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Aus: Ausgabe vom 19.06.2021, Seite 11 (Beilage) / Wochenendbeilage
80 Jahre Überfall auf Sowjetunion

Der vergessene Findling

In einem brandenburgischen Dorf befindet sich eine weithin unbekannte Stätte der Erinnerung an Soldaten der Roten Armee und alle Kriegstoten
Von Michael Polster
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Maschinengewehrschützen der Roten Armee 1941 im Fernen Osten der UdSSR

Auf dem Friedhof der kleinen uckermärkischen Gemeinde Götschendorf, am Rand der Schorfheide beim Kölpinsee gelegen, fällt dem aufmerksamen Besucher ein großer Findling ins Auge. Er liegt etwas versteckt unter altehrwürdigen Bäumen und hat, wie es scheint, in einem »Dornröschenschlaf« die Zeit überdauert. Weder ein Hinweisschild noch die kaum zu entziffernde Schrift, die auf ihm eingemeißelt ist, verrät seine wahre Geschichte. Seit Jahren gehen die Friedhofsbesucher hier ein und aus und pflegen ihre Gräber, ohne von ihm Kenntnis zu nehmen oder dem neugierigen Besucher dazu Auskunft geben zu können.

Götschendorf ist einer jener märkischen Orte, dem einst Junker das Gepräge gaben. Inmitten des Dorfes mit alten Bauernhäusern besaßen sie das herrschaftliche Schloss, das nach dem Ersten Weltkrieg zunächst Konzernchef und Hitler-Sponsor Fritz Thyssen erwarb und 1942 im Besitz von Hermann Göring war. Er brachte hier Jagdgäste und sogar Teile des Luftfahrtministeriums unter. 1945 wurde das Gebäude Flüchtlingsunterkunft, nach 1960 war es Erholungsheim der Nationalen Volksarmee (NVA), später Betriebsferienheim. Seit 1989 stand es leer.

Nur wenige Schritte vom Friedhof entfernt, befindet sich heute neben dem imposanten Gebäude eine russisch-orthodoxe Kirche. Sie ist das weithin sichtbare Zeichen dafür, dass auf dem Gelände eine kirchliche Einrichtung existiert: Im Jahr 2006 kaufte die Berliner Diözese der Russisch-Orthodoxen Kirche das Gutshausareal und gründete dort das Kloster St. Georg.

Eine Episode in der Geschichte des Schlosses, die das Internet oder Google nicht preisgeben, stammt aus der frühen DDR. Von 1953 bis 1960 war hier die »Zentralschule des Deutschen Friedensrates« untergebracht, genannt die »Friedensschule«, unter Leitung des späteren Sekretärs des DDR-Friedensrates Fritz Rathig (1922–1997). Sie wurde am 8. April 1953 in Götschendorf feierlich unter Teilnahme von Vertretern des Deutschen Friedensrates aus Ost- und Westdeutschland eröffnet. Sein damaliger Generalsekretär Heinz Willmann rief in seiner Ansprache dazu auf, in der Schule neue Kämpfer für Deutschlands Einheit und den Frieden heranzubilden. »Deutschland muss ein Hort des Friedens werden« — diese Worte leuchteten hinter dem Rednerpult hervor. Die Aktivitäten, die von der Schule ausgingen und auch hinein ins Dorf wirkten, waren vielfältig. Es gab bald einen Ortsfriedensrat und sogar eine eigene Zeitung, die Götschendorfer Stimme. Ein Kindergarten wurde gegründet, und gemeinsam feierte man den ersten Mähdrescher im Dorf. Überlieferte Fotos belegen für die damalige Zeit ein reges Gemeinschaftsleben im Dorf, das die Friedensschule aktiv unterstützte.

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»Die Toten mahnen uns. Erhaltet das Leben, kämpft für den Frieden!«

In dieser Zeit liegt auch der Ursprung des Findlings mit seiner verwitterten Inschrift auf dem Friedhof. Er wurde am 8. Mai 1955 aufgestellt, d. h. am Tag der Befreiung zehn Jahre nach 1945. Schulleiter Rathig schreibt dazu in seinem Lebensbericht: »Während einer dörflichen Versammlung ziemlich zu Anfang unserer Arbeit hatte ich Beispiele aus meiner eigenen Kriegserfahrung gebracht (Kämpfe am Wolchow 1942), wo ich zig deutsche Gefallene an den Knüppeldämmen gefunden hatte, von denen viele keine Erkennungsmarken oder Teile derselben mehr hatten. Sie waren und blieben unbestattet; denn keiner konnte sich um sie kümmern. ›Vermisst‹ war die lakonische Meldung an die Angehörigen, die nun Jahre vergeblich auf die Rückkehr warteten. Nach dieser Versammlung kam ein Bauer zu mir und fragte, ob ich wisse, dass auch im ›Schlossgarten‹ Gräber von Gefallenen seien, aber von ›Russen‹. Ich hatte von den deutschen, auf dem Friedhof beigesetzten zehn Gefallenen der letzten Kämpfe ums Dorf gehört, war aber über den Hinweis auf die toten Angehörigen der sowjetischen Armee zutiefst überrascht. Und das um so mehr, als ich erfuhr, dass sie unter dem Schuttberg neben dem Kartoffelkeller auf dem Schulgelände lagen. (Wir hatten immer noch nicht allen Unrat beseitigen können, den uns die vorherigen Nutzer des Anwesens hinterlassen hatten.) Es bedurfte weder langer Diskussionen noch langwieriger Maßnahmen, um einen würdigen Platz ehrenden Gedenkens an die Opfer des Großen Vaterländischen Krieges zu schaffen. Die Einweihung eines kleinen Findlings führte die Dorfeinwohner und den Lehrgang unserer Schule zu einer gemeinsamen und angemessenen Veranstaltung zusammen. Die ›Lehren‹ aus der Angelegenheit hatten noch lange Nachwirkungen insofern, als menschliches Verhalten doch nicht als immer gegeben und als selbstverständlich vorausgesetzt werden kann, wenn es sich um Dinge handelt, die mit Krieg und Frieden verwoben sind« (Fritz Rathig: Von Deutsch-Südwest nach Deutsch-Nordost. Ein Lebensbericht, Berlin 2020, Seite 270–272). Der Autor schildert, wie sehr ihn das Schicksal einer Witwe bewegte, deren Mann als Soldat umgekommen war und die ihm erklärte, wie schwer es sei, keinen Ort zum Trauern zu haben.

So wurde die Inschrift auf dem Findling sowohl den sowjetischen Soldaten, die offenbar als Gefangene in den letzten Kriegstagen von SS erschossen worden waren, als auch den deutschen Wehrmachtsangehörigen gewidmet. Sie wurde gemeinsam von Dorfbewohnern und den Mitgliedern der Friedensschule entworfen: »Die Toten mahnen uns. Erhaltet das Leben, kämpft für den Frieden.«

Im Gesetz zum Abkommen der Regierung der BRD und der Regierung der Russischen Föderation über Kriegsgräberfürsorge vom Mai 1994 verpflichtet sich die Bundesrepublik, die »Erhaltung und Pflege dieser Gräber in würdiger Weise sicherzustellen«. Der Findling von Götschendorf ist dabei offenbar untergegangen

Eine Initiative will nun mit Hilfe der Gemeinde den Versuch starten, hier einen würdigen Ort der Erinnerung zu schaffen – mit restaurierter Inschrift und einer Informationstafel. Am 8. Mai 2022 soll die Wiedereinweihung stattfinden.

Michael Polster ist Publizist und lebt in Berlin

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