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Aus: Ausgabe vom 19.06.2021, Seite 10 / Feuilleton
Melodie & Rhythmus

Zerlegt, zerhackt, in Gold verwandelt

Leib der Ware: Die neue Melodie & Rhythmus mit dem Schwerpunkt »Fleisch«
Von Andreas Hahn
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Am Ende bloß noch ein Zahlencode (Fotoreportage von Aitor Garmendia)

Das Fleisch. Die just erschienene aktuelle Ausgabe von Melodie & Rhythmus – Magazin für Gegenkultur ist ihm gewidmet. Auf dem Cover sieht man die schwarze Silhouette eines toten Schweins am Haken vor einem blutroten Hintergrund. Darüber prunkt eine gelbe, unterstrichene Leuchtschrift, die »Fleisch« anzupreisen scheint. Die Schweineleiche am Haken hängt offensichtlich in einem Schaufenster, dem bestimmter Bordelle vergleichbar, zumindest in einer Art Auslage. Im Bildvordergrund sieht man die Silhouetten der Hinterköpfe derer, die hinein­blicken – Voyeure oder Schlächter.

»Fleisch«, kaum ein Begriff könnte mehrdeutiger sein. Das Fleisch ist beispielsweise schlicht ein Agrikulturprodukt: das Fleisch auf dem Teller, in der Auslage der Fleischerei, das verschweißte Fleisch im Supermarkt, das Hummerfleisch, das sich in der Schale, der Karkasse, verbirgt, und nicht zu vergessen auch das Fruchtfleisch der Aprikosen, Tomaten, Melonen, Auberginen usw. Solches kommt manchmal auch auf den Teller. Bis das Produkt dorthin gelangt, muss es freilich erst einmal produziert werden. Dies geht bekanntlich nicht immer ohne Grausamkeiten vonstatten. Daher auch die oft zweideutigen Scherze, die mit der Fleischerei gemeinhin verbunden sind. In Flauberts »Dictionnaire des idees recues« wird unter dem Eintrag »Charcutier« (Fleischer, Metzger) notiert, was nicht fehlen darf: »Anekdoten über Pasteten, die aus Menschenfleisch gemacht sind. Alle Metzger sind hübsch (jolie).«

Pars pro toto steht das Fleisch für den Leib, die Körperlichkeit, weitergehend für die materielle Existenz überhaupt, deren Vergänglichkeit – »der Weg allen Fleisches« (die sarkastische Verwendung dieser Redewendung, wann immer sie sich anbietet, ist übrigens einer der charmanten rhetorischen Ticks eines gewissen Karl Marx). Damit nicht unverwandt, steht das Fleisch in seiner theologischen Variante für die sexuelle Beziehung, die Fleischeslust, das »sündige Fleisch«, das »geile Fleisch«. Damit hat es eine spezielle historische Bewandtnis. Und auch Marx kann im ersten Band von »Das Kapital« nicht widerstehen, damit seine allegorischen Scherze zu treiben: »Um also praktisch die Wirkung eines Tauschwerts auszuüben, muss die Ware ihren natürlichen Leib abstreifen, sich aus nur vorgestelltem Gold in wirkliches Gold verwandeln, obgleich diese Transsubstantiation ihr ›saurer‹ vorkommen mag als dem Hegelschen ›Begriff‹ der Übergang aus der Notwendigkeit in die Freiheit oder einem Hummer das Sprengen seiner Schale oder dem Kirchenvater Hieronymus das Abstreifen des alten Adam«, schreibt er im Abschnitt über »Ware und Geld« und fügt folgende erläuternde Anmerkung hinzu: »Wenn Hieronymus in seiner Jugend viel mit dem materiellen Fleisch zu ringen hatte, wie sein Wüstenkampf mit schönen Frauenbildern zeigt, so im Alter mit dem geistigen Fleisch. ›Ich glaubte mich‹, sagt er z. B., ›im Geist vor dem Weltrichter.‹ – ›Wer bist du?‹ fragte eine Stimme. – ›Ich bin ein Christ.‹ – ›Du lügst‹, donnerte der Weltrichter. ›Du bist nur ein Ciceronianer!‹«

Der natürliche Leib der Ware – gleichsam ihr Fleisch – muss sich mit theologischen Mucken in einen geistigen Leib, in Gold verwandeln, und das heißt es, »sauer« zu verdienen.

Den vielen Gestalten des Fleisches versucht diese Ausgabe der Melodie & Rhythmus nun gerecht zu werden. Die Zielrichtung ist dabei nicht unparteiisch. Im Editorial der Chefredakteurin Susann Witt-Stahl heißt es: »Mit dieser Ausgabe wollen wir Solidarität mit dem quälbaren Fleisch gegen die Obszönität der Gewalt seiner Unterdrückung setzen und sozialistische Fleischeslust gegen die Pornographie, die den Körper verdinglicht.«

Das Fleisch, dem diese Solidarität gilt, hat zunächst eine Geschichte, eine Literaturgeschichte, die in Arnold Schölzels Titelgeschichte »Zerlegt, zerhackt, zu Scheiben geformt« nicht zuletzt eine Literaturgeschichte des Schlachthauses ist, in deren Zentrum Upton Sinclairs Roman »Der Dschungel« steht. Eben daraus stammt auch die berühmte Formulierung der »Schweinefleischherstellung durch angewandte Mathematik«, sprich, der Schlachtung, Zerteilung und Verpackung am Fließband, an der »Disassembly Line«.

Schlachtvieh und Tierschutz bilden einen roten Faden dieser Ausgabe. Ein anderer ist das Festmachen und Bekämpfen eines theoretischen Feindes: des sogenannten neuen Materialismus. Exemplarisch dafür der von Diane Coole und Samantha Frost herausgegebene Sammelband »The New Materialism« (Duke University Press, 2010) oder Graham Harmans Einführung in eigener Sache »Objekt Oriented Ontology – A New Theory of Everything« (2017).

Ein Essay der Soziologin Julie P. Tornant –»Bedeutungsvolles Fleisch« – nimmt dazu die Gegenposition ein. Dazu das Editorial unversöhnlich: »Wie Julie P. Tornant darlegt, ist (die) Verwahrlosung des kritischen Bewusstseins nicht zuletzt einer verblendeten akademischen Linken zu verdanken, die einen ›neuen Materialismus‹ anpreist, der sich als Verlängerung des vom Poststrukturalismus propagierten idealistischen Irrwegs erweist.«

Melodie & Rhythmus – Magazin für Gegenkultur, 3/2021, 100 Seiten, 6,90 Euro

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