernährungsunsicherheit in den USA (2019 bei 10,5 Prozent der Bevölkerung) hat sich seither mehr als verdoppelt. Etwa ein Fünftel der Bevölkerung hat nicht immer Zugang zu Essen. 54 Millionen US-Amerikanerinnen und -Amerikaner, also etwa ein Sechstel, waren Ende letzten Jahres auf Unterstützung angewiesen (Bauer 2020 und Signer 2021).

2 Karp: The Politics of a Second Gilded Age, in: Jacobin 40: S. 95–105, 2021, S. 101 f., jacobinmag.com

3 Chris Maisano: A Left that Matters, 2021, socialistforum.dsausa.org

Margit Mayer lehrte Politikwissenschaft u. a. am John-F.-Kennedy-Institut für Nordamerikastudien der FU Berlin und ist Mitglied im wissenschaftlichen Beirat von Prokla. Am 24. Juni um 18.15 Uhr diskutiert sie zusammen mit Christoph Scherrer unter dem Titel »Die USA vor, mit und nach Trump« über die aktuelle politische Lage in den Vereinigten Staaten. Nähere Infos unter prokla.de.

Prokla. Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft, Heft 203, 51. Jahrgang, Juni 2021, 204 Seiten, 15 Euro. Zu bestellen unter: buchladen-weltkugel.de

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