3 Monate junge Welt für 62 €
Gegründet 1947 Dienstag, 27. Juli 2021, Nr. 171
Die junge Welt wird von 2567 GenossInnen herausgegeben
3 Monate junge Welt für 62 € 3 Monate junge Welt für 62 €
3 Monate junge Welt für 62 €
Aus: Ausgabe vom 18.06.2021, Seite 3 / Schwerpunkt
Wetten im Netz

Ein Mausklick zum Ruin

Ab 1. Juli wird Onlineglücksspiel in der BRD legal. Anbieter eröffnen Filialen gezielt in Armutsvierteln
Von Bernhard Krebs
imago0079743903h.jpg
Profite in Aussicht: Mit Inkrafttreten des Glücksspielstaatsvertrags bricht für die Anbieter ein »neues Zeitalter« an

Die Glücksspielbranche steht seit Jahren im Ruf, ein äußerst »lockeres« Verhältnis zu Recht und Gesetz zu haben. Doch statt mit strafrechtlicher Verfolgung bedacht zu werden, wird die Branche nun vom Staat mit Legalität belohnt.

Mit Inkrafttreten des Glücksspielstaatsvertrags der Bundesländer am 1. Juli sind bislang illegale Glücksspiele wie Onlinepoker, -casinos oder -automatenspiele deutschlandweit erlaubt. Bislang konnte nur in Schleswig-Holstein legal im Netz gezockt werden. 2011 war das Bundesland unter der »schwarz-gelben« Regierung von Ministerpräsident Peter Harry Carstensen (CDU) und dem damaligen FDP-Fraktionsvorsitzenden und heutigen Bundestagsvizepräsidenten Wolfgang Kubicki – zwei prominente Lobbyisten der Branche – einen Sonderweg gegangen.

Im April frohlockte der Deutsche Sportwettenverband (DSWV) nach der Ratifizierung des Vertrags über den Anbruch eines »neuen Zeitalters«. Seit 2014 trommeln die Lobbyisten für eine Liberalisierung des Marktes. Gewinner des Staatsvertrags sind nach Ansicht des Verbandes auch nicht die Anbieter, sondern die Spieler, weil »höchste Ansprüche des Verbraucher- und Jugendschutzes, der Spielsucht- und Betrugsprävention« erfüllt würden, wie DSWV-Präsident Mathias Dahms auf der Verbandshomepage zitiert wird.

Ein Blick auf die zentralen Bestandteile des Vertrags macht jedoch deutlich: Verbraucherschutz und Spielsuchtprävention landeten eher als Bettvorleger vor den Profitinteressen der Branche. Und die sind gewaltig: Laut DSWV wies der deutsche Markt allein bei Sportwetten 2019 Gesamtumsätze in Höhe von 9,28 Milliarden Euro auf. Das entspricht einem Plus von 21 Prozent im Vergleich zu 2018. Davon will der Staat Geld abhaben. Der Staatsvertrag sei »eher dahingehend geprägt, zusätzliche öffentliche Einnahmen zu generieren«, statt das Onlineglücksspiel zu begrenzen, kritisierte Hermann Schaus, innenpolitischer Sprecher der Fraktion Die Linke im Hessischen Landtag, auf jW-Nachfrage

Im DSWV – für den neben Carstensen und Kubicki auch Peter Ramsauer (CSU) und der Sportfunktionär Michael Vesper (Bündnis 90/Die Grünen) in einem Imagevideo Gesicht zeigen – sind die Big Player des Sportwettmarkts organisiert. Darunter auch Tipico, Deutschlands größter Sportwettenanbieter, der auch Internetglücksspiel im Portfolio hat. Laut einer kürzlich veröffentlichten Recherche des Nachrichtenmagazins Der Spiegel, soll das 2004 von vier Karlsruhern auf Malta gegründete Unternehmen bei seinem Aufstieg die Grauzonen auf dem Markt mit legalen, anrüchigen und auch illegalen Mitteln konsequent ausgenutzt haben. Der Spiegel zählt neben geradeso noch legalen Steuertricks auch Steuerbetrug auf, der aufgrund von Selbstanzeigen straffrei blieb. Ferner soll Tipico bei der Auswahl seiner Geschäftspartner und Franchisenehmer nicht zimperlich gewesen sein. Kriminelle Vergangenheiten oder Kontakte zum organisierten Verbrechen sollen das Unternehmen nicht von der Zusammenarbeit abgehalten haben. Gleichzeitig polierte das Unternehmen mit Sponsoring von Bundesligavereinen und mit dem Gesicht von »Torwarttitan« Oliver Kahn (»Ihre Wette in sicheren Händen«) über Jahre das anrüchige Image des Wettanbieters auf.

Tipico soll auch von »zynisch anmutenden Geschäftsmodelle(n)« profitiert haben, wie es im Magazin heißt. Viele der rund 1.300 Filialen in Deutschland und Österreich sollen gezielt in ärmeren Gegenden mit hohem Migrantenanteil eröffnet worden sein. Demnach habe eine Analyse ergeben, dass das meiste Geld dort zu verdienen sei, wo die Einkommen gering sind. Ein Tipico-Sprecher wies die Vorwürfe auf jW-Nachfrage zurück. Der Spiegel habe aus einer »extern erstellten Marktanalyse« zitiert, die sich Tipico nicht zu eigen gemacht habe. »Eine solche Herangehensweise entspräche auch nicht den Unternehmenswerten«, hieß es in der Stellungnahme weiter, ohne genauer auszuführen, welche »Werte« Tipico vertritt. Hermann Schaus ist dennoch der Ansicht, dass bei den »landesspezifischen Detailregeln« einem solchen Geschäftsmodell ein Riegel vorgeschoben werden müsse: »Es darf nicht sein, dass gerade in Gegenden, wo ärmere Familien wohnen, gezielt Wettbüros eröffnet werden.«

Trotz des guten Ergebnisses ist für die Anbieter mit dem Glücksspielstaatsvertrag 2021 die Messe noch nicht gelesen, weitere Forderungen liegen schon auf dem Tisch: »Der Steuersatz von 5,3 Prozent auf die Einsätze ist im internationalen Vergleich viel zu hoch«, hieß es schon im April in einer DSWV-Mitteilung. Eine Steuer in dieser Höhe führe nur dazu, dass Spieler in den Schwarzmarkt ausweichen. Und der sei, wie es in der Tipico-Antwort an jW heißt, »nur einen Mausklick entfernt«. Bei den guten Kontakten der Branche zu den politischen Entscheidungsträgern ist es wohl nur eine Frage der Zeit, bis auch die Steuern sinken. Top, die Wette gilt!

Hintergrund: »Natürlicher Spieltrieb«

Den Abschluss des Glücksspielstaatsvertrags 2021 begründen die Länder mit hehren Zielen. Es gelte »das Entstehen von Glücksspielsucht und Wettsucht zu verhindern und die Voraussetzungen für eine wirksame Suchtbekämpfung zu schaffen«. Auch den Jugend- und Spielerschutz schreiben sich die Länderchefs auf die Fahnen. So soll ein Zurückdrängen »illegaler Onlineangebote« erreicht und garantiert werden, dass »Glücksspiele ordnungsgemäß durchgeführt«, die Spieler vor betrügerischen Machenschaften geschützt und die mit »Glücksspielen verbundene Folge- und Begleitkriminalität abgewehrt« wird. Auch Wettbewerbsmanipulationen wollen die Bundesländer »beim Veranstalten und Vermitteln von Sportwetten« vorbeugen. Erreicht werden soll all dies »durch ein begrenztes (…) Glücksspielangebot«, um den »natürlichen Spieltrieb der Bevölkerung in geordnete und überwachte Bahnen zu lenken«.

Das Bild des »natürlichen Spieltriebs« argumentativ mit dem Zocken beim (Online-)Glücksspiel in einem Gesetzestext kurzzuschließen hat mindestens etwas Abenteuerliches. Das findet auch der Fachbeirat Glücksspielsucht, eine unabhängige Einrichtung zur Beratung der Länder, die den Ministerpräsidenten in einem Brief im Februar 2020 nahelegte, die Wendung »natürlicher Spieltrieb« durch die Formulierung »Nachfrage nach Glücksspiel« zu ersetzen. Und unter Rückgriff auf die englische Sprache erklärte der Beirat auch den Unterschied zwischen Spiel (Play) und Glücksspiel (Gamble). Während dem »freien Spiel« in der Entwicklung von Kindern eine wichtige Rolle beigemessen werden könne, könne das für das Glücksspiel offenkundig ausgeschlossen werden, heißt es in dem Brief.

Wäre dem nicht so, das Vertragsziel Jugendschutz wäre überflüssig. Und auch im Erwachsenenalter nehmen Glücksspiele nur eine untergeordnete Rolle ein. Laut dem letzten Survey der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zu Glücksspielverhalten und Glücksspielsucht in Deutschland aus dem Jahr 2017 hatten lediglich 37 Prozent der Bevölkerung in den vorangegangenen zwölf Monaten an Glücksspielen teilgenommen. (bks)

Marx für alle!

Die junge Welt gibt's jetzt im Aktionsabo! Für 62 € erhältst du 3 Monate lang die gedruckte Ausgabe der jW, danach endet das Abo automatisch.

Jetzt selber abonnieren, verschenken oder schenken lassen!

Zur neuen Leserbrieffunktion auf jungewelt.de

  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Ralf S. aus Gießen (17. Juni 2021 um 22:50 Uhr)
    Ein Schelm, wer auf den Gedanken kommt, die Legalisierung/Etablierung von Glücksspiel sei eine nachholende Begleiterscheinung des fortschreitenden Spätkapitalismus. Wenn immer mehr Menschen immer öfter dauerhaft abgehängt werden von Mittel- und Oberschicht, dann dient Glücksspiel eben der Bedienung des »Spiels« bezüglich des berühmten »Brot und Spiele«. Zudem wird Glücksspiel für den ein oder anderen Einkommensschwachen irrigerweise auch als leichte Möglichkeit gesehen werden, sein Einkommen aufzubessern. Da das Publikum leider eher »bildungsfern« ist (mir fällt kein besserer Begriff ein), interessiert sich diese Kundschaft eher weniger für die rationale Frage danach, wie das Geschäftsmodell von Glücksspiel funktioniert und wie die Statistiken da aussehen, die zeigen, dass die einzigen, die damit dauerhaft und durchgehend Geld verdienen, die Anbieter sind. Bei der Aussicht auf schnelles, leichtes Geld, besonders in der real existierenden Konsumgesellschaft, wo man gar nicht genug Geld haben kann um sich all den Krempel kaufen zu können, der einem Glück verspricht, schaltet der Verstand allzuoft und allzuschnell ab.

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

Mehr aus: Schwerpunkt

Marx für alle! 3 Monate Tageszeitung junge Welt lesen für 62 €. Jetzt bestellen!