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Aus: Ausgabe vom 19.06.2021, Seite 11 / Feuilleton
Film

Krieg ist Leiden

Elem Klimows berühmter Film »Komm und sieh« in einer deutschen Neuedition
Von Reinhard Lauterbach
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Bilder, die jahrelang im Kopf bleiben (Filmszene)

Hat jemand gezählt, wie viele Filme in der Sowjetunion über den »Großen Vaterländischen Krieg« gedreht worden sind? Die russische Wikipedia kommt auf 359, es können aber auch mehr sein. »Komm und sieh« von Elem Klimow (1985) hat in dieser Reihe eine Sonderrolle. Es ist wohl der expressivste und gleichzeitig unheroischste Film über den Zweiten Weltkrieg, der je sowjetische Studios verlassen hat.

Angesichts des zahlenmäßigen Umfangs des Genres kann es nicht wundern, dass es im sowjetischen Kriegsfilm Trends und Gruppen gibt. In den ersten 15 Jahren nach Kriegsende wurde das Thema der Kriegserfahrung im sowjetischen Kino erstaunlich selten dargestellt, vielleicht war das Trauma noch zu frisch, drohte die zwangsläufige Ästhetisierung mit zu vielen realen Erinnerungen von Teilnehmern in Konflikt zu geraten. Dann entstanden »lyrische« Kriegsfilme, etwa »Die Kraniche ziehen« (1957), eine tragische Liebesgeschichte, mit der das sowjetische Nachkriegskino seinen Durchbruch auch im Westen hatte. Der Film spiegelt die ideologische Entspannung im Inneren der UdSSR im Zuge der »Tauwetter«-Jahre des frühen Chruschtschow, als auch die Leiden der Zivilbevölkerung zum Thema wurden. In dem Maße, in dem die Perspektive auf den Kommunismus in erwartbarer Zukunft, die bei Chruschtschow noch propagiert wurde, in den Hintergrund trat, wurde die Kriegserinnerung zum zentralen Moment der Integration der sowjetischen Gesellschaft und zur Plattform ihres Patriotismus, und die Kriegsfilme wurden pompöser. Damals entstanden epische Großpanoramen wie der Fünfteiler »Befreiung«, in dem der Krieg – trotz eingeflochtener Liebesfabel – von den Kommandohöhen aus betrachtet wurde: detailgenau bis ins Penible, mit Unmengen historischen Militärgeräts im Einsatz, der Stalin-Darsteller sprach Russisch mit georgischem Akzent, den Hitler spielte Fritz Diez aus der DDR, der sich dafür extra dessen schwere österreichische Sprechweise antrainiert hatte.

Vor diesem Hintergrund ist nachvollziehbar, welchen Bruch mit den Traditionen des Genres Klimows »Komm und sieh« (ab 1977 gedreht, erst 1985 in die Kinos gekommen) darstellt. Er spielt im Hinterland des besetzten Belarus und schildert, wie ein Halbwüchsiger gegen den Willen seiner Mutter und der Alten des Dorfes zu den Partisanen geht. Dort wird er aber als zu jung nicht in den Kampf mitgenommen und muss sich angesichts eines deutschen Angriffs in sein Dorf zurückziehen. Dort erlebt – und überlebt mit viel Glück – er eine Vernichtungsaktion deutscher Polizeieinheiten und ihrer ukrainischen Helfershelfer, die der Film mit einer kaum zu beschreibenden naturalistischen Dichte abbildet. Wer diese Bilder einmal gesehen hat, dem gehen sie noch nach Jahren nicht aus dem Kopf. Bis hin zu Kleinigkeiten wie dem Äffchen, das der deutsche Kommandeur während der Mordaktion auf der Schulter sitzen hat. Vielleicht merkt man sich ein solches Detail auch leichter, weil es vom Entsetzen über die Gesamtsequenz ablenkt.

Es gibt in diesem Film auch auf seiten der Partisanen kein positives Heldentum, im Lager herrschen eher Chaos als militärische Ordnung, im übrigen Improvisation und Hunger. Der Film spart nicht aus, dass die Requisitionen von Vieh bei den Bauern nur bedingt zur Verbundenheit zwischen der Bevölkerung und den Kämpfern beitragen. Und dass die Dorfbewohner in erster Linie überleben wollen. In der Eingangsszene überrascht ein Bauer den Helden, wie er gemeinsam mit anderen Kindern nach im Sand versunkenen Waffen buddelt, und schreit sie an: »Was macht ihr da? Ihr zieht nur Unglück auf uns.« Der Originalton des Films ist übrigens zu großen Teilen, anders als im Beiheft angegeben, nicht russisch, sondern belarussisch.

Bei aller künstlerischen Freiheit im einzelnen beruht »Komm und sieh« auf dokumentarischen Grundlagen. In erster Linie mehreren Werken des belarussischen Autors Ales Adamowitsch. Szenen wie das Verbrennen der Zivilbevölkerung des Dorfes bei lebendigem Leib in einer Scheune oder das Hetzen von Hunden auf Kinder, die als schöpferische Phantasie des Regisseurs grenzwertig – weil auf eine perverse Art die Gewalt ästhetisierend – wirken würden, beruhen auf tatsächlichen Vorkommnissen: Komm und sieh, dies alles ist geschehen. Fast 700 belarussische Dörfer haben die deutschen Besatzer bei »Vergeltungs-« und »Bandenaktionen« niedergebrannt; 2,2 Millionen Bewohner der Republik, jede und jeder vierte, kamen während der drei Jahre der deutschen Besatzung ums Leben.

»Komm und sieh« erntete in der Sowjetunion gemischte Reaktionen – genau wegen seiner im Grunde pazifistischen Gesamtaussage. Trotzdem erreichte er mit 28 Millionen Zuschauern einen enormen Erfolg beim Publikum. Im Westen dagegen wurde der Film in den höchsten Tönen gelobt, als »bester Kriegsfilm überhaupt«. Er transportiert in einer seltenen Dichte die Erkenntnis, dass Krieg alle Beteiligten traumatisiert, »auch der Hass auf die Niedrigkeit die Züge verzerrt«. Klimow hat nach diesem Film keinen weiteren mehr realisiert. Verständlich. Nach so einem Projekt geht man nicht zur Tagesordnung über. Nach dem Anschauen des Films auch nicht.

»Komm und sieh«, Regie: Elem Klimow, Sowjetunion 1985, 146 Min.; zwei DVDs, zu beziehen über bildstoerung.tv

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