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Aus: Ausgabe vom 19.06.2021, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Sichtbares Zeichen

Von Arnold Schölzel
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Als der polnische Historiker ­Tomasz Szarota (geb. 1940) 2009 aus dem wissenschaftlichen Beirat der »Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung« austrat, erklärte er: »Deutschland soll endlich seine Gesellschaft darüber aufklären, dass nicht Flucht und Vertreibung vieler Menschen aus ihren angestammten Gebieten das größte Unglück des Zweiten Weltkriegs darstellt. Eine viel größere Tragödie war die Vertreibung aus dem Leben.« In einer Sendung von Deutschlandradio Kultur über das nun vor der Eröffnung stehende Dokumentationszentrum der Stiftung zitierte Autorin Victoria Eglau dies am 9. Juni und meinte hinzufügen zu müssen, Szarota habe das »in Anspielung auf den Massenmord und andere Verbrechen Nazideutschlands in Polen« geäußert. Das Wort Polen kam bei Szarota aber nicht vor. Eglau fügte außerdem an: »In Polen wurden die Pläne für ein Zentrum zur Erinnerung an die Vertreibung der Deutschen, ursprünglich ein Projekt des Bundes der Vertriebenen unter seiner Präsidentin Erika Steinbach, besonders misstrauisch beäugt.«

Die »Vertriebene« Steinbach – im besetzten Polen als Tochter eines deutschen Besatzungssoldaten geboren – steht heute der AfD nahe so wie ihr Lieblingsvorhaben deren Geschichtsbild: die Deutschen als Hauptopfer der Weltgeschichte. Die FAZ überschrieb dementsprechend ihren Vorabbericht über das Dokumentationszentrum, das an diesem Montag von Bundeskanzlerin Angela Merkel im sogenannten Deutschlandhaus in der Berliner Stresemannstraße feierlich eröffnet wird, mit: »Eine Lücke im Gedenken füllen« – gemeint ist allen Ernstes, es gebe in der BRD eine geschichtspolitische Fehlstelle zu den deutschen »Vertriebenen«. Der erste Satz des Artikels lautet jedenfalls: »Die Erinnerung an Flucht und Vertreibung von Millionen Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg hat in Berlin einen zentralen Ort gefunden.« Der Festakt für das »sichtbare Zeichen«, das CDU und SPD 2005 im Koalitionsvertrag vereinbart hatten, findet einen Tag vor dem 80. Jahrestag des faschistischen Überfalls auf die Sowjetunion statt – es ist der Beitrag der Bundesregierung zu diesem Datum. Im wissenschaftlichen Beirat der Stiftung sitzt kein Vertreter einer früheren Sowjetrepublik.

In den Vorabberichten deutscher Medien über die Dauerausstellung kam die Sowjetunion nur so vor wie bei Harry Nutt, dem Feuilletonchef der Berliner Zeitung, der dort und in der Frankfurter Rundschau einen gleichlautenden Artikel veröffentlichte, dessen Aufhänger die Erzählung über die Vergewaltigung eines 14jährigen deutschen Mädchens durch einen Rotarmisten ist. Nutt nennt das »eine bislang kaum erzählte Schlüsselszene der Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts« und zitiert eine Passage aus der »Blechtrommel« von Günter Grass. Warum soll ihm auch Erwin Strittmatter einfallen oder eine andere Schlüsselszene von Babi Jar bis Chatyn? Wer den 22. Juni 1941 nicht kennt, hat in der BRD einen Freibrief für Urteile unbegrenzter Art. Nutt nennt es z. B. »skandalös harmlos«, dass die Potsdamer Konferenz von »Umsiedlung« der Deutschen sprach. Dabei erscheint aus der Rückschau, nach 72 Jahren BRD und ihrem »Vertreibungs«-Hexensabbat der Begriff genauer, um nicht grundlegende Unterschiede im Sinne Szarotas zu verwischen. Bei »Umsiedlung« ging es um eine völkerrechtlich legitime, eine äußerst harte Sanktion, die Vertreibungen aber, die von Deutschen vorgenommen wurden, hatten Tod, Vergewaltigung, Plünderung und Verhungern zum Ziel. Unter Deutschen, die den Krieg überlebt, also von den deutschen Verbrechen im Osten eine Ahnung hatten, ging 1945 die Furcht um, die Armeen der befreiten Völker könnten mit ihnen so verfahren wie die Soldaten des Führers dort. Von Steinbach bis Nutt ist das vergessen. Auch ein sichtbares Zeichen.

Unter Deutschen, die den Krieg überlebt, also von den deutschen Verbrechen im Osten eine Ahnung hatten, ging 1945 die Furcht um, die Armeen der befreiten Völker könnten mit ihnen so verfahren wie die Soldaten des Führers im Osten. Von Steinbach bis Nutt ist das vergessen.

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